»Selbst wenn es so wäre, müßte es doch die Erde längst verschlungen haben.«
»Wer sagt Ihnen, daß es das nicht bereits tut?« fragte Franke, machte aber gleich darauf eine beruhigende Geste. »Wir reden hier von Dingen, die sich in kosmischen Zeitabläufen zutragen. Nehmen wir an, es ist so - vor etlichen Millionen oder auch nur tausend Jahren hat ein wanderndes Black Hole die Bahn der Erde gekreuzt und ist in ihre Anziehungskraft geraten. Sie haben recht - es würde beginnen, die Materie in seiner Nähe aufzusaugen. Aber dieser Vorgang dauert lange, unendlich lange. Wahrscheinlich Millionen von Jahren.«
»Und Sie glauben, daß ... daß das der Grund für all diese ... diese Dinge ist?« fragte Rogler stockend. Er spürte, daß Franke ihn nicht belog, aber es war eine Sache, etwas über Schwarze Löcher und zusammenbrechende Galaxien in Bilder aus der Wissenschaft im Fernsehen zu hören, und eine ganze andere, mit etwas derartigem konfrontiert zu werden.
»Ich bin nicht sicher«, sagte Franke nach sekundenlangem Schweigen. »Bis vor kurzem war ich es. Ich war davon überzeugt. So sehr, daß ich die letzten drei Jahre meines Lebens mit nichts anderem verbracht habe als dem Studium genau dieser Dinge. Aber jetzt...« Er wiegte nachdenklich den Kopf. »Plötzlich paßt alles nicht mehr.«
»Sie haben es selbst gesagt«, erinnerte Rogler. »In der Nähe eines solchen Schwarzen Loches könnte buchstäblich alles passieren.«
Franke nickte, sagte aber nichts, und Rogler nutzte die Gelegenheit, die Frage zu stellen, die die ganze Zeit über in seinem Hinterkopf gewesen war. »Wenn Sie das wirklich glauben, Doktor Franke, warum dann das alles? Wollen Sie mir erzählen, daß Sie dieses ganze Chaos nur veranstaltet haben, um eine wissenschaftliche Theorie zu überprüfen?«
Franke starrte an ihm vorbei ins Leere. »Ich wollte, es wäre so«, sagte er. »Bei Gott, Rogler, ich wollte, ich hätte mich geirrt, und in diesem Berg wäre nichts anderes als Stein. Aber ich fürchte, es ist nicht so.« Er lachte. »Sie haben nicht verstanden, was ich Ihnen erzählt habe, wie?«
»Doch«, antwortete Rogler verwirrt. »Aber ich -«
»Das haben Sie nicht«, behauptete Franke. Er klang enttäuscht. »Sie haben nicht einmal wirklich zugehört. Und noch viel weniger haben Sie die Augen aufgemacht und sich umgesehen. Sie glauben, ich handelte verantwortungslos? Begreifen Sie eigentlich, worüber ich rede?«
»Über ein Schwarzes Loch«, antwortete Rogler automatisch. »Eine wissenschaftliche -«
»Zum Teufel noch mal, fangen Sie endlich an zu denken!« fiel ihm Franke ins Wort. »Ich rede nicht über eine wissenschaftliche Theorie. Ich rede über das Ende der Welt!«
Nicht genug, daß das Wetter seit ein paar Tagen verrückt spielte, erlebten die Einwohner des Centovalli seit einer guten Woche eine nie dagewesene Invasion von Fremden; größtenteils vollkommen verrückten Fremden, Turlingers Meinung nach. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man diesen ganzen Teil der Alpen ohnehin schon vor fünfzig Jahren für den Tourismus im allgemeinen und Ausländer im besonderen sperren müssen. Nicht, daß er etwas gegen Ausländer hatte. Sie waren ihm völlig egal, solange sie nur dort blieben, wo sie hingehörten. Zu Hause. Bei sich zu Hause.
»Sind Sie sicher, daß wir auf dem richtigen Weg sind?«
»Das bin ich«, antwortete Turlinger, ohne sich herumzudrehen oder im Schritt innezuhalten. »Und wenn Sie noch ein bißchen lauter schreien, kommt gleich bestimmt jemand vorbei, den Sie fragen können.«
Der Mann im grünen Parka, der sich zwei Schritte hinter ihm den Steilhang hinaufquälte, antwortete nicht darauf, aber Turlinger konnte regelrecht hören, wie er erbleichte, und obwohl er sich nicht zu ihm herumdrehte, sondern seine Schritte im Gegenteil noch um ein winziges bißchen beschleunigte, war er sicher, daß er sich für einen Moment erschrocken umsah.
Turlinger verzog verächtlich das Gesicht. Wie die meisten Einheimischen in diesem Teil des Tessins lebte Josef Turlinger vom Fremdenverkehr; genauer gesagt, von den Fremden. Vielleicht nicht ganz so legal wie die meisten anderen, denn einen Gutteil seiner Einkünfte bestritt er damit, Touristen für viel Geld über große Umwege an Plätze zu führen, die sie bequemer - und preiswerter - hätten erreichen können, und ihnen die eine oder andere Occasion anzubieten (die er zu einem Bruchteil ihres Preises in einem kleinen Geschäft in Locarno erstand), aber all das hinderte ihn natürlich nicht daran, all diese Ausländischen zu verachten, und das um so mehr, je mehr sie ihm zahlten. Dieser eigenen, zugegeben etwas krausen Logik zufolge hätte er den Mann, der sich jetzt schnaubend hinter ihm den Steilhang hinauf quälte und vergeblich immer wieder einmal versuchte, zu ihm aufzuholen, eigentlich aus tiefstem Herzen hassen müssen - und ein bißchen tat er es sogar. Aber Turlinger war kein Dummkopf. Er wußte sehr wohl, daß seine Verärgerung und der aufgestaute Zorn mehr ihm selbst als diesem Franzosen galten - vielleicht war es auch ein Belgier oder Flame, so genau nahm es Turlinger damit nicht. Tatsache war, daß er ein Fremder war und daß ihm seine innere Stimme gestern abend, als er auftauchte, geraten hatte, ihm einen Tritt zu verpassen und ihn vom Hof zu jagen, noch bevor er den Mund aufmachte. Aber er hatte nicht auf sie gehört, und wie konnte er das, bei dem Bündel Banknoten, mit dem der Kerl unter seiner Nase herumgewedelt hatte?
Mittlerweile hatte sich Turlinger bereits ein dutzendmal selbst dafür verflucht, nachgegeben zu haben. Der Bursche hatte ihm wirklich viel Geld geboten, und Turlinger hatte es schließlich genommen und eingewilligt, ihn über die Berge nach Porera zu führen, aber er hatte ihn auch dazu gebracht, mit einem seiner (wenigen) eisernen Prinzipien zu brechen - nämlich dem, sich rauszuhalten. Wenn man ein Leben am Rande der Legalität führte wie Turlinger, war es wichtig, sich rauszuhalten. Aber es war eine einfache Tour: fünf - gut, mit diesem flügellahmen Trottel eher sieben Stunden hin, und etwas weniger zurück. Die Summe, die er dafür bekam, entsprach einem guten Wochenverdienst. Trotzdem war es ein Fehler gewesen. Er hatte es gleich geahnt, und im Verlauf der letzten drei oder vier Stunden war diese Ahnung zur Gewißheit geworden. Der Kerl war eine echte Nervensäge. Statt seinen ohnehin kurzen Atem dafür aufzusparen, den Berg zu erklimmen, redete er praktisch ununterbrochen; das meiste davon war dummes Zeug. Dazu kam noch etwas. Allein in der letzten Stunde war zweimal ein Hubschrauber über sie hinweggeflogen. Turlingers kundigem Auge waren auch die Spuren nicht entgangen, die sie gekreuzt hatten. Spuren von Männern in schweren Stiefeln, und an einer Stelle frischer Hundekot. Hätte er es nicht besser gewußt, hätte er geschworen, daß hier Wachen patrouillierten. Nur, daß es in diesem Teil der Berge absolut nichts gab, was des Bewachens wert gewesen wäre.
»Warten Sie einen Moment, Monsieur. Ich brauche ... eine kleine Rast.«
Turlinger verdrehte die Augen und schluckte den verächtlichen Kommentar, der ihm auf der Zunge lag, im letzten Moment herunter. Er hatte erst die Hälfte des vereinbarten Lohnes erhalten und würde den Teufel tun, den Kerl zu verärgern. Aber vielleicht würden sie ja auf dem Rückweg den einen oder anderen Umweg machen, dachte er. Über ein paar unwegsame Steilhänge zum Beispiel oder eine kleine Wand hinunter.
Er warf einen aufmerksamen Blick in den Himmel hinauf und zu beiden Seiten, ehe er sich umwandte und zu dem Monsieur zurückging. Kein Hubschrauber. Keine Patrouillen. Alles schien in Ordnung. Aber es war nicht in Ordnung. Irgend etwas stimmte nicht.
Vielleicht, überlegte er, während er sich in drei Schritten Abstand zu seinem schwatzhaften Kunden gegen einen Baum lehnte und so Aufstellung nahm, daß er zugleich ihn wie die nähere Umgebung im Auge behalten konnte, waren es einfach die Hunde, die ihn nervös machten. Turlinger konnte Hunde nicht ausstehen, denn sie waren so etwas wie seine natürlichen Feinde. Spuren konnte man verwischen. Menschlichen Verfolgern konnte man ausweichen oder zur Not einfach davonlaufen. Selbst die Hubschrauber, die er gesehen hatte, machten ihm keine Sorgen. Sie waren praktisch, um etwas zu sehen, aber einen solchen Luftquirl in diesem unwegsamen Gelände zu landen, würde sich selbst ein erfahrener Pilot dreimal überlegen. Hunde hingegen waren eine Pest. Sie mußten einen nicht sehen, um zu wissen, daß man da war. Sie witterten einen auch dann, wenn man vielleicht schon Kilometer entfernt und vermeintlich in Sicherheit war, und sie bewegten sich in fast jedem Gelände schneller und ausdauernder als ein Mensch. Wäre es nach Turlinger gegangen, hätten Hunde ebenfalls auf seiner Verbotsliste für diesen Teil des Landes gestanden; gleich hinter den Touristen.