Es war kein Unwetter. Nicht wirklich. Die Naturgewalten liefen Amok, aber es war nicht die Ursache, sondern Auswirkung dessen, was geschah. Das Tor war aufgestoßen worden, aus dem Haarriß in der Wirklichkeit wurde ein Spalt, in den das Ungeheuer seine Krallen geschlagen hatte und ihn weiter zu öffnen versuchte. Irgend etwas Fremdes drängte in diese Welt, und es war so unglaublich fremd und anders, daß sich die Kräfte der Natur mit aller Macht zur Wehr setzten. Warstein begriff plötzlich, daß sie sich mitten in einem Krieg befanden, die erste Schlacht der Kräfte des Hier und Jetzt gegen die des Irgendwann und Irgendwo, des Chaos gegen die Ordnung, ein Ringen unvorstellbarer Gewalten, in dem sie einfach zermalmt werden würden. Er mußte weg hier. In den Berg. Vielleicht war der Tunnel mit seinen Mauern aus Millionen Tonnen Felsgestein der einzig sichere Ort weit und breit. Vielleicht erwartete ihn dort auch der sichere Untergang, aber in diesem Moment war Warstein fest davon überzeugt, daß sie alle hier draußen den Tod finden mußten, wenn das Unwetter noch stärker wurde. Und das würde es.
Später sollte ihm klar werden, daß es nur Minuten gedauert hatte, ein kurzer, wenn auch unvorstellbar heftiger Ausbruch bizarrer Gewalten, doch während es andauerte, schien die Zeit stillzustehen. Nur noch ein Dutzend Schritte, und er war in Sicherheit, aber es war, als wäre er in einem jener Alpträume gefangen, in denen man rannte und rannte und doch nicht von der Stelle kam.
Etwas Hartes traf sein Gesicht. Warstein fiel mit einem überraschten Schrei auf die Knie, hob die Hand an die Wange und fühlte Blut; erst danach den pochenden tauben Schmerz. Aber es brauchte erst noch einen zweiten, ebenso heftigen Schlag gegen die Schulter, bis er wirklich begriff, was ihn getroffen hatte.
Hagel. Rings um ihn herum spritzte das Wasser wie in einer ununterbrochenen Folge von Miniatur-Explosionen auf, und er spürte, wie weitere harte Schläge seine Schultern und seinen Rücken trafen. Warstein schrie vor Schmerz auf, sprang in die Höhe und spurtete auf den rettenden Schatten vor sich los, wobei er versuchte, sein Gesicht so gut es ging vor den Hagelkörnern zu schützen. Sie waren unterschiedlich groß: er sah tödliche Geschosse von der Größe eines Tennisballes unweit von sich auf dem Boden zerschellen, andere wiederum waren wie Nadeln, die zwischen seinen schützend über das Gesicht gehaltenen Händen hindurchrasten und in seine Haut stachen. Er schrie jetzt ununterbrochen, aber das Toben der außer Rand und Band geratenen Naturgewalten verschlang selbst das Geräusch seiner eigenen Stimme in ihm. Er taumelte blind durch den tödlichen Vorhang aus Wasser und Eis und betete, daß er die Richtung beibehielt. Er blutete jetzt schon aus einem Dutzend kleiner und größerer Wunden, und sein Körper fühlte sich an, als wäre er mit Hämmern bearbeitet worden. Er würde keine zwei Minuten in dieser Hölle mehr überstehen.
Wieder stolperte er. Warstein versuchte mit wild rudernden Armen und einem grotesk weit ausladenden Schritt, sein Gleichgewicht zu halten, doch in diesem Moment traf ihn ein taubeneigroßes Hagelkorn wie ein Faustschlag zwischen die Schulterblätter. Er stürzte der Länge nach in den Morast, schluckte Wasser und hob hustend und qualvoll nach Atem ringend das Gesicht aus dem Wasser. Im ersten Moment war er fast blind. Wasser lief ihm in die Augen, und der Schmerz ließ bunte Kreise und Blitze vor seinem Blick explodieren.
Und dann ... sah er.
Vielleicht war es der Schmerz. Vielleicht seine Benommenheit, der Umstand, daß sein Bewußtsein die Grenze zur Ohnmacht schon halb überschritten hatte, aber gleich, aus welchem Grund - er wußte mit unerschütterlicher Sicherheit, daß es keine Halluzination war.
Vor ihm war ein Riß in der Wirklichkeit entstanden. Regen, Hagel und Dunkelheit falteten sich auseinander, einer Leinwand gleich, die von einer brutalen Gewalt auseinandergerissen wurde, so daß sein Blick zwischen den zerknitterten Rändern hindurch auf das fiel, was dahinter lag.
Es dauerte weniger als eine Sekunde, und Warstein konnte hinterher nicht mehr sagen, ob er einen Blick in die Hölle oder den Himmel geworfen hatte. Hinter der Mauer dessen, was er bis zu diesem Moment für die einzige und wahre Wirklichkeit gehalten hatte, lag...
Etwas. Eine fremde Welt voller bizarrer Dinge, unbeschreiblich schön und unvorstellbar erschreckend zugleich, und so anders, daß sein in der Welt des Hier und Jetzt geborenes Bewußtsein das allermeiste nicht einmal verarbeiten konnte; er sah die Dinge, wie sie menschlichen Augen erscheinen mochten, nicht wie sie waren. Da waren Dinge, vielleicht eine Landschaft, vielleicht etwas, das so völlig fremd war, daß es in seiner Sprache keinen Begriff dafür gab. Ein Himmel, der auf eine furchtbare Weise zu leben schien und unter dem sich unbeschreibliche, schwarze Kreaturen am Ufer eines grundlosen Sees immerzu bewegten...
Dann war es vorbei, so schnell, wie es gekommen war. Die Wunde in der Realität schloß sich wieder, und zugleich wurde sich Warstein wieder der Gefahr bewußt, in der er noch immer schwebte. Das Bombardement aus Hagelkörnern hatte nicht aufgehört. Daß er bisher noch nicht von einem großen Geschoß getroffen und ernsthaft verletzt oder gar getötet worden war, glich einem Wunder.
Warstein hatte nicht vor, sein Glück noch weiter auf die Probe zu stellen. Hastig rappelte er sich hoch, zog den Kopf zwischen die Schultern und rannte los. Alles, was weiter als einen Meter entfernt war, verschlang der Regen. Aber nach ein paar Schritten stolperte er über etwas Hartes, das metallisch und gerade in den schlammigen Fluten glitzerte, durch die er lief. Die Schienen. Warstein wandte sich nach links. Er konnte nur noch ein paar Meter vom Tunneleingang entfernt sein, aber sein Ziel kam einfach nicht näher. Für einen Moment hatte er eine furchtbare Vision: er sah sich selbst, nur wenige Meter von der Rettung entfernt, in die falsche Richtung rennend und damit in den sicheren Tod. Endlich sah er einen Lichtschein vor sich - der Tunnel! Warstein mobilisierte verzweifelt noch einmal alle Kräfte, um die letzten Meter zurückzulegen, aber es wurde trotzdem zu einem Spießrutenlauf. Als hätte der Sturm begriffen, daß ihm seine schon sicher geglaubte Beute im allerletzten Moment doch noch zu entkommen drohte, fiel er noch einmal mit Urgewalt und einem wahren Stakkato von Hagelkörnern und nadelspitzen Regentropfen über ihn her. Irgendwie schaffte er es, das letzte Stück auch noch zu überwinden, aber als er in die Sicherheit des Tunneleinganges taumelte, war er am Ende seiner Kräfte. Vollkommen erschöpft ließ er sich gegen die Wand sinken. Alles drehte sich um ihn. Wie über weite Entfernung hinweg registrierte er, daß der Bereich unmittelbar hinter dem Stolleneingang voller Menschen und aufgeregter Stimmen und hektischer Bewegung war, aber er war nicht in der Lage, irgendeinen dieser Eindrücke wirklich zu verarbeiten. Ihm wurde übel. Er schloß die Augen und schluckte ein paarmal, um den Brechreiz zu unterdrücken, der plötzlich in seiner Kehle emporkroch. Es wurde nicht besser dadurch.
Jemand rief seinen Namen. Warstein öffnete die Augen und sah eine Gestalt in einem weißen Kittel auf sich zukommen. Erst nach zwei oder drei weiteren Sekunden klärte sich sein Blick weit genug, um sie zu erkennen. Es war Franke. »Warstein, um Gottes willen. Ist Ihnen was passiert?« Franke kam mit weit ausgreifenden Schritten näher und blieb abrupt stehen, als er noch zwei Meter entfernt war. Die Sorge in seinem Gesicht war echt.