Er spürte noch mehr, aber es gelang Rogler nicht, das, was er beim Anblick dieses Schachtes empfand, wirklich zu artikulieren. Er machte ihm angst, aber aus Gründen, die er nicht erfassen konnte. Da war die normale Angst jedes Menschen vor der Tiefe, die Angst vor dem Sturz und dem Tod und die ebenso normale Furcht vor dem Unbekannten und den Gefahren, die sich darin verbergen mochten. Aber unter diesen uralten Instinkten lauerte noch etwas. Er versuchte, dieses andere Gefühl zu ergründen, doch allein dieser Versuch wurde mit einem solchen Schrecken belohnt, daß er seine geistigen Fühler rasch wieder zurückzog.
»Unheimlich, nicht?« sagte Franke, als sich Rogler vom Fenster abwandte und ihre Blicke sich begegneten.
Rogler nickte. »Ja. Wie ein Loch in der Wirklichkeit.« Eine sonderbare Formulierung. Er wußte selbst nicht, warum er sie gewählt hatte. Aber Franke widersprach nicht, und er lachte auch nicht. »Warum ... warum ist es so wichtig, den genauen Zeitpunkt zu kennen?« fragte Rogler - eigentlich gar nicht, weil ihn diese Frage wirklich interessierte, sondern nur, um überhaupt etwas zu sagen. Er hatte plötzlich das Gefühl, das Schweigen nicht mehr ertragen zu können.
»Das Flugzeug«, antwortete Franke. »Es ist vor ziemlich genau zwei Stunden abgestürzt.«
»Sie meinen, der Absturz hat etwas mit ... damit zu tun?«
»Ich habe keine Ahnung«, gestand Franke. Er sah sehr unglücklich aus. Und sehr verängstigt. Tatsächlich schien er mehr Angst zu haben als Rogler, obwohl er doch ungleich besser wissen mußte, mit was für einer Art von Phänomen sie es zu tun hatten. Aber vielleicht war das ja auch der Grund für seine Furcht. »Und ehe sie fragen«, fuhr er fort, wobei er den Blick weiter gebannt in die Tiefe gerichtet hielt, »ich habe nicht die geringste Ahnung, was das ist. Geschweige denn, wo es herkommt.«
»Irgendwo wird eine riesige Höhle zusammengestürzt sein«, sagte Rogler. »Ein unterirdisches Erdbeben in ein paar Kilometern Tiefe - falls es so etwas gibt, meine ich.«
Franke sah ihn flüchtig an, und auf eine Weise, die deutlicher als jedes gesprochene Wort sagte, was er von seiner Vermutung hielt. Aber zu Roglers Überraschung nickte er plötzlich doch. »Das wäre eine Erklärung«, sagte er. »Vielleicht sogar für den Sturm. Wenn der Hohlraum groß genug ist, und der Luftdruck dort unten viel niedriger als hier...«
Doch auch in Roglers Ohren klang das alles andere als überzeugend. Schon eher schien es etwas zu sein, womit sich Franke selbst zu beruhigen versuchte - was ihm sichtlich nicht gelang.
»Können wir etwas tiefer gehen?« wandte er sich an den General. Der Soldat sah ihn einen Moment lang fast bestürzt an, aber dann gab er seine Bitte an den Piloten weiter. Die Maschine begann an Höhe zu verlieren, beschleunigte aber auch gleichzeitig und kreiste nun in enger werdenden Spiralen über dem Loch, statt still in der Luft zu hängen. Allmählich, unendlich behutsam, wie es Rogler schien, sanken sie tiefer.
Es nutzte nichts. Unter ihnen gähnte immer noch ein bodenloser Abgrund, der gar nicht wirklich tiefer in die Erde hineinzuführen schien, sondern vielmehr... Er wußte es nicht. Oder vielleicht doch - aber der Gedanke war einfach zu bizarr, als daß er sich auch nur gestattete, ihn zu artikulieren.
»Verrückt«, murmelte er.
Franke sah ihn scharf an. »Was?«
»Nichts.« Rogler versuchte zu lachen, aber es mißlang kläglich. »Vergessen Sie es.«
»Verrückter als das da kann kaum noch etwas sein«, erwiderte Franke mit einer Geste nach unten. »Nur keine Hemmungen.«
Die Worte stellten keine Bitte dar, sondern einen Befehl. Trotzdem zögerte Rogler noch einige Sekunden, der Aufforderung zu folgen. »Ich ... ich dachte gerade, daß es aussieht, als ob es...« Er lachte nervös und wich Frankes Blick aus. »...als ob es nirgendwo hinführt.«
»Vielleicht tut es das auch«, murmelte Franke.
Die Stimme des Piloten, die aus einem Lautsprecher über ihren Köpfen drang, hinderte Rogler daran zu antworten. »Tiefer kann ich nicht gehen«, sagte er. »Es ist hier schon ziemlich riskant. Die Turbulenzen werden immer stärker. Es wäre besser, wenn wir nicht zu lange blieben.«
»Nur einen Moment noch«, bat Franke. Er sah den General an, der wiederum eine entsprechende Geste zu dem Mann hinter dem Steuerknüppel machte, und blickte dann wieder konzentriert aus dem Fenster. Rogler fragte sich, was er dort unten sah, das ihm und den anderen offensichtlich verborgen blieb. Aber eigentlich wollte er es gar nicht wissen.
Lohmann schüttelte sich wie ein nasser Hund, als er in den Wagen zurückkam; zusammen mit einem Schwall eisiger Kälte und klammer Feuchtigkeit, die das ihre dazu taten, die Atmosphäre im Wagen noch ungemütlicher zu gestalten - falls dies überhaupt noch möglich war, hieß das.
»Nun?« fragte Angelika.
Lohmann zog die Tür hinter sich zu und wischte sich eine nasse Strähne aus der Stirn, ehe er antwortete. »Sieht nicht gut aus. Ich fürchte, auf diesem Weg kommen wir nicht weiter. Sie haben den Simplon gesperrt.«
Angelikas Blick machte deutlich, daß ihr das nichts sagte.
»Der Tunnel«, erklärte Warstein. »Die einzige andere Verbindung nach Ascona auf dieser Seite der Berge. Es sei denn, wir machen einen gewaltigen Umweg und fahren über Bellinzona und Locarno. Aber das dauert bis morgen mittag. Mindestens.«
»Stimmt«, sagte Lohmann. »Oder zurück und über die italienische Strecke. Aber die ist genauso lang. Wenn nicht länger. Außerdem wäre spätestens am See Schluß. Die Straße am Lago Maggiore ist normalerweise schon hoffnungslos verstopft. Im Moment ist da garantiert kein Durchkommen.« Er zog eine Grimasse. »Hat irgend jemand eine Idee, wie es jetzt weitergehen soll? Ich bin für jeden Vorschlag dankbar.«
»Das Problem hätten wir nicht, wenn Sie nicht -«, begann Warstein.
»Bitte nicht schon wieder«, unterbrach ihn Angelika. »Das bringt uns im Moment wirklich nicht weiter.«
Damit hatte sie natürlich recht, und Warstein spürte sogar, daß sie ihm nicht ins Wort gefallen war, um Lohmann beizustehen, sondern einzig, um eine Fortsetzung des Streites zu vermeiden, der den ganzen Tag über zwischen ihnen geschwelt hatte. Trotzdem fühlte er sich auf eine absurde Weise von ihr verraten. Beleidigt drehte er sich herum und blickte aus dem Fenster. Lohmann zündete sich eine Zigarette an und hielt Angelika die offene Packung hin. Zu Warsteins Überraschung lehnte sie jedoch mit einem Kopfschütteln ab. »Danke«, sagte sie. »Ich glaube, ich lege eine kleine Pause ein. Ich hatte heute schon zu viel.«
Dem konnte Warstein nur zustimmen. Die Luft im Wagen war zum Schneiden dick, und seit zwei oder drei Stunden hatte er leichte, aber sehr penetrante Kopfschmerzen. Nicht, daß er Angelikas Nervosität nicht verstehen konnte. Sie alle waren nervös, und sie hatten Grund dazu.
Lohmann schnippte seine Asche auf den Boden und begann im Handschuhfach zu kramen, bis er eine Karte fand. »Wir haben drei Möglichkeiten«, sagte er nach einigen Sekunden. »Wir können weiterfahren und es tatsächlich über Locarno versuchen, oder wir kehren um und fahren von der italienischen Seite heran. Aber das dauert.«
»Wir kommen nie um den See herum«, antwortete Warstein. »Das haben Sie gerade selbst gesagt.«