Angelika blieb ernst. »Es gibt keine Möglichkeit dich umzustimmen?«
»Doch«, antwortete Warstein. »Ihr könntet mich gemeinsam aus dem Wagen werfen und allein weiterfahren.«
»Witzig«, sagte Angelika mit einem säuerlichen Grinsen. Sie deutete auf Lohmann. »Was ist, wenn er recht hat und Franke nicht anruft?«
»Das wird er«, behauptete Warstein zum wiederholten Mal. Aber natürlich hatte er sich diese Frage auch schon gestellt - und er begann sich immer nervöser zu fragen, warum zum Teufel Franke tatsächlich noch nicht angerufen hatte. Die zwei Stunden waren mittlerweile zweimal um.
Unschlüssig griff er zum Telefon und löste es aus seiner Halterung. Wenn Franke das Gerät wenigstens nicht blockiert hätte, dann hätten sie ihn zurückrufen können, aber so?
Warstein stutzte. Das Gerät war nicht geschlossen. Die hintere Klappe stand millimeterweit offen.
»Was ist?« fragte Angelika. Offensichtlich sah man ihm seine Überraschung deutlich an.
Statt einer Antwort drehte Warstein den kleinen Handapparat herum und öffnete die Klappe. Was er sah, war genau das, was er im Grunde hätte erwarten können.
»Was hast du?« fragte Angelika noch einmal. »Stimmt etwas nicht?«
»Das kann man wohl sagen«, antwortete Warstein. »Die Codekarte ist weg.«
»Die was?« fragte Angelika.
»Du brauchst eine Art Scheckkarte, um diese Geräte zu betreiben«, sagte Warstein. »Sie ist weg.«
»Du ... du meinst, Lohmann hat -«
»Ja, Lohmann hat«, erwiderte Warstein betont. Er versuchte vergeblich, Zorn zu empfinden. Wenn er überhaupt wütend war, dann auf sich, daß er nicht von selbst darauf gekommen war. »Deshalb hat er nicht mehr versucht, uns umzustimmen. Er wußte ganz genau, daß Franke nicht mehr anrufen würde.«
»Vielleicht hat er sie ja noch«, sagte Angelika. »Oder wir können irgendwo eine neue besorgen.«
»Das würde nichts nutzen.« Warstein hängte das Gerät seufzend wieder zurück. »Du brauchst zusätzlich eine Codenummer, um den Apparat wieder einzuschalten. Eine Diebstahlsicherung, damit nur der rechtmäßige Besitzer etwas damit anfangen kann.«
»Im Klartext: Franke kann uns gar nicht anrufen«, sagte Angelika.
»Wahrscheinlich versucht er es seit zwei Stunden ununterbrochen«, sagte Warstein. Und ebenso wahrscheinlich, fügte er in Gedanken hinzu, ist er längst zu dem Schluß gekommen, daß wir nicht mit ihm reden wollen und es lieber auf die harte Tour zu Ende bringen.
»Dieser Idiot«, sagte Angelika.
»Wenn überhaupt, dann bin ich der Idiot«, seufzte Warstein. »Ich hätte mir denken können, daß Lohmann nicht so einfach klein beigibt. Ich an seiner Stelle hätte vermutlich nichts anderes getan.« Plötzlich hatte er Lust, irgend etwas zu zerschlagen. Sein Zorn, der nun doch da war, brauchte ein Ventil.
Angelika sah die ganze Sache eher von der praktischen Seite, denn sie fragte: »Und was nun?«
»Was bleibt uns schon übrig?« fragte Warstein zornig. »Wir fahren weiter, wie wir es geplant hatten. Früher oder später wird er uns schon finden. Oder wir ihn.«
Angelika antwortete nicht, und Warstein ertappte sich bei dem Gedanken, ob sie tatsächlich so zornig über Lohmanns Verrat war, wie sie tat, oder ihre Entrüstung nur vortäuschte. Aber eigentlich spielte das keine Rolle; abgesehen davon vielleicht, daß dieser Gedanke verdächtig an Paranoia grenzte.
Lohmann hatte fertig getankt und verschwand im Kassenhäuschen, um zu zahlen. Warstein starrte ihm wütend nach. Er gab weiter sich selbst den Großteil der Schuld, denn er war ein gutgläubiger Narr gewesen, Lohmann auch nur eine Sekunde aus dem Auge zu lassen.
»Vielleicht ist es gut so«, sagte Angelika. »Wahrscheinlich hätte uns Franke doch nur eine Falle gestellt.« Sie klang nervös - vermutlich war sie insgeheim erleichtert über das, was Lohmann getan hatte, aber wahrscheinlich hatte sie auch ein schlechtes Gewissen, ihm gegenüber. Warum mußte immer alles so kompliziert sein?
Er wartete schweigend, bis Lohmann zurückkam. Seine Blicke mußten wohl Bände sprechen, denn der Journalist stockte noch im Einsteigen mitten in der Bewegung und sah erst ihn, dann Angelika und schließlich wieder ihn stirnrunzelnd an.
»Was ist denn mit euch los?« fragte er. »Ihr seht aus, als...«
»...als wären wir dämlich?« fiel ihm Warstein ins Wort. »Das muß wohl so sein.«
»Ich verstehe kein Wort«, sagte Lohmann. Er zog die Tür hinter sich zu, steckte den Schlüssel wieder ins Schloß und drehte sich abermals zu Warstein um. »Und wie kommen Sie zu dieser sensationellen Erkenntnis?«
»Wenn ich es nicht wäre, hätte ich Ihnen keinen Sekundenbruchteil lang vertraut«, sagte Warstein. »Meinen Glückwunsch. Sie haben mich wirklich reingelegt. Für eine Weile habe ich tatsächlich geglaubt, Sie würden mit offenen Karten spielen.«
Lohmann versuchte erst gar nicht, irgend etwas zu leugnen. Er zuckte nur mit den Schultern, wandte sich um und startete den Motor.
Warstein beugte sich vor und drehte den Zündschlüssel wieder herum. »Was soll das?« fragte Lohmann verärgert.
»Damit kommen Sie nicht durch«, antwortete Warstein. Hatte er gerade tatsächlich geglaubt, nicht zornig auf Lohmann zu sein? Das war wohl ein Irrtum gewesen. Er war so wütend, daß er sich plötzlich mit aller Macht zusammenreißen mußte, um nicht mit Fäusten auf ihn loszugehen.
»Womit?« fragte Lohmann ruhig. »Damit, daß ich versuche, Sie zur Vernunft zu zwingen?«
»Vernunft? Sie -«
»Sie glauben doch nicht wirklich, daß Frankes Angebot ernst gemeint war«, unterbrach ihn Lohmann. »Wenn ja, dann sind Sie noch naiver, als ich dachte. Der Kerl stellt Ihnen eine geradezu lächerlich durchsichtige Falle, und Sie beschweren sich auch noch, daß ich Sie daran hindere hineinzutappen?«
»Es reicht, Lohmann«, sagte Warstein. Seine Stimme zitterte. Es fiel ihm immer schwerer, sich zu beherrschen. »Ich habe endgültig die Nase von Ihnen voll. Ich bin nicht hier, um James Bond zu spielen.«
»Bei Ihnen würde es auch höchstens zu einem Inspektor Clouseau reichen«, erwiderte Lohmann trocken. »Was wollen Sie? Ich habe Ihnen vermutlich den Hals gerettet!«
»Hören Sie auf!« brüllte Warstein. »Noch ein Wort, und...«
»Und?« Lohmann lachte geringschätzig. »Was dann? Wollen Sie mich verprügeln? Nur zu. Tun Sie sich keinen Zwang an, wenn es Sie erleichtert.« Hinter ihnen erscholl ein langgezogenes Hupen. Lohmann warf einen raschen Blick in den Rückspiegel und startete dann den Motor neu. »Ich mache besser die Tanksäule frei«, sagte er, »bevor wir noch mehr Aufsehen erregen. Keine Sorge - wir fahren nur ein paar Meter. Danach bin ich gerne bereit, Ihnen Satisfaktion zu gewähren. Haben Sie Ihre Sekundanten schon gewählt?« Noch ein Wort, dachte Warstein, noch ein einziges Wort in dieser Art, und er würde Lohmann das blöde Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Und wenn es das letzte war, was er tat. Aber er hinderte ihn trotzdem nicht daran, den Wagen wegzusetzen.
Lohmann steuerte den Wagen in eine abseits gelegene Parkbucht, drehte den Schlüssel wieder herum und wandte sich dann fast gemächlich Warstein zu. Er lächelte noch immer, aber in dem Spott in seinen Augen war auch unübersehbare Vorsicht; und vielleicht sogar so etwas wie Angst. Vielleicht spürte er, daß er zu weit gegangen war.
»Seien Sie vernünftig, Warstein«, sagte er. »Okay, ich gebe zu, ich hätte das vielleicht nicht tun sollen. Aber ich habe es nun mal getan, und ich glaube nach wie vor, daß ich recht habe.«
»Ach, glauben Sie das?«
»Verdammt noch mal, ich weiß es«, antwortete Lohmann erregt. »Überlegen Sie doch selbst! Selbst wenn Sie recht haben und Frankes Vorschlag wirklich ernst gemeint war, beweist das doch nur, daß hier etwas nicht stimmt!«
»So?«
»Ja, so!« Auch Lohmann klang jetzt erregt. »Denken Sie nach! Dieser Mann hat nichts unversucht gelassen, Sie fertigzumachen. Er hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Sie und Ihre Freundin von Ascona und dem Gridone fernzuhalten. Und plötzlich bietet er Ihnen aus heiterem Himmel an, alles zu bekommen, was Sie wollen. Was glauben Sie wohl, warum er das tut?« Er legte die flache Hand unter das Kinn. »Vermutlich, weil ihm das Wasser bis hier steht. Irgend etwas ist hier faul!«