Lohmann grinste, blies eine Qualmwolke in seine Richtung und antwortete: »Wer spricht von herumfahren? Ein See besteht gewöhnlich aus Wasser. Und auf Wasser fahren Schiffe. Wir könnten eines mieten und versuchen, den Lago Maggiore direkt zu überqueren. Allerdings weiß ich nicht, ob das im Moment überhaupt möglich ist.« Er deutete auf das Radio, das den ganzen Tag Meldungen über den Flugzeugabsturz und die Bergungsarbeiten gebracht hatte. Der Sender hatte sich über Details beharrlich ausgeschwiegen, aber es gehörte nicht besonders viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie es jetzt am Lago Maggiore aussah. Vermutlich wimmelte es dort von Menschen.
»Und die dritte Möglichkeit?« fragte Angelika.
»Wir können aufgeben«, sagte Warstein.
Lohmann zog eine Grimasse. »Dann haben wir sogar noch vier Möglichkeiten«, sagte er. Er begann die Karte auf den Knien auseinanderzufalten und deutete mit dem glühenden Ende seiner Zigarette auf einen bestimmten Punkt. »Wir sind hier«, sagte er. »Selbst wenn wir über den See kämen - wovon ich im Moment gar nicht überzeugt bin -, kostet es uns Zeit, die wir nicht haben. Und für die Strecke über Locarno gilt dasselbe. Ich sehe nur noch einen einzigen Weg.«
»Und welchen?« fragte Warstein.
Lohmann sah ihn auf sonderbare Weise an. »Ich bin enttäuscht«, sagte er. »Kommen Sie wirklich nicht darauf?«
»Nein«, erwiderte Warstein verärgert. »Wovon zum Teufel sprechen Sie? Es gibt nur diese beiden Strecken nach Ascona.«
Lohmann seufzte. »Nein«, antwortete er. »Es gibt noch eine dritte, und Sie sollten das eigentlich wissen. Immerhin haben Sie sie selbst gebaut.«
Warstein riß ungläubig die Augen auf. »Das meinen Sie nicht ernst!«
»Todernst«, antwortete Lohmann. »Worüber regen Sie sich auf? Sie wollten doch dorthin, oder?«
»Wovon sprecht ihr eigentlich?« mischte sich Angelika ein.
»Er meint den Tunnel«, sagte Warstein. »Aber das ist doch verrückt.«
»Und wieso?« Lohmann gestikulierte aufgeregt auf der Karte herum. »Wenn die Straßen nicht vollkommen verstopft sind, können wir ihn in zwei oder drei Stunden erreichen.«
»Den Gridone-Tunnel?« vergewisserte sich Angelika. Auch sie wirkte überrascht. »Aber er ist gesperrt.«
»Tunnel haben zwei Ausgänge«, sagte Lohmann. »Jedenfalls die meisten, von denen ich bisher gehört habe.«
»Moment mal«, sagte Angelika. »Sie meinen, wir sollen...«
»Ich meine«, unterbrach sie Lohmann betont, »daß wir sowieso nicht die mindeste Chance haben, von Ascona aus in den Tunnel zu gelangen. Sie können sicher sein, daß der Zugang dort verdammt gut bewacht wird. Auf der anderen Seite...« Er zuckte mit den Schultern. »Einen Versuch ist es wert.«
»Er ist mehr als zehn Kilometer lang«, sagte Warstein.
Lohmann grinste. »Und? Ein Grund mehr, es zu versuchen. Sie werden kaum damit rechnen, daß jemand so verrückt ist, zu Fuß durch den Berg zu kommen.«
Angelika schüttelte sich. »Zu Fuß? Sie wollen tatsächlich durch den gesamten Tunnel laufen?«
»Wer spricht von wollen?« Lohmann knüllte die Karte unordentlich zusammen und stopfte sie ins Handschuhfach zurück. »Jetzt mal im Ernst - ich glaube auch nicht, daß wir so einfach hineinkommen. Aber unsere Chancen stehen auf dieser Seite garantiert besser als auf der anderen. Vielleicht bewachen Sie den Eingang, aber wenn überhaupt, dann ganz bestimmt nicht so gut wie drüben am Monte Verita. Und so lang sind zehn Kilometer nun auch nicht. Zwei Stunden, vielleicht weniger.«
»Wahnsinn«, murmelte Warstein. »Sie sind komplett verrückt.«
»Stimmt«, antwortete Lohmann gelassen. »Sonst wäre ich nicht hier, wissen Sie?« Er wurde übergangslos wieder ernst. »Also? Was sagt ihr?«
Warstein antwortete nicht gleich, sondern sah wieder nach draußen. Vor und hinter ihnen reihten sich Autos, so weit der Blick reichte. Sie waren noch gute fünf Kilometer vom Paß entfernt, aber der Verkehr war bereits hier zum Erliegen gekommen. Selbst wenn der Paß in absehbarer Zeit wieder geöffnet wurde - und irgend etwas sagte Warstein, daß das nicht der Fall sein würde -, würde es vermutlich die halbe Nacht dauern, bis sich der Stau soweit wieder aufgelöst hatte, daß sie weiterfahren konnten. Lohmann hatte auch recht, was die beiden anderen Strecken anging - sie waren zu weit und wahrscheinlich im Moment ebenso unpassierbar wie der Paß über den Simplon. Und dazu kam noch etwas, was auch Lohmann wissen mußte, aber wohlweislich nicht ausgesprochen hatte: Auf jeder dieser drei Strecken würde garantiert jemand stehen, der auf sie wartete. So dumm konnte Franke gar nicht sein, sich nicht an den Fingern einer Hand abzuzählen, daß sie auf dem Weg nach Ascona waren. Und welchen Weg sie nehmen würden.
Aber der Tunnel? Warstein schauderte bei der bloßen Vorstellung, durch eine zehn Kilometer lange, stockfinstere Röhre laufen zu sollen.
»Ein Vorschlag zur Güte«, sagte Lohmann. »Sie zeigen mir, wie man in den Berg hineinkommt, und danach... Wenn Sie wollen, trennen wir uns, und jeder tut, wozu er hergekommen ist. Ich werde nicht noch einmal versuchen, Sie aufzuhalten, das verspreche ich. Ich gebe Ihnen sogar den Wagen. Sie können weiterfahren und versuchen, über Locarno in die Stadt zu kommen. Es ist kein großer Umweg.«
Es war nicht so sehr der Vorschlag an sich, der Warstein überraschte, sondern vielmehr der Ton, in dem Lohmann ihn vorbrachte. Er klang ehrlich. Zum ersten Mal hatte Warstein das Gefühl, daß der Journalist das sagte, was er auch tatsächlich meinte.
»Also gut«, sagte er schweren Herzens. »Fahren wir.«
Lohmann war sichtlich überrascht, daß er so schnell nachgab - aber er ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und startete den Motor, ehe Warstein es sich noch anders überlegen konnte.
»Irgend etwas Neues vom See?« fragte er, während er den sperrigen Wagen behutsam aus der Schlange herausrangierte. Es war keine leichte Aufgabe. Sie hatten eine halbe Stunde Stop-and-go-Verkehr hinter sich, und die Abstände zu ihrem Vorder- und Hintermann waren bei jedem Mal ein wenig kleiner geworden.
»Sie suchen immer noch nach Überlebenden«, antwortete Angelika. »Aber ich glaube, sie haben die Hoffnung längst aufgegeben. Das Wasser muß eisig sein.«
Lohmann trat mit einem Ruck auf die Bremse, um nicht die Stoßstange des vorausfahrenden Fahrzeugs zu berühren, und legte den Rückwärtsgang ein. Das Getriebe knirschte hörbar. »Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie wir uns wohl fühlen, wenn wir ankommen und am Ende feststellen, daß alles nichts weiter als Zufall war«, sagte er. »Vielleicht finden wir in diesem Tunnel nur eine unsauber abgestützte Decke, die eingebrochen ist.«
»Ganz bestimmt nicht«, erwiderte Warstein. »Der Tunnel war stabil. Er hätte selbst einen Atombombentreffer ausgehalten.«
Lohmann rangierte den Wagen vorsichtig ein Stück zurück und dann wieder nach vorne. Er grinste. »Verzeihung«, sagte er spöttisch. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«
»Sind Sie nicht«, brummte Warstein - obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Trotz allem war dieser Tunnel auch ein bißchen sein Werk, und er fühlte sich irgendwie verpflichtet, ihn zu verteidigen.
»Ich wollte ja auch nur erwähnen, daß wir die Möglichkeit, daß alles doch noch eine ganz natürliche Erklärung finden könnte, nicht ganz außer acht lassen sollten«, sagte Lohmann. »Nicht, daß wir am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.«
Er hatte es irgendwie geschafft, den Wagen aus der Schlange herauszurangieren, und begann nun auf der schmalen Gegenfahrbahn zu wenden. Obwohl er heftig schnaubend am Lenkrad drehte und auf den Pedalen herumtrampelte wie ein Organist auf denen seines Instruments, stellte er sich dabei äußerst geschickt an. Warstein kam nicht umhin, Lohmanns fahrerisches Talent zu bewundern. Er selbst wäre bei diesem Manöver wahrscheinlich schon ein halbes dutzendmal mit einem der anderen Fahrzeuge kollidiert.
Lohmann stieß noch ein paarmal vor und zurück, dann hatte er das Wendemanöver beendet, und sie fuhren die steil ansteigende Straße zum Paß hinauf wieder zurück. Warstein erschrak fast, als er sah, wie lang die Schlange auch hinter ihnen bereits geworden war. Noch zwei oder drei Stunden - allerhöchstens -, so schätzte er, und der Verkehr in diesem Teil der Schweiz wäre vollkommen zusammengebrochen.