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Das wütende Kläffen war ganz dicht hinter ihm, als er die Steilwand erreichte. Im Grunde war es nur ein winziges Hindernis. Irgendwann vor ein paar hunderttausend oder auch Millionen Jahren war der Berg an dieser Stelle gerissen; ein Teil des Hanges war um zwei Meter abgesackt, aber der Wald hatte die Wunde rasch wieder bedeckt, so daß die zwei Meter hohe und noch dazu leicht schräg ansteigende Wand von außen nicht mehr sichtbar war. Für einen erfahrenen Kletterer wie Turlinger stellte sie kein ernstzunehmendes Hindernis dar. Er sprang in vollem Lauf und mit ausgestreckten Armen nach oben, krallte sich in dem rauhen Stein fest und nutzte seinen Schwung, zumindest mit dem rechten Fuß in einer Spalte Halt zu finden. Ein kräftiger Ruck, und Kopf und Schultern ragten bereits über die Barriere hinaus.

Für die Hunde jedoch stellte die Wand ein unüberwindliches Hindernis dar. Die Tiere erreichten ihren Fuß, noch ehe Turlinger ganz in Sicherheit war. Es waren drei. Zwei von ihnen beschränkten sich darauf, ihm wütend und enttäuscht nachzukläffen, während der dritte tatsächlich versuchte, ihm mit einem gewaltigen Satz zu folgen. Seine zuschnappenden Zähne verfehlten Turlingers Fuß nur um Haaresbreite.

Turlinger versetzte dem Hund einen Tritt gegen die Schnauze, der ihn mit einem schrillen Jaulen zurückschleuderte, und kletterte weiter. Binnen weniger Sekunden hatte er den höher gelegenen Teil des Waldbodens erreicht und richtete sich auf.

Sein Herz jagte. Schwäche kroch wie eine betäubende Welle in all seine Glieder. Er hätte seine rechte Hand für eine Rast gegeben. Aber dazu war keine Zeit. Die Wand war nicht allzu breit. Früher oder später würden die Hunde auf die Idee kommen, einen anderen Weg zu ihm herauf zu suchen, und wenn nicht sie, dann ihre Besitzer, die zweifellos auch auf dem Weg hierher waren. Er mußte weiter. In einer Entfernung von gut zwei Kilometern gab es ein wahres Labyrinth kleinerer Felsspalten und -schluchten, in denen er seine Verfolger endgültig abschütteln konnte.

Als er sich in Bewegung setzte, wurde über ihm ein dröhnendes Rauschen laut. Ein plötzlicher Sturmwind peitschte die Baumwipfel über ihm, und als Turlinger den Blick hob, sah er einen gewaltigen Schatten, der direkt über ihm hing. Der Helikopter.

Turlinger fluchte lauthals. Es war unmöglich, daß sie ihn sahen. Der Wald war hier so dicht, daß sie das einfach nicht konnten.

Aber sie taten es. Turlinger rannte ein Dutzend Schritte nach rechts, änderte dann seinen Kurs und lief in die entgegengesetzte Richtung. Doch der Helikopter folgte ihm beharrlich wie ein Schatten. Wahrscheinlich hatten sie irgendwelche elektronischen Geräte an Bord, mit denen sie ihn aufspürten. Turlinger spürte, wie sein Mut sank. Das war einfach nicht fair. Ganz egal, wer sie waren und warum sie ihn jagten, sie sollten ihm wenigstens eine Chance lassen. Trotzdem rannte er weiter. Wenn es ihm gelang, den felsigen Teil des Hanges zu erreichen, würde er vielleicht eine Höhle oder einen Überhang finden. Er konnte sich nicht vorstellen, daß sie ihn auch durch massiven Fels hindurch aufspüren konnten.

Ein plötzliches Schwindelgefühl ergriff ihn. Der Wald verschwamm vor seinen Augen, und für den Bruchteil einer Sekunde hatte er das Gefühl, daß der Boden unter seinen Füßen zum Leben erwacht wäre. Aber es war nicht wie ein Erdbeben; kein Zittern und Stoßen, sondern eine fast lebendige Art von Bewegung, als rege sich der Berg wie ein gigantisches, atmendes Wesen. Ein sonderbar singender Ton lag plötzlich in der Luft und ein Geruch, wie Turlinger ihn noch nie zuvor gespürt hatte. Das Gefühl ging zu schnell vorbei, als daß er es genauer erkennen konnte, aber der Schwindel blieb. Turlinger sank auf die Knie, stützte sich mit der linken Hand am Boden ab und preßte die andere auf den Mund, um den Brechreiz zu unterdrücken, der plötzlich in seiner Kehle würgte.

Es gelang ihm, aber nachdem das Drehen hinter seiner Stirn aufgehört hatte und er die Augen wieder öffnete, war ... etwas anders geworden. Irgend etwas hatte sich verändert. Er konnte nicht sagen, was. Es war nichts, worauf er den Finger legen konnte, keine sichtbare Veränderung - aber der Wald war nicht mehr der, den er kannte. Er war zu etwas Fremdem geworden, einem Alptraumwald voller falscher Linien und furchteinflößender Schatten.

Dann spürte er noch eine Veränderung, und diese konnte er beschreiben: das Motorengeräusch des Hubschraubers klang plötzlich anders, auf eine ungute, bedrohliche Art. Turlinger hob den Kopf und sah, daß der Schatten über den Baumwipfeln zu torkeln begonnen hatte. Das Geräusch der Turbine klang immer schriller, kein Heulen mehr, sondern ein ungleichmäßiges Kreischen, und der Hubschrauber torkelte von rechts nach links. Offensichtlich hatte der Pilot immer größere Schwierigkeiten, die Maschine unter Kontrolle zu behalten. Schließlich kippte sie nach links weg und verschwand aus Turlingers Gesichtsfeld.

Er hielt instinktiv den Atem an, aber obwohl er geahnt hatte, was kam, fuhr er unter dem Geräusch des Aufschlages wie unter einem Hieb zusammen. Eine ungeheure, krachende Explosion ließ den Wald erbeben. Der Boden zitterte, und plötzlich war der Wald links von Turlinger von grellem Feuerschein erfüllt. Sekunden später begann ein immer lauter werdendes Prasseln und Knistern, als die glühenden Trümmerstücke der explodierten Maschine auf den Wald niederregneten.

Turlinger war wie gelähmt vor Schrecken. Vor Sekunden noch hatte er die Männer in der Maschine verflucht - aber er hatte ihnen trotzdem nicht den Tod gewünscht. Er hatte geglaubt, es zu tun, aber das stimmte nicht.

Er drehte sich herum und tat ein paar Schritte in die Richtung, in der der Feuerschein durch das Gebüsch drang, ehe ihm aufging, wie sinnlos das war. Die Männer waren tot. Und selbst wenn nicht - es gab absolut nichts, was er für sie tun konnte. Also wandte er sich schweren Herzens wieder um und setzte seinen Weg fort. Er machte die Männer nicht wieder lebendig, wenn er aufgab und sich einfangen ließ.

Es wurde schlimmer. Turlingers Weg durch den Wald schien zu einem nicht enden wollenden Alpdruck zu geraten. Hinter jedem Schatten lauerte etwas, das ihm angst machte, hinter jedem vertrauten Umriß winkten ihm Wahnsinn und Desorientierung zu - und das Schlimmste überhaupt war vielleicht, daß er all diese entsetzlichen Veränderungen einfach nicht greifen konnte. Es war, als spüre etwas in ihm, daß die Welt anders geworden war, die Wirklichkeit nicht mehr das war, als was er sie kannte, und als wäre er zugleich unfähig, diesen Wandel wirklich zu erkennen.

Der Wald begann sich zu lichten. Die Bäume traten allmählich auseinander, und in den Lücken dazwischen erschienen immer mehr verwitterte Felsen. Mehr als einmal geriet sein Fuß in eine Spalte, die unter Moos und Flechten verborgen war. Es grenzte an ein kleines Wunder, daß er nicht stürzte und sich schwer verletzte. Doch als er schließlich den Waldrand erreichte und der Felshang vor ihm lag, hörte sein Glück auf.

Turlinger hörte ein zorniges Bellen, wandte im Laufen den Kopf und sah einen schwarzbraun gescheckten Schatten aus dem Unterholz brechen.

Der Hund war riesig und rannte unvorstellbar schnell. Sein Kläffen hatte eine hysterische Tonart, die Turlinger klarmachte, daß das Tier es nicht dabei bewenden lassen würde, ihn zu stellen. Noch bevor es nahe genug gekommen war, daß er das Blut an seiner Schnauze sehen konnte, wußte er, daß es der Hund war, den er getreten hatte.

Die schiere Todesangst gab ihm noch einmal neue Kraft. Turlinger legte den Weg zu den ersten Felsen in einem verzweifelten Spurt zurück, sprang über einen Buckel und krabbelte auf allen vieren eine kleine Anhöhe hinauf. Der Hund kam näher. Mit jedem Satz überwand er mindestens die dreifache Entfernung wie er und schien keine Erschöpfung zu kennen, sondern im Gegenteil immer schneller zu werden. Es war kein normaler Hund mehr. Die Veränderung hatte auch ihn getroffen. Statt von einem trainierten, intelligenten Tier, das seine Aufgabe genau kannte und zu erfüllen verstand wie eine präzise funktionierende Maschine, sah sich Turlinger von einer geifernden Bestie verfolgt, einem Ungeheuer mit rotglühenden Augen und fingerlangen Zähnen, das aus keinem anderen Grund gekommen war als dem, ihn zu töten. Turlinger kletterte mit verzweifelter Kraft über die Felsen, aber der Hund holte unbarmherzig auf. Noch zwei, drei Sätze, und er hatte ihn erreicht.