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»Das werde ich nicht«, sagte Hartmann ruhig. »Sie können mich, Franke, und das kreuzweise. Ich kündige.«

Franke wurde bleich. »Sie kündigen?« ächzte er. »Kaum! Ich schmeiße Sie raus, Hartmann, auf der Stelle!«

»Na, dann sind wir uns ja ausnahmsweise einmal einig«, sagte Hartmann. Franke schluckte, aber der harte Glanz in Hartmanns Augen machte wohl selbst ihm klar, daß es an der Zeit war, die Taktik zu ändern.

»Seien Sie doch vernünftig, Hartmann«, sagte er. »Sie können nicht -«

»Ich kann, und ich werde«, unterbrach ihn Hartmann. »Versuchen Sie mich aufzuhalten.« Damit wandte er sich um und begann auf den Stolleneingang zuzugehen, um seine Ankündigung in die Tat umzusetzen.

Aber er kam nicht dazu. Hartmann hatte noch keine drei Schritte getan, als aus der stygischen Schwärze jenseits des Tores eine Gestalt auftauchte; breitschultrig, geduckt und in einen gelben Regenmantel gehüllt, dessen hochgeschlagene Kapuze ihr Gesicht verbarg. Trotzdem wußte Warstein, um wen es sich handelte, schon Sekunden, bevor Saruter die Kapuze zurückschlug und sich mit beiden Händen durch das Gesicht fuhr. Kein normaler Mensch hätte es geschafft, durch diese Hölle zu ihnen zu gelangen. Er war nicht einmal sehr überrascht. Irgendwie hatte er gewußt, daß der Alte kommen würde.

»Das darf doch nicht wahr sein!« murmelte Franke. »Das... Warstein! Haben Sie damit zu tun?«

»Nein«, antwortete Warstein wahrheitsgemäß. »Aber ich bin nicht überrascht, daß er hier ist. Sie?« Er ging Saruter entgegen, aber zu seiner Überraschung sah ihn der alte Mann nur flüchtig und auf eine sonderbar traurige Weise an und trat an ihm vorbei auf Franke zu.

»Was suchen Sie hier?« fuhr Franke ihn an. »Ich habe Ihnen verboten, das Betriebsgelände zu betreten!«

Saruter nahm die Worte gar nicht zur Kenntnis. »Ihr habt also nicht auf mich gehört«, sagte er vorwurfsvoll. »Nun ist es vielleicht zu spät.«

»Ich habe Sie gefragt, was Sie hier zu suchen haben!« Franke brüllte nun wirklich - wenigstens versuchte er es. Aber Zorn und Unbeherrschtheit machten seine Stimme zu einem hysterischen Quietschen, das eher lächerlich klang. »Ich habe wirklich im Moment Besseres zu tun, als mich mit einer Bande von Verrückten herumzuschlagen!«

»Du hast schon viel zu viel getan«, sagte Saruter leise. »Ich habe dich gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Jetzt tragt ihr alle die Konsequenzen.«

»Das reicht!« keuchte Franke. »Hartmann, nehmen Sie den Mann fest!« Hartmann rührte sich nicht.

»Worauf warten Sie?!« schrie Franke. Er fuhr auf dem Absatz herum, und für eine Sekunde konzentrierte sich sein ganzer Zorn auf Hartmann, der in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Schadenfreude dastand und zusah, wie Frankes Gesicht abwechselnd weiß und rot wurde. »Sind Sie schwerhörig? Schaffen Sie mir diesen Irren aus den Augen!«

»Sie haben mich gerade gefeuert«, sagte Hartmann ruhig. »Schon vergessen?«

»Bitte!« Warstein trat mit einem raschen Schritt zwischen sie und versuchte, Frankes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Hartmann war dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden, und er begriff es wahrscheinlich noch nicht einmal. Er machte eine beruhigende Geste, dann wandte er sich an Saruter. »Warum sind Sie gekommen?« fragte er. »Bitte, wenn Sie uns etwas zu sagen haben, dann tun Sie es. Ich werde zuhören.«

»Ich weiß«, antwortete Saruter. »Aber es gibt nichts, was ich dir sagen könnte. Alles, was du wissen mußt, habe ich dir gesagt. Ich kann vielleicht noch etwas tun.«

»Was?« fragte Warstein. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Franke sich straffte, um erneut über Saruter herzufallen, und unterbrach mit einem neuerlichen Schritt den direkten Blickkontakt zwischen ihnen. »Was geht hier vor?« fragte er. »Was ist hier passiert, Saruter?«

»Du weißt es«, erwiderte der alte Mann geheimnisvoll. Er deutete auf Franke. »Und er weiß es auch, vielleicht besser als du. Ich habe ihn gewarnt, aber ich wußte, daß er nicht auf mich hören würde.«

»Hören Sie endlich auf, Warstein!« keuchte Franke. »Der Mann redet dummes Zeug, und Sie...«

»Wahrscheinlich ist es nicht einmal seine Schuld«, fuhr Saruter fort, ohne Frankes beginnende Hysterie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. »Er kann nicht anders, weil er eben so ist, wie er ist.«

»Jetzt reicht es! Ich werde nicht zulassen, daß -«

Warstein fuhr mit einer so abrupten Bewegung herum, daß Franke erschrocken abbrach und instinktiv einen Schritt vor ihm zurückwich. »Halten Sie endlich den Mund!« sagte er. »Meinetwegen werfen Sie mich auch raus, aber jetzt werden Sie die Klappe halten und zuhören, ist das klar?«

Er war nicht sicher, ob Franke tatsächlich erschrocken oder einfach nur vollkommen fassungslos war, ihn in diesem Ton reden zu hören, aber das blieb sich auch gleich: er wich verstört noch einen weiteren Schritt vor Saruter und ihm zurück und war still.

»Also?« fragte Warstein. »Was geht hier vor? Was ist das da draußen? Das ist doch kein normales Unwetter.«

»Nein«, antwortete Saruter traurig. »Das Tor öffnet sich. Schneller, als ich selbst geglaubt habe. Und es ist schlimmer, als ich befürchtet habe.«

»Sie meinen, daß es ... nicht aufhören wird?« Warstein sah unsicher zum Tunnelende. Die Schwärze war noch immer da, aber er hatte jetzt wieder - und stärker! - das Gefühl, daß sich darin und dahinter irgend etwas bewegte. Etwas Großes, Falsches, das nicht in diese Welt gehörte. Und das näher kam.

»Es hat begonnen«, sagte Saruter. »Und es wird nicht enden, bevor das uralte Gleichgewicht nicht wieder hergestellt ist.«

Also hatte er recht gehabt, dachte Warstein. Was er für eine aus Hysterie geborene Wahnvorstellung gehalten hatte, war in Wahrheit eine gräßliche Vision dessen gewesen, was kam. Der Sturm würde nicht aufhören. Er würde diesen Berg verschlingen, dieses Tal, vielleicht dieses Land, ja, vielleicht diese ganze Welt.

»Können Sie ... irgend etwas tun?« fragte er stockend.

»Ich werde es versuchen«, antwortete Saruter. »Ich weiß nicht, ob meine Kräfte reichen. Ich bin alt und schwach, und ich bin nur einer, wo viele nötig wären. Aber ich werde tun, was ich vermag.« Er zögerte einen Moment, dann huschte ein flüchtiger Ausdruck von Trauer über sein Gesicht, dessen wahre Bedeutung Warstein erst viel später begreifen sollte. »Wenn ich versage, mußt du es tun«, sagte er. »Es gibt nicht mehr viele wie dich.«

»Ich?!« antwortete Warstein erschrocken. »Aber ich ... ich weiß ja nicht einmal, was ... was hier überhaupt geschieht, geschweige denn, was ich tun muß!«

»Du wirst es wissen«, sagte Saruter. »Ich kann und darf dir jetzt nicht mehr sagen. Nur sovieclass="underline" sollte ich versagen und das Tor sich öffnen, so braucht es die Kraft von dreien, um es wieder zu schließen. Einer der weiß, einer der sieht, und einer der liebt. Und nun wünsch mir Glück.«

Er lächelte noch einmal, wieder auf diese seltsame Art, die Warstein einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Dann ging er an Franke und Hartmann vorbei tiefer in den Tunnel hinein. Franke hob die Hand, wie um ihn zurückzuhalten, aber ein einziger, eisiger Blick aus Saruters Augen ließ ihn mitten in der Bewegung erstarren.