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»Warum lassen Sie mich dann die ganze Geschichte noch einmal erzählen?« fragte Warstein verärgert. Es hatte ihn große Kraft gekostet, alles noch einmal zu durchleben. Dies war der Teil seiner Erinnerung, den er am tiefsten vergraben hatte, verbarrikadiert hinter einer Mauer des Leugnens und Nicht-mehr-wissen-wollens, an der er drei Jahre lang geduldig gearbeitet hatte. Tatsächlich fühlte er sich so erschöpft, als hätte er wirklich alles noch einmal durchgemacht. Und der wirkliche Schrecken, das spürte er, würde erst noch kommen.

»Ich kannte sie bisher nur aus dritter Hand«, antwortete Lohmann ungerührt. »Aus den Berichten meiner Kollegen, die manchmal vielleicht nicht ganz so objektiv sind... Es hat mich interessiert, was Sie zu erzählen haben.« Er beantwortete Warsteins bohrende Blicke mit einem geradezu unverschämten Grinsen. »Wie ging es weiter?«

Als ob das, was er von ihm verlangt hatte, noch nicht genug gewesen wäre, wollte er also auch noch den ganzen bitteren Rest der Geschichte hören. Offenbar gehörte er wirklich zu den Leuten, denen es besonderes Vergnügen bereitete, das Messer in der Wunde noch einmal herumzudrehen. Oder er war ungefähr so sensibel wie eine Straßenwalze. Warstein wußte nicht einmal, welcher Möglichkeit er den Vorzug geben sollte.

»Das ist schnell erzählt«, sagte er - obwohl es im Grunde der längere Teil der Geschichte war. »Ich habe es selbst zu Ende gebracht. Ich war dumm genug, mir tatsächlich einzubilden, daß Franke nach dem, was er erlebt hatte, endlich auf mich hören würde. Leider war das nicht der Fall. Die offizielle Version war ein plötzlicher Wetterumschwung, zusammen mit einem dadurch ausgelösten Erdbeben.«

»Seit wann lösen Gewitter Erdbeben aus?« fragte Angelika mit hochgezogenen Brauen.

»Vielleicht war es auch umgekehrt«, antwortete Warstein müde. »Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall hat er sich eine Erklärung zurechtgebastelt, die sowohl die Medien als auch seine Vorgesetzten zufriedengestellt hat. Ein Unfall eben.«

»Aber er hat doch alles mit eigenen Augen gesehen!« sagte Angelika. »Und alle anderen auch.«

»Er hat etwas gesehen. Aber ich bin mir mittlerweile nicht einmal mehr sicher, ob es wirklich dasselbe war wie bei mir.«

»Ich glaube eher, daß er es nicht sehen wollte.«

Warstein war ehrlich verblüfft. Ausgerechnet von Lohmann Schützenhilfe zu bekommen, war nun wirklich das letzte, womit er gerechnet hätte. Bevor Lohmann jedoch fortfahren konnte, klingelte das Telefon. Warstein fuhr ganz leicht zusammen und sah aus den Augenwinkeln, wie Angelika erbleichte.

»Das ist Franke«, sagte Lohmann. Er renkte sich fast die Schulter aus, um das Telefon am Armaturenbrett zu erreichen, und sah abwechselnd Angelika und Warstein an. »Wer von euch beiden möchte mit ihm sprechen?«

»Schalten Sie den Lautsprecher ein«, antwortete Warstein. »Wir sind doch eine verschworene Gemeinschaft, die keine Geheimnisse voreinander hat, oder?« Er lachte, aber Angelika, zu deren Aufmunterung allein dieser laue Scherz gedacht war, reagierte gar nicht. In ihrem Blick flackerte Panik. Warstein konnte sie gut verstehen - gestern abend war es ihr leichtgefallen, Frankes Angebot abzulehnen. Es erforderte nicht viel Mut, eine Entscheidung zu fällen, die nicht endgültig war. Jetzt stand ihr diese Hintertür nicht mehr offen.

Lohmann drückte eine Taste auf dem Telefon, und Warstein sagte laut: »Guten Morgen, Herr Doktor Franke.«

»Es ist kein guter Morgen, Warstein.« Frankes Stimme war durch die Übertragung verzerrt, aber Warstein konnte die Müdigkeit darin trotzdem hören. Und es war eine Erschöpfung, die nicht nur körperlicher Natur war. »Geben Sie mir Frau Berger - bitte.«

»Ich höre mit«, sagte Angelika, und Lohmann fügte hinzu:

»Wir alle hören mit.«

Falls das als Warnung an Frankes Adresse gemeint war, verfehlte sie ihre Wirkung. Im Gegenteiclass="underline" »Gut«, sagte Franke. »Das erspart es mir unter Umständen, alles dreimal sagen zu müssen. Ich nehme an, Sie haben über meinen Vorschlag nachgedacht?«

»Ja«, antwortete Angelika. Sie sah aus, als litte sie körperliche Schmerzen, aber ihre Stimme klang erstaunlich fest. »Es bleibt dabei. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

»Sie enttäuschen mich«, seufzte Franke. Aber er klang nicht enttäuscht. Er klang nicht einmal überrascht. »Ihre Entscheidung ist dumm, und dafür habe ich Sie bisher nicht gehalten. Sie sollten wissen, daß Sie allein keine Chance haben.«

»Ich bin nicht allein«, sagte Angelika. »Und bisher haben wir uns ganz gut gehalten, finde ich.«

»Ich habe Sie bisher gewähren lassen«, korrigierte sie Franke. »Möglicherweise habe ich Ihre Entschlossenheit tatsächlich unterschätzt. Aber ich begehe denselben Fehler selten zweimal hintereinander. Warstein?«

»Ja?«

»Ich muß mit Ihnen reden.«

»Ich dachte, das tun Sie bereits.«

»Nicht am Telefon. Wo können wir uns treffen? Sagen wir, in anderthalb - nein, besser in zwei Stunden?«

»Treffen?« entfuhr es Warstein. »Sie müssen völlig verrückt sein! Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich Ihnen traue!«

»Sie haben mein Wort«, antwortete Franke. »Ich garantiere Ihnen und Ihren Begleitern freies Geleit. Und eine Stunde Vorsprung, wenn wir uns nicht einig werden.«

Lohmann gestikulierte irgendwo am Rande seines Gesichtsfeldes, aber Warstein ignorierte ihn. Frankes Stimme klang noch immer so müde und resignierend wie zuvor, aber es war auch noch etwas darin. Etwas, das er nicht einordnen konnte, das ihn aber beunruhigte.

»Das ist lächerlich«, sagte er. »Wir sind doch nicht in einem billigen Krimi.«

»Sie haben mit diesem Räuber-und-Gendarm-Spiel angefangen«, erwiderte Franke. »Also?«

Warsteins Gedanken rasten. Irgend etwas sagte ihm, daß Frankes Vorschlag ehrlich gemeint war. Er konnte die Panik, die sich hinter Frankes Müdigkeit und dem darübergestülpten Ausdruck von Ruhe verbarg, beinahe anfassen. Aber nach allem, was geschehen war, konnte er ihm einfach nicht mehr trauen.

Als er einige Sekunden verstreichen ließ, ohne zu reagieren, fuhr Franke von sich aus fort: »Ich werde langsam überdrüssig, Ihnen zu drohen, Warstein, aber wenigstens von Ihnen hätte ich mehr Vernunft erwartet. Sie wissen, daß Sie es nicht schaffen können. Wenn ich wirklich will, sitzen Sie und Ihre Freunde in längstens zwei Stunden in einer Gefängniszelle.«

»Warum tun Sie es dann nicht?« fragte Lohmann aggressiv.

Franke ignorierte ihn einfach. »Alles, was ich will, ist mit Ihnen sprechen. Vielleicht finden wir eine Lösung - für Sie und für Ihre Freundin. Ich sage die Wahrheit. Ich weiß, wo ihr Mann ist, und ich bin bereit, Sie zu ihm zu bringen.«

»Nur nicht mehr zurück, nehme ich an«, sagte Warstein.

»Vielleicht nicht sofort«, gestand Franke. »Aber ich garantiere Ihnen, daß Ihnen nichts geschieht. Weder jetzt noch später. Wenn Sie gehört haben, was ich Ihnen zu sagen habe, werden Sie mich vielleicht verstehen.«

»Das ist doch eine Falle!« flüsterte Lohmann. »Für wie blöd hält der Kerl uns eigentlich?«

»Was Sie angeht, ziehe ich es vor, die Frage im Moment nicht zu beantworten«, sagte Franke.

Lohmann und Warstein sahen sich verblüfft an. Der Journalist hatte wirklich leise gesprochen. Das Telefon schien über ein hochempfindliches Aufnahmeteil zu verfügen.

»Ich brauche ... noch eine Bedenkzeit«, sagte Warstein.

»Das verstehe ich«, erwiderte Franke. »Ich rufe Sie in genau zwei Stunden wieder an. Und bitte - denken Sie gut darüber nach. Wir haben einfach nicht mehr genug Zeit, um lange zu diskutieren.« Er unterbrach die Verbindung.

»Der Kerl lügt!« sagte Lohmann aufgebracht. »Und Sie fallen auch noch darauf rein, wie?«