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Und dann zerriß ein Blitz das azurne Blau des Himmels, so grell und intensiv, daß es hinterher für eine Sekunde Nacht zu werden schien.

Warstein schrie auf und riß die Hände vor das Gesicht, und diesmal war er nicht allein. Die Männer neben ihm fuhren erschrocken zusammen, duckten sich, hoben schützend die Arme über den Kopf oder begannen zu fluchen, je nach Temperament und Charakter. Das dumpfe Grollen, das bisher nur Warstein allein gehört hatte, rollte als hundertfach gebrochener Donnerschlag zwischen den Berggipfeln ringsum heran, und nun zitterte der Boden wirklich. Der Dieselmotor ging aus. Irgendwo hinter ihm zerbrach Glas, und an der Flanke des Berges löste sich eine kleine Geröllawine, die einen Teil des Zaunes niederwalzte. Warstein sah aus den Augenwinkeln, wie sich einige Männer mit entsetzten Sprüngen in Sicherheit brachten, konnte aber nicht erkennen, ob es ihnen gelang, den heranrasenden Felsmassen noch rechtzeitig auszuweichen. Dann war das Gewitter da.

Es zog nicht etwa herauf, es war einfach da. Schwarzgraue Wolkengebirge quollen aus dem Nichts und verschlangen den Himmel über der Baustelle. Ein nicht enden wollendes Donnern und Dröhnen verschlang Warsteins erschrockene Schreie, und eine Sekunde später zuckten Blitze nieder, blaue, kerzengerade Lichtpfeile, die funkensprühend im Maschendrahtzaun und den Stromleitungen explodierten.

Im gleichen Moment begann es zu regnen, aber wie das Gewitter nicht einfach ein Gewitter war, war der Regen nicht einfach nur Regen. Es war, als stürze eine kompakte Wasserwand vom Himmel, eiskalt und mit solcher Wucht, daß Warstein und die anderen taumelten.

Warstein war binnen einer einzigen Sekunde bis auf die Haut durchnäßt. Für einen Moment bekam er kaum Luft. Er riß keuchend die Arme über den Kopf, um sein Gesicht zu schützen, und versuchte sich zu orientieren. Er mußte ins Haus. Der Regen prasselte mit solcher Gewalt vom Himmel, daß er Mühe hatte, sich auf den Füßen zu halten. Auf dem Boden stand bereits zentimeterhoch das Wasser, und hier und da begannen sich kleine Bäche zu bilden, die binnen weniger Augenblicke zu reißenden Wildwassern werden mußten.

Halb blind taumelte er zur Seite. Die Wolken bedeckten den Himmel von Horizont zu Horizont und schirmten das Sonnenlicht ab. Der wolkenbruchartige Regen machte es zusätzlich schwer, irgend etwas zu erkennen. Der Regen stach wie mit spitzen Nadeln in sein Gesicht; wenn er seine Augen traf, tat es weh, so daß er ununterbrochen blinzelte und zusätzlich Tränen seinen Blick verschleierten. Der Boden zitterte. Vom Hang des Berges lösten sich noch immer Steine und machten den Bereich an seinem Fuß zu einer tödlichen Falle. Die immer heftiger niederzuckenden Blitze verschlimmerten die Situation. In dem flackernden, stroboskopischen Licht wirkten alle Bewegungen verzerrt und falsch, alle Umrisse fremdartig und aggressiv. Die Welt hatte sich bewegt; in die Richtung, in der das Chaos und der Wahnsinn lagen.

Warstein taumelte geduckt vorwärts. Er hatte instinktiv wieder die Richtung zur Kantine eingeschlagen, dem nächstliegenden Gebäude, aber obwohl er nur ein paar Schritte entfernt gewesen war, als das Unwetter losbrach, hatte er bereits die Orientierung verloren. Vor ihm lag plötzlich der innere Zaun, der sich hinter der Kantinenbaracke erstreckte, und in dem strömenden Regen wäre er beinahe dagegengeprallt.

Wahrscheinlich hätte es ihm das Leben gekostet, denn in genau diesem Augenblick schlug ein blauweißer Blitz in den Maschendrahtzaun ein. Ein ungeheurer, peitschender Knall marterte seine Trommelfelle. Die Gitterkonstruktion vor ihm flammte auf wie der Glühdraht einer Birne. Geschmolzenes Metall explodierte in alle Richtungen, aber obwohl der Zaun schon gar nicht mehr existierte, zeichneten blaue Linien aus purer, knisternder Energie für einen Sekundenbruchteil seine Umrisse noch nach. Der Hieb einer unsichtbaren Faust traf Warstein und schleuderte ihn rücklings in den Morast. Er fiel, riß schützend die Hände vor das Gesicht und krümmte sich. Rings um ihn herum regnete zerschmolzenes Metall nieder. Überall zischte und blitzte es. Winzige Dampfgeysire stiegen auf, und zwei oder drei Tropfen des weißglühenden Drahtes trafen ihn.

Trotzdem hatte er Glück. Sein Gesicht und seine Hände blieben unversehrt, und seine Kleider hatten sich so mit Wasser vollgesogen, daß die glühenden Funken erloschen, ehe sie bis zu seiner Haut durchbrennen konnten.

Währenddessen nahm das Gewitter noch an Gewalt zu. Die Donnerschläge hatten sich zu einem einzigen, nicht mehr abbrechenden Grollen und Dröhnen vereint, das alle anderen Geräusche verschluckte. Der Regen war so heftig, daß er kaum einen Meter weit sehen konnte. Selbst die Blitze, die nicht in seiner unmittelbaren Nähe niederzuckten, waren nur noch als bläuliches Wetterleuchten zu erkennen, obwohl sie weiter mit unglaublicher Präzision auf den halbrunden Bereich vor dem Tunnel niederfuhren, auf dem sich das Lager erhob. Irgendwo schien es zu brennen. Er sah flackernden roten Feuerschein, ohne erkennen zu können, was da brannte oder in welcher Richtung genau. Armageddon, dachte er. Der Weltuntergang. Wenn es so etwas wie den Jüngsten Tag jemals geben sollte, dann würde er so beginnen.

Aber vielleicht hatte er das ja bereits.

Warstein stemmte sich mühsam hoch, erhob sich in eine geduckte, halb zusammengekrümmte Haltung und versuchte vergeblich, sich zu orientieren. Er befand sich am Zaun, aber er vermochte nicht zu sagen, ob er nach rechts oder links gehen mußte, um den Tunnel zu erreichen - wahrscheinlich den einzig wirklich sicheren Ort, um dieser Sintflut zu entgehen. Mindestens eine der Baracken schien zu brennen, und Warstein war sicher, daß das Unwetter allerhöchstem fünf Minuten brauchen würde, um die Gebäude, die den Blitzen entgingen, zu zerstören. Er mußte in den Tunnel.

Auf gut Glück stolperte er los. Nach ein paar Schritten prallte er gegen einen Mann, der zurückwankte und zu Boden fiel. Der Regen verschlang ihn, noch ehe Warstein sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte und ihm helfen konnte. Warstein taumelte weiter. Ein umgestürzter Wagen tauchte vor ihm auf, offensichtlich von einem Blitz getroffen. Hier und da schwelte das Metall, und anstelle von Rädern hatte er nur noch ausgeglühte, verbogene Felgen. Ein paar Männer taumelten an ihm vorüber, mit wild rudernden Armen und angstverzerrten Gesichtern. Ihre Münder bewegten sich, aber das Toben des Unwetters verschlang ihre Schreie. Warstein versuchte, sich den Lageplan des Baustellengeländes ins Gedächtnis zu rufen, aber es gelang ihm nicht. Er befand sich irgendwo zwischen dem Zaun und der Kantine, aber das war auch schon alles, was er wußte - ein paar Schritte zu weit in die falsche Richtung, und er lief Gefahr, in den Bereich des Steinschlages zu geraten oder wieder gegen den Zaun zu prallen. Wunderbar, dachte er sarkastisch. Er hatte die freie Auswahl, erschlagen oder gegrillt zu werden. Aber er konnte auch nicht hierbleiben. Es war noch nicht vorbei, das spürte er. Ganz im Gegenteil - das Schlimmste stand ihnen noch bevor. Wieder bebte die Erde, diesmal auf eine andere, direktere Art. Warstein spürte, wie sich tief unter seinen Füßen etwas bewegte; ein schweres, machtvolles Vibrieren und Zittern, als hätte sich etwas Großes, unvorstellbar Mächtiges geregt und eine neue Position eingenommen.

Irgendwie gelang es ihm, auf den Füßen zu bleiben, und vielleicht hatte er sogar so etwas wie einen Orientierungspunkt gefunden: etwas Riesiges, Gelbes tauchte für einen Moment aus dem Regen auf, nicht nahe genug, um es wirklich zu erkennen, sondern nur ein Schemen, dessen Umrisse von den vom Himmel stürzenden Wassermassen weggewaschen zu werden schienen. Trotzdem wußte er jetzt endlich, wo er war. Der gelbe Schemen war eine Transportmaschine, die unweit des Tunneleinganges stand. Er hatte sich dem Berg weiter genähert, als er geglaubt hatte. Dann sah er den Schatten dahinter, und aus seiner Vermutung wurde Gewißheit. Die Dunkelheit vor ihm war etwas intensiver als auf der anderen Seite; der Berg, der das Wetterleuchten der Blitze abschirmte. Die linke Hand schützend über das Gesicht gehoben und den anderen Arm tastend ausgestreckt wie ein Blinder in unbekanntem Terrain stolperte er weiter. Er sah immer wieder Männer aus dem Toben der Naturgewalten auftauchen; vertraute Dinge, deren Umrisse plötzlich fremd und gefährlich erschienen, und dazwischen bewegte sich noch etwas anderes, keine Schatten, aber auch keine Substanz, sondern etwas dazwischen, das nicht in diese Realität gehörte, sondern aus einer fremden, unvorstellbar anderen Wirklichkeit herüberdrängte.