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»Ich habe die Daten auf drei verschiedenen Geräten gegengeprüft«, versicherte Franke. »Ihr Wundermaschinchen spinnt wieder einmal, Warstein. Vielleicht will es ja auch nur wieder gutmachen, was es vor einem halben Jahr behauptet hat.«

Warstein hörte die Worte kaum. Die Zahlen auf dem Papier vor ihm waren eindeutig, und sie bewiesen zweifelsfrei, daß Franke recht hatte. Vor einem halben Jahr hatte sein Laser die Länge des Tunnels mit mehr als einer Million Kilometer angegeben. Jetzt behauptete er, er wäre zweiundsiebzig Meter lang. Er wollte etwas sagen, aber er fand einfach keine Worte. Seine Hände zitterten, und er verspürte einen heftigen Zorn auf sich selbst, sich vor Franke so gehenzulassen. Zweifellos weidete Franke sich an seinem Entsetzen, und zweifellos deutete er es völlig falsch. Aber Warstein war ja nicht einmal in der Lage, das Gefühl selbst richtig einzuordnen. Er begann in Panik zu geraten - und das, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab. Das Gerät zeigte falsche Meßergebnisse an - na und? Wieso erschreckte ihn das so? Kein Computer war unfehlbar.

»Ich ... werde das sofort nachprüfen«, sagte er und machte Anstalten aufzustehen.

Franke hielt ihn mit einer befehlenden Handbewegung zurück. »Das ist nicht nötig«, sagte er. »Jedenfalls nicht sofort. Meinetwegen können Sie später mit einem Bandmaß in den Tunnel gehen und ihn höchstpersönlich ausmessen, aber im Moment möchte ich mit Ihnen reden.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf die aufgeschlagene Seite. »Darüber.«

»Was gibt es da...«

»Wissen Sie, wieviel Geld und Zeit das Unternehmen bis jetzt in Ihr revolutionäres Meßsystem gesteckt hat?« fuhr Franke fort.

»Sehr viel«, antwortete Warstein. Er wußte die Summe auf hundert Mark genau - schließlich verlangte Franke von jedem seiner Mitarbeiter, akribisch Buch zu führen -, aber er hatte das sichere Gefühl, daß es im Moment das Klügste war, sowenig wie möglich zu sagen.

»Wir sollten allmählich darüber nachdenken, ob es sich lohnt, weiter in dieses Projekt zu investieren.«

»Sie verlangen nicht im Ernst von mir -«

»Ich verlange gar nichts«, sagte Franke betont. »Aber wir sollten uns unterhalten. Von Wissenschaftler zu Wissenschaftler. Ich weiß, daß Sie mich nicht leiden können, aber ich denke, wir sollten alle persönlichen Dinge für einen Moment außer acht lassen. Finden Sie nicht, daß es an der Zeit ist, allmählich zuzugeben, daß Sie sich geirrt haben?«

»Inwiefern?«

»Ganz offensichtlich funktioniert der Apparat nicht richtig«, antwortete Franke. »Sie wissen es doch selbst. Ich gebe zu, anfangs war ich beeindruckt, aber mittlerweile...« Er ließ den Satz unvollendet und zuckte statt dessen die Achseln. »Die Idee ist gut, das finde ich nach wie vor. Aber nicht alle guten Ideen lassen sich in der Praxis auch verwirklichen.«

Irgendein himmlischer Regisseur mit einem übertriebenen Sinn für Dramatik schien ihr Gespräch zu belauschen, denn genau in diesem Moment rollte ein weiterer, noch lauterer Donnerschlag von draußen herein, um Frankes Worte zu untermalen. Warstein fuhr sichtbar zusammen, aber Franke zuckte mit keiner Wimper.

»Ich werde herausfinden, was nicht stimmt«, sagte Warstein. »Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit.«

»Sie verstehen mich nicht«, sagte Franke. »Ihr System soll den gesamten Tunnel überwachen. Den Zugverkehr leiten. Signale steuern ... alles eben. Es ist nicht irgendein Computer, der arbeiten kann oder auch nicht. Wenn es ausfällt oder sogar falsche Daten liefert, dann können dabei Menschen sterben, ist Ihnen das klar?«

Warstein versteifte sich. »Was wird das?« fragte er. »Der diplomatische Prolog zu meiner Kündigung?«

Er sprach so laut, daß er auch an den benachbarten Tischen deutlich zu hören sein mußte, aber das war ihm egal. Franke hätte ihm diese Liste genausogut zehn Minuten später in seinem Büro präsentieren können, aber er war eigens hierhergekommen, um Publikum für seinen Auftritt zu haben. Gut, wenn er seine Show haben wollte, sollte er sie bekommen. Warstein war plötzlich in Kamikaze-Stimmung. Was hatte er noch zu verlieren?

»Sagen Sie es laut, wenn Sie wollen, daß ich gehe«, sagte er herausfordernd.

»Blödsinn«, sagte Franke unwirsch. »Sie sind ein fähiger Mann. Ich brauche Sie. Ich überlege nur, ob Ihre Fähigkeiten nicht besser eingesetzt werden können, das ist alles.«

Warstein stand mit einem Ruck auf. »Dann denken Sie in Ruhe darüber nach«, antwortete er. »Wenn Sie zu einem Ergebnis gekommen sind, lassen Sie es mich wissen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Meine Pause dauert noch fünf Minuten, und ich brauche dringend frische Luft.«

Er ging, ehe Franke noch etwas erwidern konnte. Einige der Männer, deren Aufmerksamkeit ihr am Schluß alles andere als leises Gespräch auf sich gezogen hatte, grinsten ihn an, aber Warstein war nicht nach Lachen zumute. Nicht im geringsten. Vielleicht hatte er diese Runde nach Punkten gewonnen, aber es war ein Sieg, den er noch bereuen würde. Eigentlich tat er es jetzt bereits.

11

Warsteins Hände zitterten, als er ins Freie trat und sich rasch ein paar Schritte von der Kantine entfernte. Ein Arbeiter mit einem gelben Schutzhelm, der ihm entgegenkam, hielt mitten in der Bewegung inne und sah ihm verstört nach. Falls er überhaupt noch einen Beweis dafür gebraucht hatte, daß sich sein innerer Aufruhr deutlich auf seinem Gesicht widerspiegelte, nun hatte er ihn. Warstein revidierte seine Meinung: es war kein Sieg nach Punkten gewesen. Er würde...

Etwas geschah.

Warstein fuhr erschrocken zusammen und sah zum Berg zurück. Der Gridone ragte schwarz und majestätisch wie immer über ihm auf, nichts hatte sich verändert, und doch war nichts, wie es noch vor einer Sekunde gewesen war. Irgend etwas ... war geschehen. Nichts Sichtbares. Nichts Fühlbares, sondern eine ... etwas wie eine Veränderung der Dinge an sich, als wäre die ganze Welt um ein winziges Stückchen zur Seite gerutscht und hätte jetzt einen anderen Platz auf der Skala der Schöpfung eingenommen. Es war wie ein nicht völlig gelungener Schnitt in einem Film. Der Wirklichkeit war der Bruchteil einer Sekunde abhanden gekommen; zu wenig, um es wirklich zu bemerken, aber auch zu viel, um es zu übersehen. Und die Veränderung hielt an.

Warstein sah sich nervös um. Er schien der einzige zu sein, der etwas bemerkt hatte. Die Männer rings um ihn herum gingen weiter ihren Tätigkeiten nach, die Maschinen arbeiteten wie zuvor, der Himmel war wolkenlos, und von Zeit zu Zeit grollte immer noch der Donner, der nur für ihn hörbar zu sein schien. Aber da war etwas mit dem Licht. Es war härter geworden; Streifen aus leuchtendem Glas, die in Schichten über dem Plateau lagen und zwischen denen die Luft zu gerinnen schien. Die Schatten waren dunkler, als sie sein sollten, und zwischen ihnen und dem Licht, in einem Bereich der Wirklichkeit, den es eigentlich gar nicht geben durfte, bewegte sich etwas. Die Luft hatte plötzlich einen eigenartigen Kupfergeschmack, und er glaubte sie zwischen den Fingern zu fühlen, wie etwas von spürbarer Konsistenz. Was hatte Saruter gesagt? Die Welt wird nicht mehr so sein, wie sie vorher war. Vielleicht wird niemand den Unterschied überhaupt bemerken, aber vielleicht wird sie auch so fremd sein, daß wir nicht mehr in ihr leben können...

»Ruhig«, sagte Warstein. »Beruhige dich.« Er sprach die Worte laut aus, und der Trick wirkte, wenn auch wahrscheinlich nicht für lange. Die Panik, die sich seiner für einen Moment zu bemächtigen gedroht hatte, kroch wieder in ihren Käfig am Grunde seiner Seele zurück. Aber es gelang ihm nicht, die Tür völlig zu schließen. Sie würde wiederkommen, und ein zweites Mal würde er ihrer vielleicht nicht Herr werden. Er mußte die anderen warnen, so lange er es noch konnte.

Warnen? Aber wovor?

Erneut und noch deutlicher als das erste Mal fiel ihm auf, wie normal das Leben rings um ihn verlief. Nur wenige Meter neben ihm stand eine Gruppe von Männern, die sich angeregt unterhielten; dann und wann sah einer von ihnen in seine Richtung, schaute aber immer rasch weg, wenn er Warsteins Blick begegnete. Irgendwo dudelte ein Radio. Stimmen. Lachen. Das Tuckern eines Dieselmotors, der zum Leben erwachte. Der Boden unter seinen Füßen zitterte. Nein, er atmete; ein regelmäßiges, pumpendes Heben und Senken, begleitet von einem unheimlichen, seufzenden Laut, der direkt in Warsteins Kopf zu entstehen schien.