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Die Männer unten in Porera auch nicht. Turlinger hörte das charakteristische flappende Geräusch, noch ehe der Helikopter wie eine riesige stählerne Libelle über der Bergkuppe auftauchte und Kurs auf ihn nahm. Turlinger schlug einen Haken nach links, um einem Felsbrocken auszuweichen, sprang gleich darauf in die entgegengesetzte Richtung und lief immer schneller. Aber der Hubschrauber kam mit rasender Geschwindigkeit näher. Turlinger war allerhöchstens noch siebzig oder achtzig Schritte vom Waldrand entfernt, doch er wußte, daß er es nicht schaffen würde. Die Maschine holte ihn ein, ehe er die halbe Strecke zurückgelegt hatte.

Der Helikopter flog so tief, daß der Luftzug der Rotoren ihn von den Füßen riß. Turlinger stürzte, riß sich die Hände und das Gesicht auf und versuchte den Schwung seiner eigenen Bewegung zu nutzen, um wieder in die Höhe zu kommen, aber der künstliche Tornado schmetterte ihn sofort wieder zu Boden. Diesmal so hart, daß er einen Moment lang benommen liegenblieb.

Als er den Kopf hob, kreiste der Helikopter nur wenige Meter über ihm. Der Sturmwind preßte ihn wie eine unsichtbare Faust gegen den Boden, und der Lärm der Rotoren war höllisch. Turlinger konnte die Gesichter der beiden Männer in der Maschine erblicken, die zu ihm herabstarrten.

Plötzlich war er felsenfest davon überzeugt, daß sie ihn umbringen würden. Sein Kunde hatte recht gehabt - was immer hier vorging, war etwas Großes, etwas so immens Wichtiges, daß sie keine Zeugen dulden würden. Sie würden ihn auf der Stelle erschießen oder bestenfalls verschleppen und in ein Loch werfen, in dem er den Rest seines Lebens verbrachte.

Die Vorstellung - so wenig glaubhaft sie auch gewesen wäre, hätte er sich die Mühe gemacht, auch nur eine Sekunde lang darüber nachzudenken - gab ihm noch einmal neue Kraft. Mit zusammengebissenen Zähnen stemmte er sich gegen die tobende Wut des Orkanes in die Höhe und stolperte weiter dem Waldrand entgegen.

»Bleiben Sie stehen!« brüllte eine Lautsprecherstimme vom Himmel herab. »Sie befinden sich auf militärischem Sperrgebiet. Bleiben Sie stehen und warten Sie, bis man Sie abholt!«

Turlinger aber rannte nur noch schneller. Der Helikopter folgte ihm in kaum zwei Metern Höhe, aber der Pilot wagte es nicht, auf dem abschüssigen, mit Felsen und Geröll übersäten Gelände zu landen. Wenn er erst einmal im Wald war, hatte er eine gute Chance.

»Bleiben Sie stehen!« schrie die Lautsprecherstimme erneut. »Das ist die letzte Warnung. Bleiben Sie stehen, oder wir machen von der Schußwaffe Gebrauch!« Also doch! dachte Turlinger grimmig. Er blieb nicht stehen. Sollten sie doch sehen, wie sie ihn aus ihrer schaukelnden Kiste dort oben trafen! Er duckte sich, riß beide Arme schützend über das Gesicht und rannte.

Der Schuß, auf den er wartete, kam nicht. Der Helikopter hing noch eine Sekunde reglos über ihm in der Luft, dann machte er einen regelrechten Satz in die Höhe - und befand sich plötzlich genau zwischen ihm und dem Waldrand. Turlinger fluchte ungehemmt. Er begriff plötzlich, daß er die Männer unterschätzt hatte. Sie hatten es gar nicht nötig, ihn festzunehmen. Es reichte vollkommen, wenn sie ihn daran hinderten, den Wald zu erreichen. Den Rest würden die anderen erledigen, die hinter ihm den Berghang hinaufkamen. Turlinger wußte nicht genau, wie weit sie mit ihrem Jeep kommen würden, aber er glaubte nicht, daß er noch mehr als ein paar Minuten hatte.

»Seien Sie doch vernünftig, Mann!« brüllte der Lautsprecher. »Sie machen es nur schlimmer!«

Was konnte denn noch schlimmer werden? dachte Turlinger. Um ein Haar hätte er gelacht. Aber er sparte sich seinen Atem lieber auf, um im Zickzack zwischen den Felsen hindurch auf den Waldrand und den Helikopter zuzulaufen, der langsam vor ihm zur Seite glitt, um ihm den Weg abzuschneiden. Die Maschine hing jetzt nur noch einige Meter über dem Boden. Der Pilot hinter dem Steuer verstand sein Handwerk.

Turlinger warf einen Blick über die Schulter zurück - und fuhr erneut erschrocken zusammen. Er hatte auch die Männer hinter sich unterschätzt. Über der Kuppe tauchten bereits die Silhouetten von zwei, drei Gestalten auf, und als wäre das allein noch nicht genug, erscholl von der anderen Seite ein scharfes Bellen. Die Hunde! Verdammt, er hatte gewußt, daß die Hunde ihm Ärger machen würden!

Er versuchte, noch schneller zu laufen, aber seine Kraft reichte nicht mehr. Seine Lungen schmerzten, und er bekam heftige Seitenstiche. Auf ein Wettrennen mit diesen zweifellos durchtrainierten und ebenso zweifellos sehr viel jüngeren Männern konnte er sich auf keinen Fall einlassen. Trotzdem dachte er nicht daran, aufzugeben. Er rannte um sein Leben, und er würde aufgeben, wenn er tot war, keinen Moment eher.

Hinter ihm krachte ein Schuß. Die Kugel prallte funkensprühend zwei Meter vor ihm gegen die Felsen, eine Sekunde später gefolgt von einer zweiten, die in der gleichen Entfernung, aber auf der anderen Seite in den Boden schlug. Das war zu präzise, um Zufall zu sein, und Turlinger verstand die Warnung: Die Männer waren Meisterschützen. Die nächste Kugel würde treffen.

Turlinger änderte seinen Kurs und rannte jetzt nicht mehr im Zickzack, sondern geradeaus - direkt auf den Helikopter zu. Die Männer würden es nicht wagen, auf ihn zu schießen, aus Angst, die Maschine zu treffen.

Das Hundegebell kam näher. Turlinger widerstand der Versuchung, sich nach den Tieren umzublicken, aber er wußte, daß sie rasch aufholten. Trotzdem, im Wald hatte er eine gewisse Chance, sie abzuschütteln. Spürhunde hin oder her, Turlinger führte diese Art von Leben lange genug, um den einen oder anderen Trick auf Lager zu haben. Aber dazu mußte er den Wald erst einmal erreichen. »Geben Sie auf!« schrie die Lautsprecherstimme. »Sie haben keine Chance mehr!«

Wahrscheinlich hatte sie sogar recht. Sie hatten ihn nach allen Regeln der Kunst in die Enge getrieben. Die Männer schossen jetzt nicht mehr, aber das war auch gar nicht notwendig. Der Kreis zog sich unbarmherzig enger zusammen. Noch eine Minute, und er würde das gleiche Schicksal erleiden wie sein namenloser Begleiter.

Dann erspähte er die Lücke. Die bloße Vorstellung reichte, ihm den Schweiß auf die Stirn zu treiben - aber welche Wahl hatte er schon? Mit zwei, drei gewaltigen Sätzen erreichte er den Hubschrauber, warf sich im letzten Moment zur Seite und wurde wie erwartet vom Sturmwind der rasenden Rotorblätter zu Boden geworfen. Mit angehaltenem Atem rollte er weiter. Für eine einzelne, schreckliche Sekunde hing der Helikopter direkt über ihm, wie der Deckel eines stählernen Sarges, in den er sich selbst hineingelegt hatte. Die metallenen Kufen schaukelten direkt über seinem Gesicht. Eine winzige Ungeschicklichkeit des Piloten, eine falsche Bewegung seiner selbst, und er würde zerquetscht. Aber er schaffte es. Der Helikopter schoß mit einem gewaltigen Heulen in die Höhe, während Turlinger weiter durch Unkraut und trockenes Gebüsch rollte, bis der erste Baum seiner Schlitterpartie ein unsanftes Ende setzte.

Hastig rappelte er sich hoch und stürzte tiefer in den Wald hinein. Wieder fielen Schüsse. Die Kugeln klatschten rechts und links von ihm in Baumstämme oder fuhren wie zornige Hornissen in die Blätter ringsum. Turlinger duckte sich, sprang in Panik nach rechts und links und brach rücksichtslos durch das immer dichter werdende Buschwerk. Das Schießen hörte auf, doch dafür kam das Hundegekläff rasch näher; offensichtlich hatten sie die Hunde von den Leinen gelassen.

Turlinger wußte, daß er auch hier im Wald keine Aussicht hatte, den Tieren davonzulaufen. Aber das mußte er auch nicht. Wenn er es schaffte, ihnen noch zwei, drei Minuten zu entkommen, hatte er eine Chance.

Das Kläffen und die splitternden Geräusche, mit denen die Hunde sich ihren Weg durch das Unterholz bahnten, kamen immer näher, aber Turlinger widerstand der Versuchung, zu ihnen zurückzusehen. Tief hängende Zweige zerrissen seine Kleidung und peitschten in sein Gesicht. Seine Wangen und seine Stirn trugen weitere, blutige Kratzer davon, aber er ignorierte auch das und konzentrierte sich völlig darauf zu rennen.