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»Die zwei Stunden sind längst vorbei«, knüpfte Angelika an ihren unterbrochenen Gedanken an. Sie schüttelte den Kopf, nahm das Telefon aus seiner Halterung und drehte es ein paarmal in den Händen, als könne sie Frankes Anruf durch bloßes Anstarren herbeizwingen. Schließlich hängte sie das Gerät mit einem abermaligen Seufzen wieder zurück.

»Völlig sinnlos«, sagte Lohmann. »Das Ding ist tot. Und solange Franke es nicht von sich aus wieder einschaltet, bleibt es das auch.« Seine Stimme klang fast fröhlich. »Vielleicht hat er ja die Nummer verlegt.«

Angelika verdrehte die Augen. Sie sagte immer noch nichts, aber sie wandte sich demonstrativ zur Seite und starrte für die nächsten fünf Minuten wortlos aus dem Fenster.

Wie immer, wenn man auf etwas wartete, schien sich die Zeit zäh dahinzuquälen. Warstein warf in regelmäßigen Abständen einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett und auf den Tachometer. Sie kamen gut voran, viel besser, als er nach dem katastrophalen Beginn ihrer Reise auch nur zu hoffen gewagt hatte. Der Verkehr war zwar noch immer dicht; durch den Ausfall der direkten Eisenbahnverbindung wurde die Autobahn sicherlich doppelt so stark frequentiert wie normal. Aber sie waren bisher in keinen Stau geraten, und auch die Verkehrsmeldungen aus dem Radio sagten nichts davon.

»An der nächsten Raststätte müssen wir tanken«, sagte Lohmann nach einer Weile. Niemand antwortete, und nach einem weiteren, sekundenlangen Schweigen fügte er hinzu: »Und spätestens dann sollten wir zu einer Entscheidung kommen.«

»Was für eine Entscheidung?« fragte Warstein, obwohl sie alle wußten, wovon Lohmann sprach.

»Wie wir weitermachen«, sagte Lohmann. »Und ob wir weitermachen. Ich sage jetzt nichts mehr darüber, daß ich eine ganze Stange Geld und einen Haufen Zeit in den Sand gesetzt habe, nur weil ihr plötzlich kneift. Es ist eure Entscheidung. Aber ich habe sehr wenig Lust, noch mehr Geld und noch mehr Zeit zu opfern, nur um mir die verstopften Schweizer Autobahnen anzusehen.«

»Es gibt nichts weiterzumachen«, sagte Warstein. Eigentlich hatte er gar keine Lust mehr zu antworten. Es gab nichts mehr zu bereden. Alles, was er zu diesem Thema zu sagen hatte, war gesagt. Trotzdem fuhr er fort: »Ich dachte, das wäre klar. Wir sind hierhergekommen, um Angelika bei der Suche nach ihrem Mann zu helfen. Franke wird sie hinbringen.«

Lohmann lachte. »So naiv möchte ich auch einmal sein.« Er hob abwehrend die Hände, als Warstein auffahren wollte. »Schon gut, schon gut - ich habe doch gesagt, es ist eure Entscheidung. Aber habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was wir tun, wenn er nicht anruft?«

»Er wird anrufen«, behauptete Warstein.

»Wahrscheinlich«, sagte Lohmann. »Aber nur so zum Spaß: was, wenn er es sich überlegt hat oder sich aus irgendeinem anderen Grund nicht meldet. Immerhin hat er von zwei Stunden gesprochen. Mittlerweile sind mehr als drei vorbei.«

»Er ruft an«, beharrte Warstein.

»Gut.« Lohmann gab einen sonderbaren Laut von sich. »Er ruft an. Lassen wir es dabei.« Eine gute Minute verging, dann: »Und wenn nicht?«

»Er ruft an«, beharrte Warstein. Lohmann lachte, aber er stellte seine Frage kein drittes Mal. Die restliche Zeit, bis sie die Tankstelle erreichten, verlief in einem unangenehmen, nervösen Schweigen, das die Spannung zwischen ihnen eher noch vertiefte, statt sie zu mildern. Warstein atmete erst wieder auf, als sie in die Tankstelle einbogen und Lohmann den Wagen verließ.

»Er ist verdammt wütend«, sagte Angelika. Sie blickte Lohmann nach, wie er den Schlauch aus der Tanksäule löste und damit um den Wagen herumging. Warstein war vollauf damit beschäftigt, sich Sorgen zu machen. Sie waren nicht allein an der Tankstelle, und jeder, der näher als zwanzig Meter war, starrte den schwarzweiß gescheckten Wagen verblüfft an. Sie erregten Aufsehen. Mehr, als er bisher hatte zugeben wollen.

»Er wird sich schon wieder beruhigen«, sagte er schließlich. »Irgendwie kann ich ihn sogar verstehen. Er hat wirklich eine Menge investiert - und wahrscheinlich hat er geglaubt, hinter der Story seines Lebens her zu sein.« Er zuckte die Schultern. »Berufsrisiko.«

»Um so weniger begreife ich, daß er so schnell aufgibt«, sagte Angelika.

»Tut er nicht«, behauptete Warstein. »Ich gehe jede Wette ein, daß er nicht nach Hause fährt, sondern versucht auf eigene Faust weiterzumachen, sobald wir weg sind. Aber das ist Frankes Problem. Ich bin sicher, er wird damit fertig.«

Angelika drehte sich im Sitz herum und sah ihn einen Moment lang auf eine sehr sonderbare Art an. »Und du?« fragte sie.

»Ich? Was meinst du?«

»Wirst du damit fertig?«

»Womit? Mit Franke?«

»Damit, aufzugeben.« Warstein sah ihr an, wie schwer es ihr fiel weiterzusprechen. Sie kramte umständlich eine Zigarette hervor und setzte sie in Brand, ehe sie weitersprach. Er spürte, daß es wichtig für sie war, mit ihm darüber zu reden.

»Du bist hergekommen, um etwas in Ordnung zu bringen. Ich weiß, du wolltest mir helfen, aber du bist auch deinetwegen hier. Das ist in Ordnung. Aber ich frage mich, ob es in Ordnung ist, daß du jetzt meinetwegen alles aufgibst.«

»Aufgeben? Was?« Warstein lachte bitter. »Es war von Anfang an eine idiotische Idee. Nicht von dir - von mir, meine ich. Man sollte wissen, wenn man verloren hat. Ich habe schon vor drei Jahren verloren. Du brauchst keine Schuldgefühle zu haben, wenn es das ist, wovor du dich fürchtest. Auf diese Weise wird wenigstens einem von uns geholfen.«

Angelika antwortete nicht darauf, und Warstein fragte sich selbst, ob das wirklich die Wahrheit war oder vielleicht nur eine Entschuldigung für seine eigene Feigheit. Er konnte weitermachen. Es war ganz leicht. Er mußte nur dieses verdammte Telefon nehmen, in hohem Bogen aus dem Fenster werfen, und die Entscheidung war gefallen.

»Ich hoffe, du hast recht«, sagte Angelika, »und es ist nicht nur ein Trick, und wir finden uns in einer gemütlichen Gefängniszelle wieder.«

»Kaum«, widersprach Warstein, diesmal tatsächlich aus Überzeugung. Er raffte sich zu einem Lächeln auf. »Außerdem bist du nicht die einzige, die etwas von dieser Reise hat. Lohmann bekommt seine Story so oder so, selbst wenn Franke ihn hochnimmt. Und ich werde endlich erfahren, was im Gridone wirklich vorgeht. Weißt du, nicht einmal Franke kann jetzt noch behaupten, daß das alles nur Zufälle sind, die nichts zu bedeuten haben. Außerdem glaube ich, daß er mich braucht.«

»Franke? Dich?«

Warstein nickte. »Da war etwas in seiner Stimme«, sagte er überzeugt. »Ich kenne ihn gut genug, weißt du? Er war ... nervös. Ich will nicht unbedingt sagen, daß er in Panik war, aber viel fehlte nicht mehr. Er will irgend etwas von mir, und er wird es nur bekommen, wenn er mir ein paar Fragen beantwortet.«

»Und das ist alles, was du willst?« fragte Angelika. Sie wirkte enttäuscht. »Was Saruter damals zu dir gesagt hat, zählt nicht mehr?«

»Ich sagte bereits - vielleicht war es nicht mehr als das sinnlose Gerede eines halbverrückten alten Mannes.«

»Ja, das sagtest du«, bestätigte Angelika, »aber du glaubst es selbst nicht. Bisher ist alles eingetroffen, was er vorausgesagt hat. Irgend etwas geschieht an diesem Berg. Die Welt ist in Unordnung geraten. Doch wir sind hier, und wir sind drei.«

»O ja«, erwiderte Warstein spöttisch. »Bonnie und Clyde mit Groucho Marx als Verstärkung.« Er schüttelte den Kopf und versuchte, den Hohn aus seinem Lächeln zu verbannen, als er sah, wie sehr er sie damit verletzte. »Sei vernünftig. Wir drei sind bestimmt nicht in der Lage, die Welt zu retten. Ich bin nicht Superman, du bist nicht Jane, und auch Lohmann fehlt noch eine ganze Menge zu einem He-Man - auch wenn er gerne so tut, als wäre er es.«