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Tief in sich spürte er, daß auch das nicht der eigentliche Grund für seine Beunruhigung war. Da war noch etwas, das dicht unter der Oberfläche seines bewußten Begreifens brodelte, ein Empfinden, das vielleicht nicht klar genug war, um es wirklich einzuordnen, aber viel zu intensiv, um es ignorieren zu können.

»Wir sollten weitergehen«, sagte er nach einer Weile. »Wir haben noch ein schönes Stück vor uns. Und den ganzen Weg zurück.«

»Noch eine Minute«, bat der Monsieur. Er lächelte, auf eine Art, von der er wahrscheinlich annahm, daß sie Turlingers Verständnis erweckte. Das einzige Gefühl, daß dieses Lächeln allerdings wirklich in Turlinger verstärkte, war seine Verachtung. »Ich bin so etwas nicht gewohnt, wissen Sie?«

Turlinger deutete den Hang hinauf. »Porera liegt hinter dieser Kuppe. Es ist nicht mehr weit.«

Der Blick des anderen folgte seiner ausgestreckten Hand, und sein Lächeln wurde noch eine Spur schmerzlicher. Was Turlinger als nicht mehr weit bezeichnet hatte, war noch ein guter Kilometer steil bergauf. Sein Lächeln wäre wahrscheinlich noch weit gequälter ausgefallen, hätte er gewußt, daß zumindest der letzte Teil dieser Strecke Turlinger echte Kopfschmerzen bereitete. Der Berggipfel vor ihnen war völlig deckungslos. Das Waldstück, an dessen Rand sie rasteten, hörte unmittelbar vor ihnen auf. Dort oben gab es nur ein paar Büsche und moosbedeckte, flache Felsen, hinter denen nicht einmal ein Hund Deckung gefunden hätte. Wenn einer dieser verdammten Hubschrauber kam, während sie dort oben waren, konnte der Pilot sie gar nicht übersehen.

Was Turlinger wieder zu der Frage brachte, warum zum Teufel mit einem Male Hubschrauber in diesem Teil der Berge patrouillierten. Sein Kunde hatte sich über den Grund dieser Tour beharrlich ausgeschwiegen, und Turlinger hatte ihn, getreu seiner Devise, sich rauszuhalten, auch nicht danach gefragt. Jetzt bedauerte er dies. Die Straße nach Porera hinauf war vor einer Woche gesperrt worden; niemand kam hinein, niemand heraus. Aber das war nichts Besonderes - im Winter kam das öfter vor, und selbst im Sommer verirrten sich die Einwohner des kleinen Bergdorfes selten ins Centovalli hinunter. Wenn sie ihren Ort verließen, so in Richtung Ascona oder Porto.

»Also gut, vermutlich haben Sie recht. Gehen wir weiter.« Ächzend wie ein alter Mann, der widerwillig seinen warmen Platz neben dem Ofen räumen muß, erhob er sich. Turlinger sah mit steinernem Gesicht zu, wie er seinen schweren Rucksack schulterte und die Riemen straffzog. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, was darin verborgen sein mochte. Die kantigen Umrisse, die sich durch den Leinenstoff drückten, und sein sichtlich großes Gewicht verrieten ihm immerhin, daß es mehr war als ein paar zusätzliche Kleidungsstücke und Proviant.

Sie gingen weiter. Turlinger sorgte mit ein paar raschen Schritten dafür, daß wieder der gewohnte Abstand zwischen ihnen lag, und er nahm auch jetzt wenig Rücksicht darauf, daß sein Begleiter immer größere Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Er wollte nur noch dort hinauf und dann wieder nach Hause. Trotzdem kamen sie nicht gut voran. Der Hang war steiler, als es vom Waldrand aus den Anschein gehabt hatte, und das Gehen bereitete Turlinger ungewohnte Mühe. Auch das war etwas, was seine Beunruhigung nährte. Etwas war heute anders als sonst. Es war, als ... wären diese Berge nicht mehr das, was sie sein sollten. Der Gedanke war so absurd, daß er still in sich hineinlächelte. Trotzdem erschreckte er ihn.

Langsam näherten sie sich der Bergkuppe. Auf der anderen Seite des kleinen Tales, das dahinter lag, erhob sich der gewaltige Schatten des Gridone, eingerahmt von einem Himmel, auf dem schon wieder finstere Gewitterwolken heraufzogen. Turlinger glaubte nicht, daß das Unwetter sie hier erreichen würde. Das Bergmassiv war ein verläßlicher Schutz, gegen alles, was von der anderen Seite kam. Aber der Anblick der grauen, durcheinanderwirbelnden Wolken ließ den Tag noch trister erscheinen. Turlinger hatte plötzlich das Gefühl, sich verirrt zu haben. Natürlich nicht wirklich - er kannte jeden Stein hier. Er wußte, was auf der anderen Seite der Bergkuppe lag, er hätte das Gelände hinter ihnen präzise und bis ins letzte Detail beschreiben können, ohne sich herumzudrehen - und trotzdem fühlte er sich fremd; als wäre er an einem Ort, den er schon hundertmal auf Bildern gesehen, aber noch nie selbst betreten hatte.

Immer wieder sah er zum Firmament hinauf. Der Himmel war auch hier grau und niedrig, doch die drohenden Wolken und das Wetterleuchten auf der anderen Seite des Gridone fehlten. Der Anblick hätte ihn beruhigen müssen. Sie würden vielleicht Regen bekommen, aber keinen Sturm und kein Unwetter. Nichts, worüber er sich Sorgen machen müßte.

Trotzdem tat er es. Und er wußte nicht einmal genau, weshalb.

Eine Minute später erreichten sie den Berggipfel. Als Turlingers Blick in das Tal auf der anderen Seite fiel, wußte er es.

»Was um alles in der Welt ist denn da los?« keuchte er.

»Genau das, was ich erwartet habe.« Sein Begleiter machte eine erschrockene Handbewegung und antwortete im Flüsterton, so als hätte er Angst, unten im Tal gehört zu werden. »Ich wußte, daß hier etwas faul ist! Terroristen, wie? Für wie dumm halten uns diese verdammten Raketengehirne eigentlich?«

Turlinger war nicht sicher, ob die Worte wirklich ihm galten; und wenn, hätte es nicht viel genutzt. Er verstand sie so wenig wie das, was er sah. Das war eine Menge.

Porera hatte eine Invasion erlebt. Nicht in dem Sinne, in dem die Menschen in diesem Teil des Tessins das Wort normalerweise benutzten, sondern in seinem ursprünglichen.

Der Ort wimmelte von Militär.

Quer über die einzige Straße, die ins Tal hinunter führte, spannte sich ein doppelter Maschendrahtzaun. Rechts und links der Durchfahrt erhoben sich zwei hastig errichtete Wachhäuschen, und jenseits davon, diskret hinter einem geparkten Lastwagen verborgen, stand ein leibhaftiger Panzer. Das Dorf selbst war frei von militärischen Fahrzeugen, sah man von zwei oder drei Geländewagen in verdächtigem Nato-Oliv ab, doch wohin Turlinger auch sah, erblickte er uniformierte Gestalten. Soldaten? Was zum Teufel -?!

»Vorsicht!«

Turlinger reagierte ganz instinktiv auf den Ausruf seines Begleiters und ließ sich der Länge nach auf den Bauch sinken. Erst dann sah er überhaupt, was den anderen so erschreckt hatte: zwischen den niedrigen Häusern am Ortsrand war ein Jeep aufgetaucht, der heftig schaukelnd querfeldein auf sie Kurs nahm. Er war mit drei Männern in grünen Uniformen und mit hellblauen Helmen besetzt. Für ein paar Sekunden war Turlinger felsenfest davon überzeugt, daß sie bereits entdeckt worden waren. Dann änderte sich das Motorengeräusch; fünfzig oder sechzig Meter vom Ortsrand entfernt hielt der Wagen an. Zwei der Soldaten stiegen aus und machten sich an etwas zu schaffen, das Turlinger über die Entfernung hinweg nicht erkennen konnte. »Was ist denn da los?« murmelte er. Er bekam keine Antwort, aber sein Begleiter berührte ihn an der Schulter. Als er den Kopf drehte und ihn ansah, hielt er ihm ein sonderbar aussehendes Instrument hin, das Turlinger nur mit einiger Anstrengung als Fernglas identifizierte. Zögernd griff er danach, setzte es aber erst auf einen zweiten, auffordernden Wink hin an.