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»Aber damit ist es noch nicht zu Ende.« Franke deutete mit dem ausgestreckten Finger zur lederbezogenen Decke des Wagens hinauf. »Nicht nur die Masse, auch die Gravitation eines solchen Neutronensternes ist unvorstellbar. Sie ist so groß, daß sie selbst das Licht krümmt. Schwarze Sterne sind nicht wirklich schwarz, wie ich bereits sagte. Sie erscheinen uns schwarz, weil ihre Anziehungskraft so unvorstellbar ist, daß sie selbst das Licht zurückhält.«

»Und was geschieht mit all diesem Licht?« fragte Rogler.

Franke lächelte. »Eine gute Frage. Niemand hat je einen Neutronenstern genau genug untersucht, um sie zu beantworten. Nur, damit das klar ist - ab jetzt bewegen wir uns im Gebiet reiner Spekulation. Kein Mensch hat jemals einen Neutronenstern gesehen oder gar ein Schwarzes Loch. Wir haben ein paar Objekte im All entdeckt, die ganz gute Kandidaten dafür wären, aber endgültig bewiesen hat ihre Existenz noch niemand.«

»Ein schwarzes Loch ist das, was aus einem Neutronenstern wird«, vermutete Rogler.

»Am Ende, ja«, bestätigte Franke. »Die Gravitation auf einem solchen Neutronenstern wird schließlich so groß, daß die Materie zusammenbricht. Protonen und Neutronen werden zusammengequetscht. Die Zwischenräume zwischen den Atomen bestehen nicht mehr. Er ist eine einzige, kompakte Masse mit einer Dichte und Anziehungskraft, die einfach unvorstellbar ist. Alles, was in die Nähe eines solchen Schwarzen Loches geriete, würde unweigerlich hineingesogen - kosmischer Staub, Meteoriten, aber auch Planeten, ganze Sonnensysteme ... vielleicht ganze Galaxien. Und es schrumpft immer weiter, bis es schließlich nur noch ein rechnerischer Punkt im Universum ist. Eine Singularität.«

Gegen seinen Willen verspürte Rogler nun doch so etwas wie Neugier. Er hatte all dies in der einen oder anderen Form schon einmal gehört, aber noch nie aus dem Mund eines Mannes, der scheinbar wußte, wovon er sprach - und der ganz offensichtlich darüber hinaus noch einiges mehr wußte. »Aber ist das denn nicht eigentlich unmöglich?« fragte er. »Ich meine, all diese Materie und Energie kann doch nicht einfach verschwinden.«

Franke zuckte mit den Schultern. »Beantworten Sie diese Frage, und der nächste Nobelpreis ist Ihnen sicher«, sagte er lächelnd. »Sie haben recht. Es ist ein Grundgesetz in diesem Universum, daß Energie nicht verloren geht. Sie kann sich nur ändern. Niemand weiß, was ein Schwarzes Loch wirklich ist. Vielleicht eine Form der Energie, die wir nicht kennen und nicht erkennen. Vielleicht eine Verbindung in eine andere Dimension. Vielleicht auch etwas, das sich unserem menschlichen Verständnis für alle Zeiten entziehen wird.«

Er legte eine Pause ein, und Rogler nutzte die Zeit, um aus dem Fenster zu sehen. Er bemerkte erst jetzt, daß sie sich nicht stadtauswärts bewegten, sondern in die entgegengesetzte Richtung hinunter zum See. Zumindest theoretisch. Der Verkehr war so dicht, daß sie öfter standen als fuhren. Zu Fuß wären sie wahrscheinlich schneller vorwärts gekommen.

»Ein Schwarzes Loch ist also nichts anderes als ein Punkt im Weltall«, sagte er schließlich. »Und was ist daran so interessant?«

Franke lächelte wieder, aber Rogler suchte vergeblich in diesem Lächeln nach einer Spur von Spott oder gar Herablassung. Seine Art, Fragen zu stellen, schien Franke zu amüsieren, das war alles.

»Das Interessante ist weniger, was es ist«, antwortete er, »sondern mehr, was es tut.«

»Wie kann eine erloschene Sonne etwas tun?« fragte Rogler.

»Sie krümmt den Raum«, antwortete Franke. »Jede große Materieansammlung tut das. Unter anderem.«

»Aha«, machte Rogler.

Diesmal lachte Franke laut, aber auch dieses Lachen wirkte gutmütig. Er rutschte ein Stück weiter von Rogler fort und legte die flache Hand auf das Leder zwischen ihnen. »Stellen Sie sich vor, dies wäre der normale Raum«, sagte er. »Sagen wir, ich bin die Erde, und Sie sind der Mond. Wenn Sie jetzt mit einem Raumschiff von der Erde zum Mond fliegen würden, vergeht eine meßbare Zeit, in der sie eine meßbare Entfernung zurücklegen.« Er fuhr die Strecke zwischen sich und Rogler auf kürzestem Wege mit dem Zeigefinger ab. »Die Luftlinie, sozusagen. Natürlich ist das alles im dreidimensionalen Raum etwas komplizierter, aber ich denke, Sie verstehen, was ich meine.«

Rogler nickte. Er verstand durchaus, und das Gehörte begann ihn sogar mehr und mehr zu interessieren. Er hätte sich nur gewünscht, Franke würde aufhören, ihn wie einen Idioten zu behandeln.

»Was eine solche Materieansammlung nun tut, ist, den Raum zu krümmen. Sie verbiegt ihn sozusagen.«

»Verbiegen?«

Franke ballte die Faust und drückte sie in das Sitzpolster, so daß eine sichtbare Vertiefung entstand. »Hätten Sie die Strecke vorher nachgemessen, würden Sie feststellen, daß die kürzeste Entfernung zwischen Ihnen und mir jetzt länger geworden ist«, sagte er. »Verstehen Sie?«

Rogler blickte nachdenklich auf die flache Kuhle herab, die Frankes Hand in den Sitz drückte. Genaugenommen hatte er das Leder nicht gekrümmt, sondern gedehnt. Aber er verstand, was Franke meinte, und nickte.

»Genau das ist es, was Materie mit dem Raum macht. Es braucht kein Black Hole dafür. Wäre es möglich, mit einem Raumschiff direkt durch die Sonne zu fliegen, würde man feststellen können, daß sie innen größer ist als außen.«

»Und ein Schwarzes Loch...«

»...tut dasselbe, nur ungleich stärker«, führte Franke den Satz zu Ende. »Es gibt Theorien, die besagen, daß in der unmittelbaren Nähe eines Black Hole selbst die Zeit stehenbleibt. Aber es sind Theorien, wie gesagt. Niemand weiß bisher mit letzter Gewißheit, ob es Schwarze Löcher wirklich gibt. Aber wenn es sie gibt, dann kann in ihrer unmittelbaren Nähe im wahrsten Sinne des Wortes alles geschehen.«

Zumindest mit Rogler geschah in diesem Moment etwas - er verstand plötzlich, warum Franke ihm diesen Vortrag gehalten hatte. Und der Schrecken, der dieses Verstehen begleitete, war einfach zu groß, als daß er sein wahres Ausmaß jetzt schon begriff.

»Moment mal«, sagte er stockend. »Sie glauben nicht im Ernst ... Sie wollen mir nicht wirklich erzählen, daß es in diesem Berg...«

»Es wäre möglich, daß sich im Inneren des Gridone ein Black Hole befindet, ja«, sagte Franke leise. »Bis vor wenigen Tagen war ich sogar fest davon überzeugt.«

»Aber das ist doch ganz unmöglich!« protestierte Rogler. »Ich meine: Sie haben selbst erzählt, daß ein Schwarzes Loch aus einer erloschenen Sonne besteht, und -«

»Vielleicht«, unterbrach ihn Franke. »Sie vergessen immer wieder, was ich eingangs sagte: Es ist eine Theorie. Niemand hat bisher ein Black Hole gesehen. Niemand hat es bisher untersuchen können. Es wäre möglich, daß sie gar nicht existieren. Aber es wäre ebenso möglich, daß sie überall im Universum sind, rings um uns herum; Giganten, die ganze Galaxien verschlungen haben, aber auch Zwerge, so groß wie ein einzelnes Atom und mit einer winzigen Masse. Es wäre möglich, daß ein solch winziges Black Hole vor Jahrmillionen bereits die Erde getroffen hat.«

»Moment«, sagte Rogler. Er maßte sich nicht an, Frankes Worte wirklich anzuzweifeln, aber der logische Fehler darin war ihm sofort aufgefallen. »Ein Gegenstand von solcher Dichte müßte die Erdoberfläche durchschlagen...«

»...und bis zum Erdmittelpunkt stürzen«, unterbrach ihn Franke. Er wirkte durchaus erfreut, daß Rogler von selbst darauf gekommen war. »Wenn seine Masse groß genug dazu ist. Aber wenn es klein genug ist, sagen wir, nur ein paar Gramm schwer und vielleicht den hundertsten Teil eines Atomdurchmessers groß, dann könnte es eine chemische Verbindung mit der Materie eingehen, auf die es trifft. Ich weiß, es hört sich phantastisch an, aber es ist durchaus möglich.«