Vor ihm lag ein brusthoher, glatter Felsen. Turlinger versuchte ihn mit einem Sprung zu überwinden und irgendwo auf seiner Oberseite Halt zu finden, um sich hinaufzuziehen, aber er griff daneben. Ein scharfer Schmerz zuckte durch seine rechte Hand, und seine Schulter kollidierte mit solcher Wucht mit dem Stein, daß er vor Schmerz aufstöhnte und zurücksank.
Sein Ungeschick rettete ihm das Leben. Der Hund mußte seine Bewegung vorausgesehen und einkalkuliert haben, denn er stieß sich genau in diesem Moment mit unvorstellbarer Kraft und Eleganz ab und überwand den Felsen, an dem Turlinger gescheitert war, mit einem gewaltigen Satz. Seine zuschnappenden Kiefer bissen ins Leere, dort, wo Turlingers Kehle gewesen wäre, hätte er seinen Sprung geschafft. Ein wütendes Knurren erscholl - und ging in schrilles, erschrockenes Jaulen über, während das Tier auf der anderen Seite des Felsens aus Turlingers Blickfeld verschwand.
Es hörte nicht auf. Statt des erwarteten Aufpralles hörte Turlinger nur das schrille Kreischen des Hundes, das immer erschrockener wurde und zugleich leiser. Drei, vier Sekunden lang hockte er gelähmt und entsetzt da. Das Heulen hielt noch immer an, auch wenn es sich jetzt anhörte, als käme es aus großer Entfernung. Schließlich stemmte er sich hoch, streckte zum zweiten Mal die Arme aus und zog sich mit einem entschlossenen Ruck auf die Oberseite des Felsens hinauf.
Der Hund war nicht auf der anderen Seite aufgeprallt.
Es gab nämlich keine andere Seite mehr.
Wo der steil abfallende Hang, die Felsen, die Schluchten, die vereinzelten Büsche und Bäume, die ihre Wurzeln in den karstigen Boden gekrallt hatten, wo die Welt sein sollte, gähnte ein kreisrundes, mehr als einen Kilometer durchmessendes, schwarzes Loch. Ein bodenloser Abgrund, dessen Wände schimmerten, als wären sie sorgsam poliert worden, und in dessen Tiefe etwas Brodelndes, Schwarzes war, bei dessen bloßem Anblick Turlinger schwindelig wurde.
Sein Verstand kapitulierte vor der Aufgabe, das Bild zu verarbeiten, das seine Augen sahen. Er saß einfach da und starrte in das schwarze Nichts, das die Welt vor ihm verschlungen hatte, bis die Soldaten kamen und ihn fortbrachten.
13
Obwohl Warstein sich mit aller Macht selbst davon zu überzeugen versucht hatte, daß ihre Tarnung gut war, hatte er das Gefühl, ununterbrochen angestarrt zu werden. Zum Teil war es sicher berechtigt. Niemand, der ihrem Wagen näher als fünf Meter kam, kam umhin, das abenteuerlich anmutende Gefährt mit offenem Mund anzustarren. Sie hatten zwar Glück gehabt, und es hatte nicht zu regnen begonnen, aber die Straßen waren noch naß genug gewesen, damit das hochspritzende Wasser ihren Tarnanstrich zumindest zum Teil wieder abgewaschen hatte. Das Ergebnis war eine ganz besondere Art von Camouflage, die dem Wagen das Aussehen eines frischlackierten Zebras gab, das in einen Eimer mit Nitroverdünnung gefallen war. Unauffällig waren sie jetzt jedenfalls nicht mehr. Aber vielleicht, dachte er sarkastisch, funktionierte der Trick ja auch anders herum. Franke würde kaum annehmen, daß sie so blöd waren, in einem derart auffälligen Gefährt durch die Gegend zu fahren.
»Ich möchte wissen, warum er nicht anruft.«
Angelika hatte vor einer halben Stunde den Platz mit ihm getauscht und saß nun neben Lohmann. Sie gab sich Mühe, möglichst gelassen zu erscheinen, aber es gelang ihr nicht im entferntesten. Sie war nervös, und man sah es ihr an. Sie hatte ein wenig Angst, und auch das sah man ihr an. Warstein und sie hatten das Gespräch vom Morgen nicht fortgesetzt, aber sie mußte seine Entschlossenheit spüren. Er war weder gewillt, dieses irrwitzige Unternehmen fortzusetzen, noch darüber zu diskutieren. Es war ein Fehler gewesen, überhaupt herzukommen, das wußte er nun. Sie hatten sich mit einem Gegner angelegt, dem sie nicht gewachsen waren, und zumindest er hätte es eigentlich besser wissen müssen.
»Vielleicht hat er Besseres zu tun«, sagte Lohmann. Er nahm den Blick von der Straße, lächelte ihr flüchtig zu und sah dann durch den Spiegel zu Warstein zurück, der es sich im hinteren Teil des Wohnmobils bequem gemacht hatte; soweit das in einem schaukelnden Wagen möglich war, der mit hundertdreißig Stundenkilometern über die Autobahn fuhr.
Warstein erwiderte seinen Blick finster, und Lohmann beeilte sich, seine Aufmerksamkeit wieder dem Straßenverkehr zuzuwenden. Aber er war nicht schnell genug, daß Warstein nicht das spöttische Glitzern in seinen Augen gesehen hätte. Kurz nachdem er mit Angelika den Platz getauscht hatte, hatte er aufgegeben. Auf dem kleinen Tischchen vor ihm stand eine leere Dose Bier, und eine zweite, ebenfalls schon halb geleerte hielt er in der rechten Hand. Mit der anderen kritzelte er sinnlose Linien und Umrisse auf ein Blatt Papier. Er zeichnete nicht, wie gestern abend, sondern beschäftigte einfach seine Hände. Auch er war nervös, aber seine Nervosität hatte ganz andere Gründe als die Angelikas. Anfangs hatte er sich selbst einzureden versucht, daß es an dem bevorstehenden Treffen mit Franke lag, aber das stimmte nicht. Im Gegenteil, er sah diesem beinahe gelassen entgegen. Er fürchtete Franke nicht mehr; jetzt, wo er aufgegeben hatte und es im Grunde schon vorbei war, gab es gar keinen Grund mehr dazu. Ja, er empfand nicht einmal mehr wirklichen Zorn. Seine neuerliche Reise hierher in die Schweiz war ein sinnloses Aufbegehren gewesen, ein Unterfangen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war, aber er hatte es trotzdem erst tun müssen, um das zu begreifen.
Nein, seine Unruhe kam von etwas anderem. Ein Gefühl, unterschwellig und trotzdem quälend, das Gefühl, daß ... irgend etwas geschehen würde oder vielleicht auch bereits geschah.
»Wohin fahren wir überhaupt?« fragte er. Er sprach langsam, und er registrierte mit einem sanften Gefühl des Erschreckens, daß seine Zunge bereits schwer zu werden begann. Bisher hatte er es immer als angenehm empfunden, daß er trotz des dreijährigen intensiven Trainings nur sehr wenig zu trinken brauchte, um die Wirkung des Alkohols zu spüren. Jetzt ermahnte er sich selbst zur Vorsicht, und obwohl er ahnte, daß auch dies den Weg aller guten Vorsätze gehen würde, stellte er die Bierdose demonstrativ auf den Tisch. Er brauchte einen klaren Kopf, wenn er mit Franke sprach, und was vielleicht noch viel wichtiger war - er brauchte ihn, solange sie noch nicht mit Franke gesprochen hatten. Lohmann hatte nicht noch einmal versucht, ihn von seinem Entschluß abzubringen, aber das stimmte Warstein eher mißtrauischer. Wenn er noch mehr trank oder gar einschlief, würde er die Chance garantiert nutzen, um Angelika in seinem Sinne zu beeinflussen.
»Nach Osten«, antwortete Lohmann - was Warstein schon wieder ärgerte. Schließlich war er nicht blöd.
»Und warum fahren wir nach Osten?« erwiderte er betont.
»Warum nicht?« sagte Lohmann. »Es ist unsere Richtung. Was wollen Sie? Ich nehme Ihrem Freund Franke nur ein Stück Weg ab - falls er uns wirklich entgegenkommt, heißt das.«
»Er ist nicht mein Freund«, sagte Warstein scharf.
Lohmann wollte antworten, aber Angelika schnitt ihm das Wort ab. »Fangt nicht schon wieder an zu streiten«, sagte sie.
»Wir streiten nicht«, sagte Lohmann beleidigt. »Man hat mir eine Frage gestellt, und ich habe sie beantwortet.«
Angelika sagte nichts darauf, und auch Warstein zog es vor, sich in Schweigen zu hüllen - auch wenn er immer noch keine Antwort auf seine Frage bekommen hatte. Die Stimmung im Wagen war gereizt genug. Er mußte vorsichtig sein. Eine offene Konfrontation mit Lohmann war das letzte, was er jetzt wollte.