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Lohmanns Schätzung hatte sich als genau das erwiesen, was Warstein gleich vermutet hatte - als viel zu optimistisch. Sie waren nicht annähernd so schnell vorangekommen, wie er behauptet hatte. Der Verkehr war selbst auf den Seitenstraßen noch so dicht, daß Warstein mehr als einmal das Gefühl gehabt hatte, überhaupt nicht mehr von der Stelle zu kommen; und einmal hatten sie tatsächlich kehrtgemacht und waren gute zehn Kilometer zurückgefahren, um einen anderen Weg zu suchen. Die Stimmung im Wagen war immer gedrückter geworden, je weiter sie sich ihrem Ziel näherten. Und immer ruhiger. Keinem von ihnen war nach Reden zumute gewesen; sie alle waren mit ihren eigenen, ganz persönlichen Gedanken beschäftigt, in denen vielleicht auch die jeweils anderen eine Rolle spielten, aber wahrscheinlich keine besonders große. Und wahrscheinlich waren es auch keine besonders angenehmen Gedanken.
Für Warstein jedenfalls wurde diese letzte Etappe der Reise zur Qual. Das - im Grunde ohnehin nur aus Schadenfreude bestehende - Gefühl der Euphorie, das seinem Entschluß gefolgt war, den Spieß herumzudrehen und nun Lohmann hereinzulegen, hatte nicht lange vorgehalten. Der Gedanke war sowieso nicht sehr realistisch gewesen. Lohmann war vielleicht ein Idiot, aber kein Dummkopf, und in dem Spiel war er Warstein hoffnungslos überlegen. Und Warstein war auch gar nicht mehr sicher, ob er das wirklich wollte. Auch wenn er noch nicht so weit war, es sich einzugestehen: die Dinge hatten längst ein Eigenleben entwickelt, und es lag wahrscheinlich gar nicht mehr in seiner Hand, irgend etwas zu ändern. Er bestimmte nicht mehr, was geschah, sondern das Geschehen bestimmte, was er tat.
Sie folgten der Eisenbahnlinie nach Osten gute drei Stunden weit - was bei dem Tempo, das die verstopften Straßen zuließen, deutlich weniger als hundert Kilometer bedeutete -, dann wichen sie endgültig von der Hauptstrecke ab und drangen in die Berge vor. Die Straßen wurden noch schlechter, und obwohl sie dem Verkehr entronnen waren, kamen sie noch langsamer voran. Die Straße zum Nufenenpaß hinauf war schon damals, vor drei Jahren, erbärmlich gewesen. Seither hatte niemand einen Finger gerührt, um sie zu verbessern, und das schlechte Wetter der letzten Tage hatte das seinige dazugetan, sie vollends zu einer Katastrophe zu machen. Dazu kamen der strömende Regen und die geschlossene Wolkendecke, die für nahezu vollkommene Dunkelheit sorgten, und als gewissermaßen krönender Abschluß der Umstand, daß ihr Wagen vielleicht bequem, aber für eine Expedition ins Gebirge denkbar ungeeignet war. Warstein war mehr als einmal sicher, daß sie auf der schlammigen, steil aufwärts führenden Strecke einfach steckenbleiben würden, und je mehr sie sich dem Paß näherten, desto froher war er über die Dunkelheit, in der sich das Licht ihrer Scheinwerfer schon nach wenigen Metern verlor. Er war diese Strecke vor einigen Jahren einmal gefahren - bei gutem Wetter, hellem Tageslicht und in einem Wagen, der für eine Umgebung wie diese gedacht war - und hatte schon damals Blut und Wasser geschwitzt, denn die Straße schlängelte sich über weite Strecken an einer steil aufragenden Felswand entlang: senkrecht emporstrebender, spiegelglatter Granit auf der einen und ein fünfzig oder auch hundert Meter tiefer Abgrund auf der anderen Seite. Das schwarze Nichts, in das das Licht der Halogenscheinwerfer manchmal fiel, wenn sie einer Kehre folgten, war tatsächlich ein Nichts, dem bei der geringsten Unachtsamkeit ein tödlicher Sturz folgen mußte.
»Was machen wir eigentlich, wenn sie diese Straße auch gesperrt haben?« fragte Angelika plötzlich. Obwohl ihre Worte eigentlich nur ein weiterer Grund zur Sorge waren, erfüllten sie Warstein fast mit Erleichterung, denn sie lenkten ihn wenigstens für einen Moment ab.
»Das haben sie nicht«, behauptete Lohmann. »Kaum jemand kennt diesen Paß. Er ist ja nicht einmal auf jeder Karte eingezeichnet.«
»Ich kenne ihn«, sagte Warstein. »Und ungefähr dreihundert andere auch, die mit am Tunnel gearbeitet haben. Einer davon heißt Franke.«
»Und? Was glaubt ihr, was er gemacht hat? Das ganze Tessin abgesperrt?«
»Vielleicht«, antwortete Warstein ernsthaft.
Lohmann zog verärgert die Augenbrauen zusammen. »Ach verdammt, ihr beiden solltet in den Club der Pessimisten eintreten«, sagte er. »Ich bin sicher, sie nehmen euch als Ehrenmitglieder auf.«
»Das ist keine Antwort auf meine Frage«, sagte Angelika nervös.
»Und ich denke auch nicht daran, sie zu beantworten«, gab Lohmann scharf zurück. »Ich glaube nicht, daß er gesperrt ist, basta. Nicht eher, als ich es sehe. Wenn man immer gleich das Schlimmste unterstellt, braucht man erst gar nichts anzufangen.«
»Aber unter Umständen bewahrt es einen vor einer bösen Überraschung«, sagte Warstein.
Lohmann warf ihm einen schrägen Blick zu, aber er setzte die Diskussion nicht fort - schon, weil er seine ganze Konzentration brauchte, um den Wagen auf der Straße zu halten. Die Sommerreifen drehten auf dem schlammigen Untergrund immer wieder durch, und sie hatten schon ein paarmal den Halt verloren und waren ein Stück weit zurück oder zur Seite gerutscht, ehe die Räder wieder irgendwo Halt gefunden hatten.
»Wie weit ist es eigentlich noch?« fragte Lohmann nach einer Weile.
»Keine Ahnung«, gestand Warstein.
»Ich denke, Sie kennen diese Strecke?« fragte Lohmann.
»Ich war ein paarmal hier, ja«, erwiderte Warstein. »Tagsüber. Und nicht mitten in der Sintflut. Aber ich glaube nicht, daß es noch sehr weit ist.«
»So, glauben Sie«, brummte Lohmann. »Fein.«
Warstein überlegte eine Sekunde, ob er ihm verraten sollte, daß das schwierigste Stück der Strecke noch vor ihnen lag, auf der anderen Seite des Passes. Aber er entschied sich dagegen. Auch wenn es ihm eine fast kindische Freude bereitete, Lohmann zu ärgern. Aber er war ihr Fahrer, und ihr aller Leben lag in seinen Händen, im eigentlichen Sinne des Wortes: seine Hände, die das Steuer umklammert hielten, hatten zu zittern begonnen. Er hielt das Lenkrad so fest, daß Warstein eher den Eindruck hatte, er klammere sich daran fest, und man konnte deutlich sehen, wieviel Kraft es ihn trotz der Servolenkung kostete, den Wagen in der Spur zu halten.
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, fragte Angelika in diesem Moment: »Wie geht es auf der anderen Seite weiter?«
Warstein zögerte einen Moment, dann antwortete er: »Schwieriger, fürchte ich. Aber nicht mehr so gefährlich.«
Lohmann sagte nichts, aber Angelika fuhr sichtbar zusammen, und ihr ohnehin bleiches Gesicht verlor noch mehr Farbe. Gefährlich? Sie sprach die Frage nicht aus, aber sie stand deutlich in ihren Augen geschrieben, und Warstein begriff erst in diesem Moment, daß sie bisher noch gar nicht auf den Gedanken gekommen war, die Fahrt hinauf zum Paß könnte in irgendeiner Weise gefährlich sein.
»Es gibt oben auf dem Paß einen kleinen Parkplatz«, fuhr er rasch fort, nur, um überhaupt etwas zu sagen und Angelika so keine Gelegenheit zu geben, eine entsprechende Frage zu stellen. Sie war nervös genug. »Vielleicht sollten wir dort eine kleine Pause einlegen.«
»Eine gute Idee«, pflichtete ihm Lohmann bei. Er drehte für eine Sekunde den Kopf, um zu Angelika zurückzublicken. »Sie könnten uns einen Kaffee kochen. Ich glaube, den brauche ich jetzt.«
»Gern«, antwortete Angelika. »Einer von uns könnte Sie ablösen. Wenigstens für ein Stück.«
Lohmann schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig. Ich bin voll da. Nur ein kleines bißchen müde. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin schon schlimmere Strecken gefahren.«
Zum Beispiel mit einem Hundeschlitten durch die Sahara, dachte Warstein spöttisch. Aber er behielt auch diese Bemerkung vorsichtshalber für sich. Wenn alles weiter so gut - oder so schlecht - lief wie jetzt, hatten sie noch mindestens anderthalb Stunden Fahrt vor sich, bis sie den Berg erreichten. Und ein angespannter Lohmann war schon schwer genug zu ertragen. Er mußte keinen verärgerten Lohmann daraus machen.