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Das Gerät war sehr schwer, und sein Sichtfeld war nicht wie das der Feldstecher, die Turlinger kannte. Er hatte fast das Gefühl, auf einen kleinen Fernseher zu blicken. Links und am unteren Rand des Bildes blinkten verwirrende rote Symbole und Zahlenkolonnen. Aber die Vergrößerung war phantastisch. Turlinger hatte im allerersten Moment Schwierigkeiten, den Jeep und die drei Soldaten wiederzufinden, doch nachdem es ihm gelungen war, schienen die Männer kaum noch zwei Meter von ihnen entfernt zu sein. Er konnte jetzt erkennen, was sie taten. Das, woran sie sich zu schaffen machten, war ein kaum kniehoher, dünner Draht, der sich nach rechts und links spannte, so weit er sehen konnte. In regelmäßigen Abständen unterbrachen senkrecht aus dem Boden ragende Metallstäbe den Miniaturzaun, an denen kleine, rechteckige Kästen befestigt waren. Turlinger hatte keine Ahnung von militärischen Dingen oder gar moderner Überwachungstechnik, aber das mußte man auch nicht, um zu erkennen, daß es sich bei dem Draht offenbar um einen Zaun handelte, der den ganzen Ort umgab. Seine geringe Höhe wirkte nicht beruhigend. Im Gegenteil. Turlinger hatte immerhin genug von Lichtschranken und ähnlichem gehört, um zumindest zu ahnen, was er da sah. Nach einer Weile gab er das sonderbare Fernglas an seinen Besitzer zurück und schloß für eine Sekunde die Augen, um sich wieder an das veränderte Sichtfeld zu gewöhnen. Als er die Lider hob, hatte sein Begleiter den Feldstecher angesetzt und blickte mit konzentriertem Gesichtsausdruck hindurch. Von Zeit zu Zeit berührte er eine kleine Taste auf seiner Oberseite, und immer, wenn er es tat, hörte Turlinger ein leises Klicken, gefolgt von einem surrenden Geräusch. Offensichtlich war in das Ding eine Kamera eingebaut.

Allmählich wurde ihm doch mulmig zumute. Wer immer der Kerl war - eines war er ganz bestimmt nicht: ein normaler Tourist, den die bloße Neugier hier herauf getrieben hatte. Er wußte plötzlich nicht mehr, was ihn mehr beunruhigte: die unheimliche Veränderung, die mit der Ortschaft unter ihnen vonstatten gegangen war, oder sein kaum weniger unheimlicher Begleiter.

»Hören Sie«, sagte er vorsichtig. »Ich glaube, wir sollten uns unterhalten.«

»Jetzt nicht.« Der andere machte eine unwillige Handbewegung und starrte weiter gebannt durch seinen Feldstecher.

»Ich denke, Sie sind mir ein paar Antworten schuldig«, fuhr Turlinger fort. Die Worte forderten weit mehr Kraft von ihm, als er erwartet hatte.

»Wieso? Sie haben doch gar nichts gefragt.« Der Bursche ließ den Feldstecher sinken, grinste ihn unverschämt an und begann in seinem Rucksack herumzuwühlen. Turlinger versuchte etwas von seinem Inhalt zu erkennen, sah aber nichts als schwarzes Plastik. Und etwas, das verdammt nach einer Waffe aussah.

»Wer sind Sie?« fragte er. »Sie ... Sie werden mir sofort sagen, wer Sie sind und was hier vorgeht. Oder ich...«

»Oder?«

Turlingers Hände begannen leicht zu zittern. Der andere lächelte noch immer. Seine Stimme klang so freundlich und amüsiert wie zuvor. Nichts in seinem Gesicht oder seiner Haltung hatte sich geändert - und trotzdem schien er plötzlich ein anderer Mensch zu sein. Aus dem freundlichen, ziemlich naiven Trottel war jemand geworden, der ... gefährlich war. Weder in seinem Blick noch in seiner Stimme war eine Drohung, aber ganz plötzlich hatte Turlinger Angst vor ihm. Hinter der Maske des Dummkopfes, auf die er hereingefallen war, verbarg sich eine Stärke und Gnadenlosigkeit, die Turlinger schaudern ließ. »Oder ich ... drehe auf der Stelle um und lasse Sie hier zurück«, sagte er. Seine Stimme klang nicht halb so entschlossen, wie nötig gewesen wäre, um die Worte glaubhaft zu machen.

»Das glaube ich nicht«, sagte der andere. Er verstaute sorgfältig sein Fernglas und zog eine sonderbare Kombination aus seinem Rucksack: der hintere Teil stammte offensichtlich von einem Gewehr, aber statt in einem Lauf endete das Gerät in einem gewaltigen Teleobjektiv.

»Was tun Sie da?« fragte Turlinger nervös.

Etwas klickte. Das vordere Drittel des Objektives bewegte sich surrend nach rechts und links und wieder zurück. »Ich fotografiere.«

»Das ist eine Kamera?«

Der Mann lachte leise. »Und was für eine! Mit dem Ding hier fotografiere ich jeden einzelnen Popel in der Nase des Burschen da unten am Tor. Lesen Sie Zeitung? Wenn ja, werden Sie die Bilder spätestens übermorgen auf jeder Titelseite bewundern können. Diese verdammten Mistkerle! Ich wußte, daß Sie uns eine Lügengeschichte auftischen!«

»Was ... was bedeutet das denn?« stammelte Turlinger.

»Ich habe keine Ahnung. Aber ich kriege es raus!« Der Mann ließ seine Kamera sinken und sah Turlinger aufmerksam an. »Da läuft eine Riesenschweinerei. Und Sie und ich, wir werden dafür sorgen, daß die Welt davon erfährt.«

»Ich will damit nichts zu tun haben!« sagte Turlinger impulsiv. »Ich verschwinde jetzt.«

Aber er rührte sich nicht. Der andere sagte kein Wort. Trotzdem schien seine bloße Anwesenheit Turlinger zu paralysieren. Erneut versuchte er, einen genaueren Blick in den Rucksack des Burschen zu werfen. Er war jetzt sicher, daß sich eine Waffe darin verbarg.

»Hören Sie«, sagte er nervös. »Ich verspreche Ihnen, daß ich nichts sage. Ich habe Sie nie gesehen, und ich war auch nie hier. Lassen Sie mich einfach gehen, ja? Ich gebe Ihnen auch Ihr Geld zurück.«

Eine Sekunde lang las er nichts als ehrliche Verblüffung auf den Zügen des anderen. Dann lachte er, schallend und sehr ausdauernd. »Oh verdammt, habe ich so einen Eindruck auf Sie gemacht?« fragte er kopfschüttelnd. »Wofür halten Sie mich? Ich bin kein Spion oder so etwas.«

»Nein?« fragte Turlinger vorsichtig.

»Nein - auch wenn manche mich vielleicht so bezeichnen würden. Und mich wahrscheinlich gerne an die Wand stellten.«

Also doch, dachte Turlinger. Er hätte sich raushalten sollen. Wahrscheinlich hatte er sein eigenes Todesurteil besiegelt, als er diesen verfluchten Auftrag annahm.

»Ich bin Journalist«, fuhr der andere fort.

»Journalist?«

»Fotoreporter, um genau zu sein«, sagte der andere. »Und das da werden die Aufnahmen meines Lebens. Und wenn Sie wollen, auch Ihres.« Er nickte ein paarmal, um seine Worte zu bekräftigen, und setzte die Kamera wieder an, ehe er fortfuhr: »Ich kann Sie ganz groß rausbringen, wenn Sie wollen. Die Story wird einschlagen wie eine Bombe. Immerhin sind Sie der Mann, der mich hierhergebracht hat.«

Turlinger glaubte nicht, daß er das wollte. Alles, was er wirklich wollte, war von hier zu verschwinden, und das so schnell wie möglich. Er war viel zu verwirrt und hatte viel zu viel Angst, um darüber nachzudenken, ob der andere wirklich das war, was er zu sein vorgab.

»Da unten läuft eine Riesensauerei!« fuhr der Fremde fort. Er fotografierte ununterbrochen, während er seine Kamera nach rechts und links und wieder zurück schwenkte. »Und kein Mensch weiß davon. Aber ich werde ihnen die Suppe versalzen.« Er sah Turlinger an. »Seit wann genau ist die Straße gesperrt?«

»Seit einer Woche - ungefähr«, antwortete Turlinger. Auf eine Frage, die das Wort genau enthielt, war das eine ziemlich unbefriedigende Antwort, aber sie schien seinem Gegenüber zu genügen.

»Seit dem angeblichen Sprengstoffanschlag also«, sagte er. Er hörte sich irgendwie grimmig an, als hätte er ganz genau diese Antwort erwartet. »Terroristen! Daß ich nicht lache!«

»Der Anschlag auf den Zug? Sie meinen, es ... es waren keine Terroristen?«

»Wissen Sie, wo wir hier sind?« fragte der andere. Ohne Turlingers Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Genau über dem Tunnel. Ich habe es auf der Karte nachgesehen, wissen Sie? Wenn Sie eine Schaufel nehmen und dort unten im Dorf zu graben anfangen, dann stoßen Sie genau auf den Gridone-Tunnel. Das ist doch kein Zufall.«

Turlinger war nun vollends verwirrt. Er verstand nicht, was das eine mit dem anderen zu tun haben sollte, und er sprach diese Frage auch laut aus.