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»Wir haben zwei Stunden gewonnen«, entgegnete Warstein scharf. »Was wollen Sie mehr?«

Lohmann setzte zu einer zornigen Entgegnung an, aber Warstein stand einfach auf, quetschte sich an ihm vorbei, verließ den Wagen und entfernte sich ein paar Schritte, ehe er wieder stehenblieb. Er hatte jetzt wahrlich keine Lust, sich mit Lohmann zu streiten. Das Gespräch mit Franke hatte ihn mehr mitgenommen, als er zugeben wollte - und es war weniger das gewesen, was Franke gesagt hatte, als viel mehr das, was er nicht gesagt hatte. Franke war in Panik. Irgend etwas geschah dort am Gridone, und es war vielleicht schlimmer, als selbst er bisher angenommen hatte.

Die Wagentür wurde geöffnet, und Warstein drehte sich mit einem Ruck herum, davon überzeugt, Lohmann zu sehen, der ihm nachkam, um den unterbrochenen Streit fortzusetzen.

Es war Angelika. Sie lächelte, aber sie tat es auf eine Weise, die ihre Unsicherheit unterstrich, statt sie zu überspielen. Wortlos kam sie heran, blieb neben ihm stehen und zündete sich eine Zigarette an. Ihre Hände zitterten. »Darf ich?« fragte sie.

»Was? Hier draußen stehen? Der Wald gehört mir nicht.«

»Rauchen«, antwortete sie. »Ich weiß, daß du es nicht magst.«

»Drinnen im Wagen hat es dich nicht gestört«, sagte Warstein.

»Stimmt.« Angelika wirkte für eine Sekunde so ehrlich verblüfft, daß Warstein laut auflachte. »Verrückt. Ich weiß.«

»Das alles hier ist verrückt«, antwortete Warstein. »Aber um deine Frage zu beantworten: Nein, es stört mich nicht. Und es stört mich auch nicht, daß du hier bist.«

»Ich dachte, du wolltest allein sein.«

Wenn sie das wirklich geglaubt hatte, dann hätte er sie jetzt eigentlich fragen müssen, warum sie ihm trotzdem nachgekommen war, dachte Warstein. Aber er schüttelte nur den Kopf und fuhr fort, den Waldrand und das dahinterliegende Muster aus Licht und grünen Schatten anzusehen. Der Anblick wirkte beruhigend in seiner Normalität.

»Lohmann telefoniert«, sagte Angelika nach einer Weile. »Er versucht wohl, seine Freunde von der Presse zu mobilisieren, um Franke unter Druck zu setzen.« Sie seufzte. »Es war ein Fehler, ihn mitzunehmen, das ist mir jetzt klar.«

»Genaugenommen hat er uns mitgenommen, nicht wir ihn«, sagte Warstein. »Aber du hast recht - er sollte nicht hier sein. Warum nimmst du Frankes Angebot nicht an? Ich glaube, er meint es ehrlich.«

Angelika blinzelte. »Ehrlich?« Sie zog an ihrer Zigarette, warf sie zu Boden und trat die Glut sorgfältig mit dem Absatz aus. »Wenn das, was du über ihn erzählt hast, auch nur zur Hälfte stimmt, dann weiß er wahrscheinlich gar nicht, was das Wort bedeutet.«

»Das ist nicht wahr«, antwortete Warstein. Hatte er sich tatsächlich so mißverständlich ausgedrückt? Und wenn ja, hatten sie und Lohmann ihn dann vielleicht auch in anderen Punkten nicht verstanden? »Ich will ihn bestimmt nicht verteidigen. Das wäre so ungefähr das letzte, was mir einfiele. Aber er lügt nicht, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Oder er keinen direkten Nutzen davon hat.«

»Dich aus dem Weg zu räumen, wäre ein ziemlicher Nutzen«, sagte Angelika ernst.

»Jetzt überschätzt du mich.«

»Nein«, widersprach Angelika sehr heftig und in einer Art, die Warstein überraschte. »Das tue ich nicht, und das habe ich keine Sekunde. Du unterschätzt dich. Der Mann hat Angst vor dir.«

Warstein lachte. »Sei nicht albern. Wie es aussieht, könnte er uns wahrscheinlich die gesamte Schweizer Nationalgarde auf den Hals hetzen. Warum sollte er Angst haben? Ausgerechnet vor mir?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Angelika. »Aber er hat es. Und nicht erst seit heute.« Sie machte eine heftige Bewegung mit beiden Händen. »Du hast es selbst gesagt - er hat alles in seiner Macht Stehende getan, um dich mundtot zu machen, richtig?«

»Es ist ihm gelungen.«

»Und warum sollte er das tun, wenn er keine Angst vor dir hätte?« fuhr Angelika fort. »Mit jemandem, der einem gleichgültig ist, gibt man sich nicht solche Mühe. Wenn er dich einfach für einen Verrückten gehalten hätte, hätte er dich damals rausgeworfen und vergessen. Und er hätte uns jetzt ganz gewiß nicht diese Aushilfs-Mafios auf den Hals gehetzt. Du mußt irgend etwas wissen, was dich für ihn gefährlich macht.«

»Eine hübsche Vorstellung«, sagte Warstein - obwohl sie ihm im Grunde angst machte. »Aber trotzdem nicht wahr. Ich habe euch alles erzählt, was ich weiß. Der Rest ... wie gesagt: ich war so naiv, mich mit meiner Geschichte an die Presse zu wenden. Und das hat mir endgültig das Genick gebrochen.«

»Was ist mit Saruter?« fragte Angelika.

»Ich weiß es nicht«, sagte Warstein. »Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit damals.«

»Er war nicht unter den Toten?«

»Nein«, erwiderte Warstein. »Er ist einfach verschwunden. Die offizielle Version ist, daß er bei dem Stolleneinbruch ums Leben gekommen und seine Leiche niemals gefunden worden ist. Aber das ist nicht die Wahrheit. Sie haben jeden Stein herumgedreht. Selbst wenn er vollkommen zerschmettert worden wäre, hätte man seine Leiche gefunden - oder das, was davon übrig war.«

»Einige hundert Tonnen Fels können einen Menschen ganz schön zurichten«, sagte Angelika.

»Aber sie können ihn nicht in nichts auflösen«, erwiderte Warstein. »Er ist nicht tot. Er ist einfach verschwunden.«

»Der Tunnel hat zwei Ausgänge«, gab Angelika zu bedenken.

»Heute«, antwortete Warstein. »Damals noch nicht.« Er schüttelte heftig den Kopf. »Wie gesagt - sie haben jeden Quadratzentimeter abgesucht. Er war einfach nicht mehr da. Und er ist auch seither nicht mehr aufgetaucht, soviel ich weiß. Aber er lebt noch. Ich ... ich weiß es einfach. Und er wartet auf mich.«

Angelika schwieg einige Augenblicke, in denen sie ihn sehr ernst und sehr nachdenklich ansah. »Auf dich - oder auf uns?« fragte sie.

»Auf uns?« Warstein lachte unsicher. »Wie kommst du darauf?«

»Du hast es selbst gesagt: sollte ich versagen und das Tor sich öffnen, so braucht es die Kraft von dreien, um es wieder zu schließen. Einer der weiß, einer der sieht, und einer der liebt.«

»Und du denkst...« Warstein brach verblüfft ab. Doch nicht Angelika dachte, daß sie diese drei sein könnten. Er selbst hatte es die ganze Zeit über gedacht. Er hatte es sich nur nicht erlaubt, diese Hoffnung so klar zu formulieren.

»Das ... das ist doch lächerlich!« sagte er. »Was denkst du, wer wir sind? Die drei Musketiere, die gekommen sind, um die Welt zu retten?«

Angelika wollte antworten, aber Warstein schnitt ihr mit einer fast wütenden Bewegung das Wort ab. »Jetzt hör mir genau zu! Das hier ist kein Spiel! Und Franke ist niemand, der mit sich spielen läßt! Du hast selbst erlebt, wozu er fähig ist, und glaube mir, das war noch lange nicht alles. Wenn er nachher anruft, dann werde ich zustimmen, mich mit ihm zu treffen, und du wirst mich begleiten. Ich lasse nicht zu, daß du in dein Unglück rennst, nur weil ein verrückter alter Mann irgend etwas gefaselt hat, das ich vielleicht noch nicht einmal richtig verstanden habe! Du wirst dir anhören, was er zu sagen hat, und danach wirst du ihn begleiten.«

»Und das bestimmst du?« Die Art, in der sie das sagte, paßte nicht zu den Worten. Sie klang plötzlich sehr sanft, was Warstein noch zorniger werden ließ. Er hatte es noch nie ertragen, bemuttert zu werden.

»Ja, verdammt noch mal!« Er schrie fast. »Und willst du wissen, warum? Weil du es so wolltest! Du bist zu mir gekommen und hast mich um Hilfe gebeten, deinen Mann zu finden. Gut, du kannst ihn finden. Franke wird dich zu ihm bringen. Es gibt absolut keinen Grund mehr für dich, bei uns zu bleiben!«

»Vielleicht doch«, antwortete Angelika. Sie kam näher. Etwas Neues trat in ihre Augen - nein, nichts Neues. Es war die ganze Zeit über dagewesen, er hatte es nur nicht gesehen.

Plötzlich wußte er, daß sie recht hatte. Er wußte nicht, welcher von den dreien er war - der, der sah, oder der, der wußte, aber er hatte die ganze Zeit über gewußt, wer sie war: der, der liebte. »Bitte nicht«, sagte er leise.