»Erstaunlich«, sagte Lohmann.
»Was?«
»Dieses Chaos hier. Sie haben im Radio kein einziges Wort gesagt. Dabei ist der Verkehrsfunk sonst immer sehr zuverlässig.«
»Vielleicht hat es sich noch nicht bis zum Sender rumgesprochen«, vermutete Angelika.
»Oder jemand will nicht, daß es bekannt wird«, fügte Warstein hinzu.
Lohmann zog eine Grimasse. »Jetzt übertreiben Sie aber wirklich«, sagte er. »Welches Interesse sollte Franke daran haben, in der halben Schweiz ein Verkehrschaos zu veranstalten?«
»Wer spricht von Franke?« gab Warstein zurück.
Lohmann sah ihn verwirrt an, aber er zog es vor, nicht weiter auf dieses Thema einzugehen. Überhaupt war er sehr versöhnlicher Stimmung, fand Warstein; in schon fast verdächtig versöhnlicher Stimmung.
Er vertrieb den Gedanken. Es blieb sich gleich, ob Lohmann nun tatsächlich ein schlechtes Gewissen hatte oder ihm nur etwas vorspielte. So, wie die Dinge lagen, blieb ihm gar keine andere Wahl, als zumindest im Moment gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er würde Lohmanns Vorschlag annehmen und sich von ihm trennen, sobald sie den Berg erreicht hatten. Aber auf andere Weise, als der Journalist ahnte.
Von außen hatte der Wagen ausgesehen wie ein ganz gewöhnlicher, allenfalls ein bißchen zu groß geratener Lastwagen. An seinem Innenleben hingegen war rein gar nichts gewöhnlich.
Rogler kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Franke mußte mit seinen Forschungen über Schwarze Löcher und Raumkrümmung sehr viel weiter vorangekommen sein, als er bei ihrem Gespräch am Morgen zugegeben hatte, denn es war ihm eindeutig gelungen, mehr ins Innere des Wagens hineinzustopfen, als nach den Regeln der euklidischen Geometrie hineinging - zumindest war das der erste Eindruck gewesen, der sich Rogler aufdrängte, nachdem sie das Fahrzeug betreten hatten. Der langgestreckte, von Dutzenden greller Neonröhren taghell erleuchtete Raum quoll schier über von Computern, Bildschirmen, Schaltpulten und allen anderen, Rogler größtenteils vollkommen unverständlichen Geräten. Mindestens ein Dutzend Techniker in weißen Kitteln saßen oder standen an verschiedenen Instrumententafeln und taten Rogler ebenso unverständliche Dinge oder redeten über noch unverständlichere Themen, und es schien ständig mindestens ein Telefon zu geben, das gerade klingelte; meistens waren es mehr. Der Raum hätte gut in die Dekoration eines Science-fiction-Filmes gepaßt, dachte er. Auf jeden Fall besser als in die Tessiner Alpen.
Ungeduldig und zum wiederholten Mal binnen kurzer Zeit sah er auf die Uhr. Franke hatte irgend etwas von zehn Minuten gefaselt, als sie den Wagen betreten hatten. Das war vor mittlerweile gut anderthalb Stunden gewesen - und so, wie er gerade dastand und aufgeregt mit drei Männern diskutierte, von denen zwei in weiße Kittel und der dritte in die Uniform eines UNO-Soldaten gekleidet waren, machte er nicht den Eindruck, daß er in absehbarer Zeit wieder zu gehen gedachte. Rogler hatte eher das Gefühl, daß er ihn schlicht und einfach vergessen hatte.
Außerdem machte er einen immer besorgteren Eindruck, dachte Rogler - was wiederum dazu führte, daß auch er sich immer weniger wohl in seiner Haut fühlte. Nach allem, was er heute gehört und vor allem gesehen hatte, hatte er wahrscheinlich guten Grund, über alles besorgt zu sein. Schwarze Löcher. Raumkrümmung. Zeitverschiebung. Was zum Teufel war nur aus seiner einfachen, in Gut und Böse aufgeteilten Welt geworden?
Rogler verbrachte weitere zehn Minuten damit, ebenso sinnlose wie zum Teil alberne Gedanken zu wälzen, dann löste er sich von seinem Beobachtungsplatz neben der Tür und ging zu Franke und seinen Gesprächspartnern. Franke selbst stand mit dem Rücken zu ihm und nahm ihn gar nicht wahr, aber einer der Techniker unterbrach sein Gespräch und machte eine entsprechende Geste, so daß Franke sich schließlich zu ihm herumdrehte. Im allerersten Moment wirkte er eindeutig verärgert über die Störung, aber nach einer Sekunde machte sich ein fast betroffener Ausdruck auf seinen Zügen breit.
»Rogler«, sagte er. »Sie sind ja auch noch da. Es tut mir leid, aber ich...«
»Schon gut.« Rogler unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Ich will Sie auch gar nicht weiter stören. Sicher haben Sie wichtigere Dinge zu besprechen, aber ich... Ich habe noch viel Arbeit in der Stadt. Vielleicht könnte mich einer Ihrer Männer zurückbringen?«
»Für Sie muß das hier tödlich langweilig sein«, vermutete Franke lächelnd. »Es tut mir leid. Aber ich bin hier sowieso gleich fertig. Geben Sie mir noch zehn Minuten?«
»Sicher«, antwortete Rogler. Welche Wahl hatte er schon? Hätte er nein sagen sollen? »Aber, wie gesagt: ich kann auch allein zurückfahren, wenn Sie hier nicht -«
»Ich fürchte, das können Sie nicht«, unterbrach ihn Franke. Seine Worte mußten auf Roglers Gesicht wohl eine ganz bestimmte Reaktion hervorgerufen haben, denn er beeilte sich plötzlich, hastig hinzuzufügen: »Ich kann Ihnen schlecht mit dem Helikopter folgen und mitten auf dem Marktplatz von Ascona landen, nicht wahr?«
Das war nichts als eine Ausrede, um seinen Worten etwas von dem zu nehmen, was unabsichtlich darin gewesen war, aber er gab Rogler keine Gelegenheit nachzuhaken, sondern wandte sich bereits wieder um und trat an eines der Instrumentenpulte an der rechten Seite des Wagens.
»Sind die Daten endlich da?«
Der Mann, dem die Frage galt, schüttelte nervös den Kopf. »Noch nicht. Die Auswertung ist schwieriger, als ich dachte. Es tut mir leid.« Er machte eine entschuldigende Geste, hatte aber sichtlich nicht die Kraft, Franke direkt anzublicken. »Die Windgeschwindigkeit wechselt ständig. Ich kann Ihnen allerhöchstens eine Schätzung anbieten. Aber eine sehr grobe Schätzung.«
»Raten kann ich selbst«, antwortete Franke scharf. »Wozu verdammt noch mal haben wir hier eigentlich die teuersten Computer der Welt, wenn Sie nicht einmal in der Lage sind, innerhalb einer geschlagenen Stunde eine einfache Gleichung auszurechnen?«
»Weil es eben keine einfache Gleichung ist«, erwiderte der Techniker - allerdings mehr in trotzigem als verärgertem Ton. »Geben Sie mir vernünftige Daten, mit denen ich arbeiten kann, und Sie bekommen auch vernünftige Ergebnisse.«
Franke sah eine Sekunde lang so aus, als würde er explodieren. Aber dann beherrschte er sich mühsam - und rang sich sogar so etwas wie ein Lächeln ab. »Sie haben recht«, sagte er gepreßt. »Entschuldigen Sie. Ich bin ... etwas nervös.«
Der Techniker war klug genug, nicht darauf zu antworten, sondern sich wieder auf seine Computertastatur zu konzentrieren, und Franke trat mit einem hörbaren Seufzen zurück. Auch die drei Männer, mit denen er bisher gesprochen hatte, hatten die Gelegenheit genutzt, sich aus dem Staub zu machen. Franke blickte sich einen Moment lang unschlüssig um, und Rogler begann schon zu hoffen, daß er sein Versprechen nun wahr machen und tatsächlich gehen würde, doch dann drehte er sich auf dem Absatz herum und trat an ein anderes Instrumentenpult heran. Der Mann, der daran arbeitete, bemerkte ihn aus den Augenwinkeln und fuhr fast unmerklich zusammen. Aber eben nur fast. »Haben Sie mittlerweile die Verbindung herstellen können?« fragte Franke.
»Nein. Der Apparat ist eindeutig abgeschaltet.« Der Techniker sah Franke nicht an, sondern blickte konzentriert weiter auf seinen Monitor. »Sie haben entweder die Codekarte herausgenommen oder das ganze Ding aus dem Fenster geworfen.«
Franke seufzte. »Schade. Und ich hatte gehofft, daß er doch noch Vernunft annimmt.« Er wandte sich an Rogler, und ein flüchtiges, wehleidiges Lächeln kräuselte seine Lippen. »Wozu haben wir eigentlich einen Profi in solchen Dingen bei uns?«