»Das einzige, was hier nicht stimmt, sind Sie!« antwortete Warstein zornig. Eine leise, innere Stimme begann ihm zuzuflüstern, daß Lohmann vielleicht recht hatte, aber er weigerte sich, auf sie zu hören. Er war wütend, und er wollte wütend sein. »Ich hätte mich nie mit Ihnen einlassen sollen. Und ich werde es auch nicht weiter tun.«
»So? Und was haben Sie vor? Wollen Sie aussteigen und per Anhalter weiter nach Ascona fahren? Nur zu. Ich hindere Sie nicht.« Er griff in die Jackentasche. »Ich gebe Ihnen sogar Fahrgeld, wenn Sie wollen. Und ein paar Münzen fürs Telefon, um Ihren Busenfreund Franke anzurufen. Falls Sie wissen, wie Sie ihn erreichen, heißt das.«
»Hört auf!« sagte Angelika laut.
Warstein fuhr zornig herum - aber ihre Worte hatten nicht nur den Zweck, ihren Streit zu schlichten. Sie hatte sich vorgebeugt und streckte die Hand nach dem Radio aus. Sie hatten den Apparat die ganze Zeit über laufen lassen, um die regelmäßigen Verkehrsnachrichten zu hören, aber die Lautstärke fast ganz heruntergedreht. Jetzt stellte Angelika es mit einem Ruck wieder lauter. »...noch keine genauen Angaben über die Anzahl der Opfer vor«, verstand Warstein. »Wir schalten jetzt direkt zu unserem Korrespondenten nach Mailand, von dem wir uns einen ersten Bericht über das Ausmaß der Katastrophe erhoffen.«
»Was ist denn das?« fragte Lohmann.
»Still!« Angelika machte eine hastige Handbewegung und stellte den Apparat noch lauter.
»Hier ist Werner Roskamp live aus Mailand«, hörten sie. Die Verbindung war schlecht. Die Stimme des Journalisten war von zahlreichen Störgeräuschen überlagert, aber Warstein glaubte trotzdem, im Hintergrund aufgeregte Stimmen und ein allgemeines Durcheinander wahrzunehmen. »Auch hier weiß man momentan noch nichts Genaues«, fuhr der Radioreporter fort. »In einer ersten Stellungnahme der zuständigen Behörden hieß es vor zehn Minuten, daß die Rettungsarbeiten gerade angelaufen sind. Im Augenblick kann man wie gesagt noch nichts sagen, aber ich persönlich fürchte, daß wir es hier mit einer der größten Katastrophen der zivilen Luftfahrt zu tun haben, die sich in den letzten zehn Jahren ereignet hat.«
»Was genau ist denn überhaupt geschehen?« fragte die erste Stimme wieder.
»Ja, auch das weiß man noch nicht hundertprozentig«, erwiderte der Journalist. »Nach allem, was ich gehört habe, befand sich die Boeing 747 der Alitalia auf dem Landeanflug nach Mailand, als der Pilot plötzlich Schwierigkeiten mit seinen Instrumenten meldete. Einen Augenblick später ist die Verbindung dann wohl abgebrochen, und kurz darauf verschwand die Maschine von den Radarschirmen. Es gibt - allerdings bisher unbestätigte - Meldungen, nach denen die Maschine in den Lago Maggiore gestürzt sein soll, aber wie gesagt: das sind bisher nur Gerüchte. Ich bleibe auf jeden Fall hier vor Ort und melde mich sofort wieder, sobald es Neuigkeiten gibt.«
»Dann wollen wir hoffen, daß sich diese Gerüchte nicht bestätigen«, sagte der Radiosprecher. »So weit, meine Damen und Herren, unser erster Bericht von der Flugzeugkatastrophe im Tessin. Wir unterrichten Sie laufend weiter über die Entwicklung und schalten nun zurück auf unser aktuelles Programm.«
Angelika und Warstein starrten sich betroffen an. »Der ... der Lago Maggiore?« murmelte Angelika. Ihre Stimme klang flach, beinahe ausdruckslos. »Das ist...«
»Ascona«, sagte Warstein. »Großer Gott.«
Lohmann startete den Motor. »Es geht los. Fahren wir. Streiten können wir uns auch unterwegs.«
»Es hat vor zwei Stunden angefangen!« schrie der Soldat. Obwohl er aus Leibeskräften brüllte, hatte Rogler Mühe, seine Worte zu verstehen. Im Grunde rekonstruierte er den Satz nur aus den wenigen Fetzen, die er durch das Heulen des Sturmes hindurch aufschnappte. Er hatte Mühe, sich seine Überraschung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Rogler hatte wenig Erfahrung im Erkennen militärischer Insignien und Rangabzeichen - aber er mußte sich schon sehr täuschen, wenn der grauhaarige Soldat, mit dem Franke umsprang wie mit einem begriffsstutzigen Sextaner, nicht ein ausgewachsener Vier-Sterne-General war.
»Genau vor zwei Stunden?« schrie Franke zurück.
Der General schüttelte den Ärmel seines makellos gebügelten Tarnanzuges hoch und sah eine Sekunde lang stirnrunzelnd auf die Uhr. »Ziemlich«, schrie er. »Ganz genau kann ich es nicht sagen. Die beiden Männer, die hier postiert waren, sind verschwunden. Aber zwischen ihrer letzten Meldung und der der Hubschrauberbesatzung lagen nur knapp drei Minuten. Irgendwann in dieser Zeit eben.«
Franke machte ein besorgtes Gesicht. Er setzte dazu an, eine weitere Frage zu stellen, blickte aber dann nur kurz in den kreisrunden, fast einen Kilometer durchmessenden Schacht hinunter und machte eine Kopfbewegung in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Bedeutung war klar. Das Heulen der aufgewirbelten Luftmassen machte jede Verständigung so gut wie unmöglich. Und es gab nichts, was sie unbedingt hier besprechen mußten. Rogler war insgeheim sogar ganz froh, aus der unmittelbaren Nähe dieses ... Dinges verschwinden zu können. Der Anblick des schwarzen, licht- und luftverschlingenden Abgrundes erfüllte ihn mit einer Art von Furcht, die er selbst noch nicht ganz hatte verarbeiten können.
»Schade, daß wir nicht genauer wissen, wann es angefangen hat«, sagte Franke, während sie geduckt auf den gut fünfhundert Meter entfernt wartenden Helikopter zugingen. »Nehmen Sie Verbindung mit dem NATO-Hauptquartier auf; und wenn das nichts bringt, mit den Amerikanern. Vielleicht kann irgendein Satellit genauere Daten liefern.«
Der General sprach etwas in ein kleines Diktiergerät, das er in der rechten Hand trug. Franke schritt schneller aus, so daß er und Rogler plötzlich Mühe hatten, mit ihm mitzuhalten. Sie hatten bereits die halbe Strecke zum Helikopter hinter sich gebracht, aber das Brüllen des Orkanes hatte nicht merklich nachgelassen. Im Gegenteiclass="underline" Rogler hatte das Gefühl, es wäre lauter geworden.
Er war sehr verwirrt - und überaus erschrocken. Das lag nicht allein an dem, was er gerade gesehen hatte. Da waren dieser General, dieser Hubschrauber und Soldaten, überall Soldaten. Plötzlich schien alles anders. Rogler fühlte sich in diesem Moment wie Franke am Morgen desselben Tages: Von einem Augenblick auf den anderen stimmte keine seiner Theorien mehr.
Sie bestiegen den Hubschrauber, und der Pilot startete die Turbine, noch ehe sich die Kabinentür ganz hinter ihnen geschlossen hatte. Die Maschine hob nach wenigen Augenblicken ab.
Franke wandte sich an den General. »Fragen Sie den Piloten, ob er genau über den Schacht fliegen kann«, sagte er. »Aber er soll kein Risiko eingehen.« Der General beugte sich vor und begann halblaut mit einem der beiden Hubschrauberpiloten zu reden. Der Mann sah wenig begeistert aus, das erkannte Rogler deutlich; aber nach einigen Sekunden nickte er trotzdem.
»Okay. Aber es kann ein bißchen holperig werden. Schnallen Sie sich besser an.« Der General ging mit gutem Beispiel voran und ließ den Verschluß des Sicherheitsgurtes einschnappen, und auch Rogler und Franke schnallten sich auf den Sitzen fest. Die Maschine stieg gute tausend Meter nahezu senkrecht in die Höhe, ehe der Pilot ihre Nase herumdrehte und den Helikopter mit äußerster Vorsicht auf den kreisförmigen Ausschnitt schwärzester Finsternis unter ihnen zusteuerte.
Rogler konnte einen Schauder der Furcht nicht mehr unterdrücken, als er aus dem Fenster sah. Seltsamerweise wirkte der Abgrund aus der Distanz betrachtet viel unheimlicher und bizarrer als aus der Nähe. Dort unten war er einfach nur ein Loch gewesen, das da gähnte, wo eigentlich massives Felsgestein sein sollte. Von hier oben aus... Es war nicht einfach nur ein Loch im Boden. Aus der Luft betrachtet, konnte man sehen, daß der Schacht tatsächlich kreisrund war und so senkrecht in die Erde hineinführte, als wäre er mit einem Präzisionswerkzeug gebohrt worden. Seine Wände waren vollkommen glatt - soweit Rogler dies beurteilen konnte -, sie waren nicht wirklich zu sehen. Sein Blick hätte von hier aus weit in die Tiefe reichen müssen, denn die Sonne stand nahezu senkrecht über dem Abgrund. Aber irgend etwas schien ihr Licht aufzusaugen. Der Schacht konnte fünfzig oder auch fünfzigtausend Meter tief sein. Und irgendwie spürte er, daß selbst diese Schätzung noch zu gering war.