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Angelika blieb tatsächlich stehen; aber sehr viel näher hätte sie ihm auch gar nicht mehr kommen können. Zum ersten Mal fiel ihm wirklich auf, wie hübsch sie war und wie verwundbar, hinter der Fassade von Entschlossenheit und Stärke, die sie rings um sich errichtet hatte. Er konnte ihr Parfüm riechen, den Duft ihres Haares, in den sich der Geruch nach kaltem Zigarettenrauch mischte. Seltsam - plötzlich störte ihn dieser überhaupt nicht mehr.

»Wenn es wegen Frank ist -«

Warstein legte ihr rasch den Zeigefinger auf die Lippen. Sie erschauerte leicht unter der Berührung, und er zog die Hand beinahe erschrocken wieder zurück. »Nein«, sagte er. »Nicht seinetwegen. Es ist ... nicht der richtige Moment, das ist alles.«

Vielleicht war er es doch. Tief in sich spürte er, daß sie recht hatte, und er unrecht. Es gab keinen falschen Moment, jemanden zu lieben. Und vielleicht war dies überhaupt der letzte Moment, den sie noch hatten. Heute abend, spätestens morgen, würden sie den Berg erreichen, auf die eine oder andere Weise, und was immer auch dann geschah - sie würden keine Zeit mehr haben, irgend etwas zu ändern. Wortlos zog er sie an sich und küßte sie.

»Oh, Verzeihung.«

Warstein zog sich fast erschrocken von Angelika zurück. Diesmal erlebte er keine angenehme Enttäuschung: Hinter ihm stand Lohmann, als er sich herumdrehte, und auf seinem Gesicht lag ein derart unverschämtes Grinsen, daß Warstein am liebsten die Faust hineingepflanzt hätte.

»Ich hoffe, ich habe euch nicht in einem unpassenden Moment gestört«, fuhr Lohmann feixend fort. »Wenn ihr den Wagen braucht, sagt es nur. Ich gehe gerne eine halbe Stunde spazieren.«

»Haben Sie Ihre Anrufe erledigt?« fragte Warstein kalt.

Lohmanns Grinsen verschwand. »Nein«, sagte er. »Das verdammte Telefon funktioniert nicht mehr.«

»Vor fünf Minuten hat es noch funktioniert«, sagte Angelika.

»Ach, tatsächlich?« schnappte Lohmann. »Stellen Sie sich vor, von selbst wäre ich darauf gar nicht gekommen! Franke muß es abgeschaltet haben.«

Angelika erschrak. »Dann ... dann weiß er, wo wir sind?«

»Ich nehme an, das weiß er sowieso«, sagte Warstein. Er machte eine beruhigende Geste. »Aber er muß es nicht wissen, um die Leitung zu blockieren. Ich nehme an, er wird sie wieder freigeben, sobald er uns erreichen will.«

»Trotzdem sollten wir von hier verschwinden.« Lohmann fuhr mit der Hand über die schwarze Farbe am Türholm, betrachtete seine Fingerspitzen und verzog ärgerlich das Gesicht. »Noch nicht ganz trocken, aber solange wir nicht in einen Platzregen kommen, wird es gehen. Los - laßt uns fahren.«

12

»Wissen Sie, was man unter dem Begriff Schwarzes Loch versteht?« fragte Franke. In der nicht sehr hohen, aber weitläufigen Marmorhalle, die den Vorraum zum Allerheiligsten des Magistrats von Ascona bildete, hallten seine Worte lang und auf eine Weise wider, die irgendwie ihren Sinn zu entstellen schien, ohne daß Rogler sagen konnte, wieso eigentlich.

»Ja«, antwortete er. Er registrierte Frankes Überraschung und fügte mit einem bewußt verlegen wirkenden Lächeln hinzu: »Ungefähr wenigstens.«

Das entsprach nicht völlig der Wahrheit. Rogler war nicht dumm, und er besaß einen Fernseher. Außerdem war er des Lesens kundig. Aber eine der ersten Erkenntnisse, die er über Franke gesammelt hatte, war, daß er zu jener Art von Wissenschaftlern zu gehören schien, die Nichtakademiker prinzipiell für dämlich hielten und sich darin gefielen, mit ihrem Wissen zu protzen. Das ärgerte Rogler zwar, aber er wußte auch, daß es oft die effizientere Methode war, den anderen einfach reden zu lassen, als selbst Fragen zu stellen. »Vielleicht erklären Sie es mir trotzdem noch einmal«, fügte er hinzu. »Nur zur Sicherheit - damit ich verstehe, wovon Sie reden.« Gleichzeitig beschleunigte er seine Schritte. Er mußte hier raus. Die letzte halbe Stunde hatte er damit zugebracht, sich die weinerlichen Vorhaltungen der Stadtältesten anzuhören, die irgend etwas von Millionenverlusten und einem nicht wieder gutzumachenden Schaden für die Stadt und den Fremdenverkehr gefaselt hatten. Als ob es im Moment darauf ankäme! Außerdem war er ein wenig ärgerlich auf Franke. Er hatte insgeheim gehofft, daß der Deutsche seinen unbestritten vorhandenen Einfluß geltend machen würde, um ihm in dieser unangenehmen Situation beizustehen. Immerhin besaß er - auch wenn Rogler immer noch nicht hatte herausfinden können, warum eigentlich - genug Macht, um in diesem Land nach Belieben schalten und walten zu können; einem Land, das nicht einmal sein eigenes war. Aber er hatte sich auf eine Rolle als unbeteiligter Dritter zurückgezogen und taten- und wortlos zugesehen, wie Rogler mit dieser Versammlung greiser Narren fertig wurde. Er hatte es geschafft, aber er fühlte sich, als hätte er soeben einen Marathonlauf hinter sich gebracht; mit Bleigewichten an den Beinen. Ein stundenlanges Verhör mit einem hartgesottenen Rauschgiftdealer wäre ihm lieber gewesen.

Sie verließen das Bürgermeisteramt, ehe Franke das Schweigen wieder brach und Roglers Aufforderung nachkam.

»Sie wissen, daß auch eine Sonne altert, genau wie ein Mensch oder ein Tier - wie alles im Universum.« Er deutete zum Himmel hinauf, an dem im Moment allerdings die Sonne nicht sichtbar war, sondern bauchige Regenwolken, die so tief über die Stadt hinwegzogen, daß man glauben konnte, sie anfassen zu können. Dabei war es so warm, daß Rogler in Versuchung war, die Jacke auszuziehen. Aber es war keine angenehme Wärme.

»Es dauert lange - zehn, zwölf Milliarden Jahre, aber irgendwann ist auch das Leben einer Sonne zu Ende«, fuhr Franke fort. »Manche von ihnen erlöschen einfach und sterben wie ein alter Mensch, der sich hinlegt und die Augen schließt, andere werden zur Nova - sie wissen, was das ist?«

»Nicht genau«, murmelte Rogler. Er wußte es, und er hatte im Grunde überhaupt keine Lust, sich jetzt einen Vortrag in Astrophysik für Anfänger anzuhören. Aber er ahnte, daß Franke höchstens noch mehr reden würde, wenn er nicht wenigstens Interesse heuchelte.

»Sie explodieren, laienhaft ausgedrückt«, sagte Franke. »Sie verzehren all ihre Energie in einer einzigen, unvorstellbaren Explosion. Würde unsere Sonne zur Nova werden, würde die Hitze selbst hier noch ausreichen, die Erdkruste zu schmelzen. Die inneren Planeten würden wahrscheinlich völlig zerstört. Zumindest der Merkur würde einfach verdampfen. Aber diese Gefahr besteht nicht - zumindest nicht in den nächsten fünf oder sechs Milliarden Jahren«, fügte er mit einem beruhigenden Lächeln hinzu - als hätte er tatsächlich Angst, seine Worte könnten Rogler erschrecken.

Franke fuhr fort. »Sehr alte Sonnen werden manchmal zum sogenannten roten Riesen, sie blähen sich einfach auf und kühlen dabei immer mehr ab. Und zum Schluß schrumpfen sie wieder zusammen und werden zu einem weißen Zwerg, einer winzigen Sonne, manchmal kaum größer als unser Mond. Das letzte uns bisher bekannte Stadium schließlich ist ein Neutronenstern - sozusagen ein schwarzer Zwerg.«

»Schwarz?« fragte Rogler. Was zum Teufel hatte das alles mit dem zu tun, was hier vorging?

»Natürlich ist er nicht wirklich schwarz«, sagte Franke lächelnd. »Man nennt ihn so, weil er eben nicht sichtbar ist - nur ein schwarzer Fleck im Universum. Die Masse eines solchen Neutronensternes ist unvorstellbar. Stellen Sie sich die gesamte Materie einer Sonne vor, zusammengepreßt auf eine Kugel von zehn oder zwölf Kilometern Durchmesser. Ein tennisballgroßes Stück eines solchen Neutronensternes würde Tausende von Tonnen wiegen.«

Sie hatten den Wagen erreicht, mit dem sie hergekommen waren, und stiegen ein. Ein intensiver Geruch nach Leder und frisch gewachstem Holz schlug ihnen entgegen, als Rogler hinter Franke auf den Rücksitz der Limousine kletterte. Hier drinnen war die Luft angenehmer, kühl und weniger stickig als draußen, und die getönten Scheiben gaben Rogler den Eindruck, die Dämmerung wäre bereits wieder hereingebrochen. Franke mußte schon vorher entsprechende Anweisungen gegeben haben, denn der Fahrer startete den Motor und fuhr los, kaum daß sie die Türen hinter sich geschlossen hatten.