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Saruter ging langsam weiter, und während er es tat, veränderte sich etwas in der Tunnelstrecke vor ihm; zuerst so unmerklich, daß Warstein es nicht einmal bemerkte. Es war etwas mit dem Licht, aber es war keine wirklich sichtbare Veränderung, nur ein Wandel des Fühlbaren. Es war, als verschöbe sich die Wirklichkeit in eine Richtung, die es gar nicht gab.

Und erst jetzt, erst in diesem Moment, begriff er, was Saruter vorhatte. Was draußen geschah, hatte ihm nichts anhaben können, so wenig, wie er dort etwas daran ändern konnte. Er war auf dem Weg dorthin, wo alles begonnen hatte. Ins Herz des Berges. Dorthin, wo das Tor war. Und das Siegel, das sie gebrochen hatten.

Plötzlich wußte er, daß er ihn nicht wiedersehen würde, ganz gleich, ob er Erfolg hatte oder nicht.

»Nein!« flüsterte er. »Tun Sie es nicht. Kommen Sie zurück. Kommen Sie zurück!«

Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber Saruter blieb tatsächlich noch einmal stehen und sah zu ihm zurück. Trotz der bereits großen Entfernung konnte er spüren, wie der Blick des Alten für einen Moment auf ihm ruhte, und er spürte auch die Botschaft, die er beinhaltete. Er durfte nicht weitergehen. Nicht jetzt. Was dort drinnen zu tun war, war ganz allein Saruters Sache. Er würde es bewältigen oder nicht, aber er konnte rein gar nichts dazu tun. Und er durfte es nicht, denn er wurde gebraucht. Später.

Ein sachtes Zittern lief durch den Boden, und plötzlich heulte der Wind draußen vor dem Berg mit zehnfacher Macht los, als spürten die mythischen Gewalten, die ihn entfesselt hatten, die Gefahr, die ihnen plötzlich drohte. Saruter war kein alter, schwacher Mann. Er war der letzte der Druiden, ein mächtiger Zauberer, der gekommen war, um den Riß zwischen den Welten zu schließen.

»Das ... das ist verrückt!« sagte Hartmann. »Seht doch! Da!«

Es war etwas in seiner Stimme, was Warstein aufhorchen ließ. Beinahe mühsam riß er seinen Blick von Saruters Gestalt los und folgte Hartmanns ausgestreckter Hand, die nach oben wies, zu der gewölbten Tunneldecke acht Meter über ihnen.

Der mit Stahl verstärkte Beton hatte Risse bekommen. Der Boden vibrierte noch immer, und obwohl das Beben längst nicht so heftig war wie das vor wenigen Minuten, mußten die destruktiven Kräfte, die es entwickelte, hundertmal stärker sein, denn jeder winzige Stoß ließ die Risse und Spalten breiter werden. Staub und winzige Steinsplitter regneten von der Tunneldecke, und wo vor einer halben Minute noch glatter, kunststoffverkleideter Beton gewesen war, erstreckte sich jetzt ein Spinnennetz aus fast geometrisch verlaufenden Rissen und Sprüngen, das immer dichter und dichter wurde. Zugleich geschah etwas mit dem Licht hinter Saruter. Es wurde heller und schien zu pulsieren. Es kam nicht mehr allein aus den Lampen, die in regelmäßigen Abständen unter der Stollendecke angebracht waren, sondern war einfach da, als leuchte die Luft selbst unter dem Widerschein der unvorstellbaren Energien, die sie plötzlich durchströmten.

»Der Tunnel stürzt ein!« keuchte Franke. »Zurück! Um Gottes willen - weg hier!« Sein Schrei hatte genau die Wirkung, die er hätte voraussehen können - er löste eine Panik unter den Männern aus. Plötzlich fuhr alles herum und rannte, aber es gab nichts, wohin sie flüchten konnten. Hinter ihnen begann sich die Tunneldecke durchzubiegen, als presse von oben die Faust eines Giganten dagegen, vor ihnen lag der Sturm, der mit solcher Urgewalt an den Fundamenten des Gridone riß und zerrte, daß der ganze Berg wie unter Schmerzen zu stöhnen schien. Dicht vor dem Eingang entstand ein unvorstellbares Gedränge, als die, die vor dem Sturm zurückprallten, von denen, die vor der niederbrechenden Decke flohen, weitergeschoben wurden. Auch Warstein wurde halb mitgerissen, halb wich auch er vor der zerbrechenden Stahlbetondecke zurück, die nur wie durch ein reines Wunder noch nicht zur Gänze herabgefallen war.

Aber er sah auch, daß sich der instabile Teil des Tunnels auf einen schmalen, fast schnurgerade abgegrenzten Bereich dicht vor und über Saruter beschränkte. Es war ein von Boden zu Boden reichender Halbkreis der Tunnelröhre, der zu zerbröckeln begann, nicht der ganze Stollen. Er war nicht einmal sonderlich breit.

Es gelang ihm irgendwie, sich aus dem Strom der Fliehenden zu lösen und stehenzubleiben. Saruter hatte sich wieder herumgedreht und ging weiter, und obwohl er sich langsam bewegte, mit gemessenen, fast feierlich wirkenden Schritten, schien er sich zugleich mit phantastischer Geschwindigkeit zu entfernen. Schon war er nur noch als Umriß zu erkennen, dann nur noch als winziger dunkler Fleck vor dem immer intensiver werdenden Licht, das aus dem Nirgendwo kam.

»Dieser Wahnsinnige!« rief Hartmann plötzlich. »Er ... er bringt sich um! Kommen Sie zurück!«

Wahrscheinlich hörte Saruter die Worte gar nicht mehr, aber Hartmann wartete auch nicht ab, ob er irgendwie darauf reagierte, sondern stürzte plötzlich los und begann mit weit ausgreifenden Schritten hinter ihm herzurennen.

»Nein!« schrie Warstein. »Hartmann - nein!«

Er versuchte, Hartmann zurückzureißen, aber seine Hände griffen ins Leere. Verzweifelt hetzte er hinter ihm her, doch der fast doppelt so alte Mann entwickelte eine schier unglaubliche Schnelligkeit. Unentwegt nach Saruter brüllend, sprang er mit gewaltigen Sätzen hinter ihm her und erreichte den instabilen Teil des Tunnels, ehe Warstein noch die halbe Strecke zurückgelegt hatte.

Als er sich direkt darunter befand, stürzte die Decke ein. Aber sie stürzte nicht einfach herunter. Der Stein zerbrach nicht, sondern senkte sich wie eine kompakte Wand mit unvorstellbarer Wucht und Schnelligkeit herab und stanzte in den Boden. Erst dann zerbarst das gewaltige Felssegment zu Millionen und Abermillionen einzelner Teile.

Der Aufschlag erschütterte den gesamten Berg. Zusammen mit allen anderen wurde Warstein von den Füßen gerissen und hilflos durch die Luft gewirbelt. Der Tunnel schlug einen grotesken, zweieinhalbfachen Salto vor seinen Augen, und er sah noch, wie der Boden auf ihn zuzuspringen schien.

Dann nichts mehr.

»Sie hatten recht«, sagte Lohmann, als Warstein seine Erzählung beendet hatte und mit zitternden Fingern nach dem Kaffee griff, den Angelika ihm eingeschenkt hatte. »Das ist die verrückteste Geschichte, die ich seit langer Zeit gehört habe.«

»Dabei habe ich Ihnen das Verrückteste noch gar nicht erzählt«, antwortete Warstein. Er hätte seinen rechten Arm für ein Bier gegeben, aber es war einfach nicht der Moment, danach zu fragen. »Zwei Tage später haben sie die Strecke nachgemessen, die zwischen dem Eingang und der Stelle lag, an der die Decke heruntergekommen ist. Es waren genau zweiundsiebzig Meter.«

Lohmann schien die Pointe gar nicht zu begreifen, aber Angelika sah ihn stirnrunzelnd an. »Die Strecke, die dein Laser nachgemessen hat.«

»Auf den Zentimeter genau, ja.« Er beantwortete die Frage zusätzlich mit einem Nicken und trank von seinem Kaffee, der so heiß war, daß er den Geschmack nicht feststellen konnte. Trotzdem nahm er gleich darauf einen zweiten Schluck. »Ich wußte, daß ihr mir nicht glaubt.«

»Wer sagt, daß ich das nicht tue?« erwiderte Lohmann. »Ich kann nicht beurteilen, was damals wirklich passiert ist. Schließlich war ich nicht dabei. Aber ich glaube Ihnen gerne, daß Sie es so erlebt haben.«

Eine freundliche Umschreibung dafür, daß er mich für völlig meschugge hält, dachte Warstein. Aber er beschwerte sich nicht. Wie die Dinge lagen, war das wohl schon mehr, als er eigentlich erwarten konnte.

»Wie viele Tote hat es gegeben?« fragte Angelika stockend. Das Gehörte hatte sie sichtlich betroffen gemacht, während Lohmann nicht einmal einen Hehl daraus machte, daß er die Geschichte für äußerst spannend hielt, sie ihn aber ansonsten ungefähr so berührte wie der Wetterbericht der vergangenen Woche.

Trotzdem war er es, der antwortete, nicht Warstein. »Fünf«, sagte er. »Hartmann mitgerechnet. Dazu eine ganze Anzahl Verletzter und Sachschäden in Millionenhöhe. Der Sturm hatte alles plattgemacht, was nicht unter Fels oder Stahlbeton geschützt lag.« Er grinste. »Ihr seht, ich habe meine Schulaufgaben gemacht.«