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»Sie bluten ja!« rief er erschrocken. »Sind Sie verletzt? Was ist geschehen?« Warstein hob müde die Hand und betastete mit zusammengebissenen Zähnen seine Stirn. Er fühlte eine kleine, aber brennende und offenbar heftig blutende Wunde über seiner linken Augenbraue, und auch aus seinem Haaransatz sickerte ein warmer, klebriger Strom. Es schien keine Stelle an seinem Körper zu geben, die nicht auf die eine oder andere Weise weh tat. Aber er redete sich zumindest ein, nicht schwer verletzt zu sein.

»Es geht schon«, murmelte er - offenbar mit so wenig Überzeugung, daß Franke plötzlich noch besorgter aussah und einen Schritt näher kam. »Wirklich, ich ... es geht schon. Ich brauche nur einen Augenblick, um mich zu erholen. Das war verdammt knapp. Ich habe schon gedacht, ich schaffe es nicht mehr.«

»Sind Sie wirklich in Ordnung?« fragte Franke besorgt. Er hob die Hand, als wolle er Warsteins Gesicht berühren. »Sie sehen schlimm aus.«

»Es geht schon«, erwiderte Warstein. »Was ist mit den anderen?«

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Franke. »Aber ich denke, die meisten werden es geschafft haben, irgendwie in Sicherheit zu kommen.« Er schüttelte ein paarmal den Kopf und sah zum Eingang. Die Normalität war auf den Kopf gestellt: Der Tunnel war hell erleuchtet, während die Welt draußen zu einem schwarzen Loch geworden war. »Ich habe ja schon viel erlebt, aber so etwas noch nicht. Man könnte meinen, die Welt geht unter.«

»Vielleicht tut sie das ja«, sagte Warstein leise.

Er sah, wie es in Frankes Augen zornig aufblitzte. Aber die scharfe Entgegnung, mit der er rechnete, blieb aus. Franke sah ihn nur eine Sekunde lang wütend an, dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging.

Warstein blieb eine ganze Weile, wo er war; nicht nur, um Kräfte zu sammeln, sondern auch, um wieder zu sich selbst zu finden. Sein Blick hing wie hypnotisiert an dem gewaltigen, steinernen Torbogen, hinter dem die Welt einfach aufzuhören schien, und für etliche Sekunden fragte er sich allen Ernstes, ob es vielleicht tatsächlich so war. Sie lebten und waren zumindest für den Augenblick in Sicherheit - aber was war mit Draußen?

Existierte es noch, oder war Saruters Prophezeiung wahr geworden, und das Tor hatte sich geöffnet und die Welt der Menschen verschlungen?

Der Gedanke kam ihm selbst absurd vor, aber er hatte nicht vergessen, was er dort draußen gesehen hatte, hinter dem Regen. Er fragte sich, warum er Franke nicht davon erzählt hatte, aber natürlich wußte er auch im gleichen Moment schon die Antwort auf diese Frage: weil Franke ihm nicht geglaubt hätte. Weil er ihm gar nicht glauben wollte.

Ein sanftes Zittern unter seinen Füßen riß ihn aus seinen Gedanken. Im ersten Moment war er nicht sicher, aber schon nach einer Sekunde wiederholte sich das Beben, und er war nicht der einzige, der es bemerkte. Überall hielten die Männer erschrocken in ihren Unterhaltungen inne; einige sahen nach oben, als rechneten sie damit, daß die Decke einstürzte. Aber der mit Stahlbeton verstärkte Bogen hielt. Noch.

Warstein blickte rasch wieder zum Eingang. Die Schwärze schien intensiver geworden zu sein, und er hatte plötzlich das Gefühl, daß dahinter etwas herankroch; vielleicht die schwarzen Kreaturen aus seiner Vision, vielleicht auch etwas anderes, das noch schlimmer sein mochte. Irgend etwas bewegte sich in der Dunkelheit.

Er schüttelte den Gedanken ab. Selbst wenn es so war, würde niemand auf ihn hören, selbst wenn - die Gewalten, die sie mit ihrem Tun heraufbeschworen hatten, waren keine, vor denen man warnen konnte. Sie konnten nur warten und hoffen, daß es irgendwie vorbeiging.

Warstein löste sich von seinem Platz und machte sich auf die Suche nach Franke. Er war nicht der einzige, der auf die eine oder andere Art verletzt war. Warstein schätzte, daß sich in dem Bereich hinter dem Stolleneingang an die hundert Männer aufhielten, nahezu alle bis auf die Haut durchnäßt und erschöpft, viele mit blutigen Schrammen und Kratzern auf Gesicht und Händen, und alle mit der gleichen, ungläubigen Furcht in den Augen. Obwohl der Tunnel Platz genug für die zehnfache Anzahl von Männern geboten hätte, hatten sie sich in einem kleinen Bereich vielleicht zwanzig Meter hinter dem Eingang versammelt; wie eine Herde verängstigter Tiere, die vor den Naturgewalten Schutz gesucht hatten und sich instinktiv aneinanderdrängten.

Er fand Franke ganz am Ende dieser Gruppe, in einen heftigen Streit mit Hartmann und einem weiteren Mann im weißen Kittel eines Technikers verstrickt. Warstein konnte nicht verstehen, worum es ging, denn Franke unterbrach sich mitten im Wort, als er ihn bemerkte. Der Techniker ergriff die Gelegenheit, sich hastig zurückzuziehen, während Hartmann nur abwechselnd ihn und Franke anstarrte.

»Warstein, gut, daß Sie kommen!« sagte Franke. Er deutete verärgert auf den Sicherheitsbeamten. »Vielleicht hört er ja auf Sie!«

»Worum geht es?« erkundigte sich Warstein. Fragend blickte er Hartmann an, aber das einzige, was er auf seinem Gesicht las, war eine Mischung aus Entschlossenheit und Trotz.

»Vielleicht können Sie diesem Verrückten ja Vernunft beibringen!« grollte Franke. »Er will tatsächlich wieder hinaus.«

»Das meinen Sie nicht ernst!« sagte Warstein erschrocken.

»Ein paar von meinen Männern sind noch draußen«, erwiderte Hartmann. »Jemand muß nach ihnen sehen.«

»Was Sie sehen werden, ist gar nichts«, antwortete Warstein überzeugt. »Franke hat recht - es ist Selbstmord, dort hinauszugehen, glauben Sie mir. Wer immer jetzt dort hinausgeht, spielt mit seinem Leben.«

»Es ist nur ein Unwetter«, behauptete Hartmann.

»Das ist es nicht«, antwortete Warstein. »Sie wissen das so gut wie ich. Seien Sie vernünftig. Wer nicht hier drinnen ist, hat mit Sicherheit in einem der Häuser Schutz gesucht. Und selbst wenn nicht - Sie können niemandem dort draußen helfen.«

»Ich bin für die Sicherheit in diesem Lager verantwortlich«, beharrte Hartmann. »Sie haben es selbst gesagt - wer jetzt noch dort draußen ist, ist in Lebensgefahr. Verlangen Sie ernsthaft von mir, daß ich hierbleibe und nichts tue?«

»Sie irren sich«, sagte Warstein. »Wer jetzt noch dort draußen ist, ist tot, Hartmann. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin mit knapper Not entkommen.«

»Sie übertreiben, Warstein«, sagte Franke nervös, ehe er sich wieder an Hartmann wandte. »Ende der Diskussion. Sie bleiben hier, bis das Schlimmste vorbei ist. Irgendwann wird dieses Unwetter schließlich wieder aufhören.«

»Das ist kein Unwetter«, sagte Warstein noch einmal, und diesmal konnte Franke nicht mehr so tun, als hätte er die Worte nicht gehört.

»Reden Sie keinen Unsinn, Mann«, sagte er scharf. »Was zum Teufel soll es sonst sein?«

»Das, wovor Saruter uns gewarnt hatte«, entgegnete Warstein. »Was ist los mit Ihnen, Franke? Sind Sie blind? Haben Sie jemals ein solches Unwetter erlebt?«

»Nein«, antwortete Franke. Er hatte Mühe, nicht loszuschreien. »Aber ich habe eine Menge Dinge noch nicht selbst erlebt. Das heißt nicht, daß ich deshalb gleich an Gespenster oder kleine grüne Männchen vom Mars glaube.« Seltsam, dachte Warstein. Davon hatte er nichts gesagt, es nicht einmal angedeutet. Und noch seltsamer war vielleicht, daß Franke zumindest der letzte Teil seiner Antwort sichtlich unangenehm zu sein schien. Aber er war viel zu aufgewühlt, um länger als eine halbe Sekunde darüber nachzudenken.

»Ich -«

»Sie«, unterbrach ihn Franke scharf, und in einer Tonlage, die nur noch eine winzige Nuance davon entfernt war, wirklich zu schreien, »sind dabei, sich allmählich wirklichen Ärger einzuhandeln, Warstein.« Er gestikulierte aufgeregt zum Eingang zurück, ohne Warstein dabei aus den Augen zu lassen. »Dort draußen hat es Verletzte gegeben, vielleicht Tote! Ich habe wahrlich genug Ärger am Hals. Ich brauche nicht noch einen Spinner, der irgend etwas über den Fluch der Berge erzählt oder die Rache der Natur an den Menschen! Haben Sie das verstanden?« Er funkelte Warstein eine Sekunde lang an, und vielleicht, hätte er die Herausforderung in diesem Moment angenommen, wäre alles ganz anders gekommen, denn er spürte sehr wohl die Unsicherheit, die sich hinter Frankes aufgesetztem Zorn verbarg. Aber er tat es nicht, und nach einer Sekunde drehte sich Franke wieder herum und fuhr im gleichen, schneidenden Ton Hartmann an: »Und Sie werden verdammt noch mal tun, was ich Ihnen sage, und so lange hierbleiben, bis die Gefahr vorüber ist!«