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»Das weiß ich auch noch nicht«, antwortete der andere. »Aber eines weiß ich genau. Daß hier etwas stinkt.«

»Vielleicht haben sie etwas entdeckt«, sagte Turlinger hilflos.

»Darauf können Sie sich verlassen«, antwortete der andere. »Und zwar etwas verdammt Großes.«

Aber vielleicht hatte die Anwesenheit der Soldaten dort unten auch einen ganz anderen Grund, dachte Turlinger. Seine Furcht bekam plötzlich eine neue Dimension. Er hatte sein Leben hier in diesen Bergen verbracht. Die größte Stadt, in der er jemals gewesen war, war Locarno, und von der Welt jenseits der steinernen Wände, die seine Heimat begrenzten, wußte er kaum mehr, als er aus dem Radio oder dem Fernseher erfuhr. Aber er war nicht dumm. Porera war hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt worden, und das mußte einen Grund haben. Vielleicht war ja eine Krankheit ausgebrochen. Oder sie hatten etwas ungemein Gefährliches gefunden. Turlinger hatte einmal von einem Flugzeug gehört, das eine Atombombe verloren hatte, einfach so. Damals hatte er über diese Meldung gelacht und sie als Unsinn abgetan. Aber jetzt war ihm nicht mehr zum Lachen zumute.

»Lassen Sie uns verschwinden«, sagte er. »Bitte.«

»Ich muß näher ran«, erwiderte der andere. »Ich muß wissen, was da vorgeht.«

»Näher ran?!« Turlinger richtete sich erschrocken auf und senkte gleich darauf wieder den Kopf. »Sind Sie verrückt?«

»Ich gehe allein«, antwortete der angebliche Reporter. »Sie können hierbleiben. Es dauert nicht lange.«

»Sie werden Sie erwischen!« sagte Turlinger. »Seien Sie vernünftig. Dort unten wimmelt es von Soldaten.«

»Ja, und vermutlich auch von Kameras und Infrarotgeräten«, fügte der andere hinzu. »Aber keine Sorge. Ich bin auf alles vorbereitet.« Er schraubte mit geschickten Bewegungen seine Kamera auseinander und tauschte sie gegen einen kleinen, rechteckigen Kasten mit einem flachen Monitor und einer ganzen Anzahl winziger Lämpchen, die auf einen Knopfdruck hin zu grünem und rotem Leben erwachten.

»Bleiben Sie einfach hier und warten Sie auf mich.« Er kramte den Feldstecher wieder hervor und reichte ihn Turlinger. »Hier. Sie sind sozusagen meine Rückendeckung. Passen Sie gut auf das Ding auf. Und sollte mir doch etwas zustoßen, dann schicken Sie das Gerät per Eilboten an die Redaktion der Times in London. Man wird Sie großzügig dafür belohnen, das kann ich Ihnen versprechen.«

Turlinger wollte das nicht. Er wollte mit all dem hier nichts zu tun haben, aber der andere ignorierte seine abwehrenden Gesten einfach, drückte ihm den Feldstecher in die Hand und schulterte seinen Rucksack. Noch ehe Turlinger irgend etwas tun konnte, um ihn zurückzuhalten, erhob er sich in eine gebückte Haltung und begann den Hang hinabzulaufen.

Er stellte sich nicht einmal ungeschickt dabei an. Der Berghang bot wenig Deckung, aber er nutzte das wenige hervorragend aus, und nach ein paar Sekunden setzte Turlinger den Feldstecher widerwillig an und folgte ihm mit Blicken.

Der Reporter lief geduckt den Hang hinunter, blieb immer wieder stehen, um sich umzusehen oder einen Blick auf seinen kleinen Apparat zu werfen, von dem Turlinger annahm, daß er ihn irgendwie vor unsichtbaren Fallen oder den Radargeräten, die die Soldaten aufgestellt hatten, warnen mochte, denn er bewegte sich nicht in gerader Linie auf das Dorf zu, sondern in einem scheinbar willkürlichen Zickzack. Manchmal lief er sogar ein Stück den Weg zurück, den er genommen hatte, um es ein paar Meter weiter rechts oder links erneut zu versuchen. Er brauchte auf diese Weise gute zwanzig Minuten, um sich dem Ortsrand zu nähern. Turlinger sah ihm die ganze Zeit über gebannt zu. Seine Gedanken arbeiteten wild, aber trotzdem irgendwie träge. Er hätte jetzt aufstehen und einfach machen können, daß er nach Hause kam. Im Grunde sprach nichts dagegen. Wenn der Bursche tatsächlich war, was er behauptete, konnte er ihm nicht viel tun, um sich zu rächen. Turlinger legte nicht den geringsten Wert darauf, daß er ihn groß herausbrachte - im Gegenteil. Und wenn er tatsächlich etwas anderes war, zum Beispiel ein Spion - diese Möglichkeit hatte Turlinger immer noch nicht ganz ausgeschlossen - nun, dann würde er ihn wahrscheinlich sowieso umbringen. Turlinger hatte genug Agentenfilme gesehen, um zu wissen, wie so etwas lief.

Und trotzdem blieb er, wo er war. So groß seine Furcht auch sein mochte, wenigstens im Moment noch war seine Neugier stärker. Sie und eine völlig andere Art von Beunruhigung, die dem rätselhaften Geschehen dort unten in Porera galt. Er verfolgte den geduckt weiter ins Tal huschenden Mann pedantisch mit dem Fernglas. Ab und zu drückte er die kleine Taste auf seiner Oberseite, und manchmal wurde dieses Drücken mit dem Turlinger bereits bekannten Klicken und Surren belohnt. Nicht immer. Anscheinend machte er noch etwas falsch.

Immerhin bediente er den fotografierenden Feldstecher gut genug, um die entscheidenden Momente zu fotografieren - nämlich die, in denen der Reporter von seinem elektronischen Wachhund schmählich im Stich gelassen wurde. Vermutlich sah er die Bewegung sogar eher als dieser. Ziemlich genau dort, wo vorhin der Jeep aufgetaucht war, erschien plötzlich wieder ein Wagen, diesmal mit vier Mann besetzt. Gleichzeitig tauchten auch rechts und links Fahrzeuge auf, die rasch Kurs auf den näher kommenden Mann nahmen.

Turlinger setzte den Feldstecher ab und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen ins Tal hinab. Der Fremde hatte die Gefahr offensichtlich noch gar nicht bemerkt, denn er bewegte sich weiter langsam und geduckt auf das Dorf zu - und somit genau auf die Männer, die ihm entgegenkamen. Anscheinend verließ er sich so sehr auf seine technische Spielerei, daß er gar nicht auf die Idee kam, man könnte ihn schlicht und einfach gesehen haben. Turlinger konnte gerade noch den Impuls unterdrücken, ihm eine Warnung zuzurufen. Der Mann war viel zu weit entfernt. Und selbst wenn er ihn gehört hätte - es war zu spät. Der Wagen hatte ihn fast erreicht, als er die Gefahr bemerkte, und auch die beiden anderen Fahrzeuge, die ihn in einer weit ausholenden Bewegung in die Zange genommen hatten, waren allerhöchstens noch fünfzig, sechzig Meter entfernt. Plötzlich ging alles sehr schnell. Die Fahrzeuge beschleunigten, während der Journalist herumfuhr und mit weit ausgreifenden Sprüngen den Berg wieder hinaufzurennen begann.

Wahrscheinlich versuchte er, felsiges Gelände zu erreichen, in dem die Jeeps ihn nicht verfolgen konnten. Die Idee war gut, aber natürlich war er viel zu langsam. Drei, vier Männer sprangen vom Wagen und überwältigten ihn, ehe er auch nur die halbe Entfernung zurückgelegt hatte. Turlinger beobachtete das Geschehen fluchend von seinem Versteck auf der Bergkuppe aus; aber er vergaß nicht, immer wieder auf den Auslöser zu drücken und die ganze Szene akribisch zu fotografieren. Schließlich blieb das klickende Geräusch aus, und statt dessen ertönte ein lang anhaltendes Surren. Der Film mußte voll sein.

Aber er hatte auch genug gesehen. Zumindest genug, um zu begreifen, daß es jetzt keinen Grund mehr gab, länger hierzubleiben. Im Gegenteil - die Soldaten würden sich denken können, daß der Mann nicht allein gekommen war. Vermutlich würde es in spätestens zehn Minuten hier oben von Männern nur so wimmeln. Es wurde Zeit, daß er wegkam. Turlinger verstaute den Feldstecher in seinem eigenen Rucksack und erhob sich auf Hände und Knie. Vorsichtig begann er rücklings über die Bergkuppe zu kriechen.

Offenbar nicht vorsichtig genug. Der Großteil der Soldaten, die in den drei Jeeps gekommen waren, war noch immer damit beschäftigt, den sich heftig wehrenden Journalisten zu bändigen (wenigstens hatten sie ihn nicht gleich umgebracht, dachte Turlinger), aber einer der Männer hatte sich plötzlich aufgerichtet und sah gebannt in seine Richtung. Nur einen Augenblick später hob er einen Feldstecher an die Augen.

Turlinger konnte regelrecht fühlen, wie ihn sein Blick traf.

Fluchend sprang er auf die Füße. Einer der drei Geländewagen setzte sich in Bewegung und nahm direkten Kurs auf ihn. Turlinger ließ jetzt alle Vorsicht fallen und rannte, was das Zeug hielt. Aber sein Vorsprung würde binnen weniger Augenblicke auf die Hälfte zusammenschrumpfen. Das allein stellte wahrscheinlich noch die geringste Gefahr dar - die Männer im Jeep hatten mit Sicherheit Funk, und Turlinger hatte den Helikopter keine Sekunde lang vergessen.