Sie fuhren noch zehn Minuten, bis sie die Paßhöhe erreichten und der Parkplatz vor ihnen auftauchte, von dem Warstein gesprochen hatte. Er war verlassen, aber in dem aufgeweichten Boden waren Reifenspuren zu sehen. Es konnte noch nicht lange her sein, daß ein Wagen hiergewesen war. Der Gedanke gefiel Warstein nicht. Niemand, der nicht unbedingt mußte, würde sich bei diesem Wetter hierher verirren.
Lohmanns Überlegungen schienen in die gleiche Richtung zu gehen, denn er musterte die tief eingegrabenen Reifenspuren besorgt, während er den Wagen auf eine halbwegs feste Stelle rangierte, an der sie nicht Gefahr liefen, einzusinken und nicht weiterfahren zu können. Trotzdem gab er sich alle Mühe, so zu tun, als hätte er die Spuren nicht bemerkt, und Warstein akzeptierte dies. Manchmal war es vielleicht tatsächlich das Beste, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen.
Lohmann schaltete den Motor aus und ließ sich mit einem erschöpften Seufzen im Sitz zurücksinken, das seine Behauptung, nur ein bißchen müde zu sein, Lügen strafte. Während sich Angelika wortlos erhob, um Kaffee zu kochen, zog Warstein die Karte aus dem Handschuhfach und faltete sie auseinander. Es war keine sehr gute Karte. Der Paß und die Straße hier herauf waren zwar eingezeichnet, aber alles, was dahinter lag, bot sich ihm im trüben Licht der Innenbeleuchtung nur als grüngraues Durcheinander dar. Viel mehr war es auch nicht. Der Tunnel, der dem Verkehr um Locarno und Ascona die lang ersehnte Erleichterung gebracht hatte, hatte dem diesseitigen Teil des Berges den endgültigen Todesstoß versetzt. Es gab ein paar kleine Ortschaften - ein Dutzend Häuser und eine Kirche zumeist -, die nicht einmal auf einer Karte zu finden waren, und einige einsam gelegene Gehöfte, aber der auch damals schon spärliche Verkehr, der sich durch diesen Teil der Berge gequält hatte, mußte seit der Eröffnung der Gridone-Verbindung vollends zum Erliegen gekommen sein.
»Sie wissen noch, wo wir sind?« fragte Lohmann spöttisch.
Warstein sah nicht von der Karte auf, aber er nickte. »Ich wollte nur... Ich habe überlegt, wie lange wir noch brauchen.«
»Und?«
»Zwei Stunden, vielleicht mehr«, antwortete Warstein vorsichtig.
Lohmann zog eine Grimasse. »Hoffentlich hört der Regen bald auf«, murmelte er. Eine winzige Pause, dann fügte er - leiser, wohl damit Angelika die Worte nicht hörte - hinzu: »Ein paarmal war es ziemlich haarig. Sie hätten mich warnen können, daß die Strecke so gefährlich ist.«
»Ich wußte es nicht«, gestand Warstein. »Nicht mehr. Irgendwie hatte ich sie anders in Erinnerung.«
Zu seiner Überraschung akzeptierte Lohmann diese Erklärung. »Unangenehme Dinge vergißt man gerne«, sagte er. »Zwei Stunden, sagen Sie?«
»Mindestens«, bestätigte Warstein. »Aber der gefährliche Teil liegt hinter uns. Die Strecke nach unten ist ziemlich kurvenreich, und an einigen Stellen sehr eng, glaube ich. Aber das Schlimmste, was uns passieren kann, ist eine Rutschpartie in den Straßengraben. Keine Abgründe mehr.«
»Das wäre schlimm genug.« Lohmann grinste schief. »Aber irgendwie auch komisch, nicht? Ich meine, nachdem wir so weit gekommen sind. Vielleicht fünf Kilometer vor dem Ziel zu scheitern...« Er sah Warstein bei diesen Worten scharf an, wie um ihm zu sagen, daß er ganz genau wußte, was Warstein vorhatte.
»Vielleicht sollte einer von uns Sie wirklich am Steuer ablösen«, sagte Warstein. »Sie sehen erschöpft aus.«
»Das bin ich auch«, gestand Lohmann. »Zwei Stunden bei dieser Witterung sind schlimmer als zwanzig bei normaler.«
»Und Sie wollen trotzdem noch den Weg durch den Tunnel machen?«
Lohmann schwieg einen Moment. »Wir werden sehen«, sagte er dann. Er lächelte müde. »Ich plane selten irgend etwas im voraus, wissen Sie? Meistens entscheide ich spontan - und meistens richtig. Meine größten Reinfälle habe ich mit Dingen erlebt, die ich präzise im voraus geplant habe.«
»So wie mit dieser Reise?«
»Wie kommen Sie auf die Idee? Für mich hat es sich gelohnt - so oder so. Ich habe meine Story.«
»Und wenn sie uns erwischen, ehe wir herausfinden, was wirklich passiert ist?«
»Habe ich eine andere«, sagte Lohmann gleichmütig. »Wir sind hier nicht im Wilden Westen und auch nicht in Rußland oder China. Franke mag ein einflußreicher Mann sein, aber er kann uns nicht einfach verschwinden lassen.«
»Ich hoffe, Sie haben recht«, sagte Warstein.
»Sie überschätzen diesen Mann«, antwortete Lohmann ernst. »Und das ist auch der Grund, weswegen er Sie bisher immer geschlagen hat.«
Warstein hätte ihm sagen können, daß es nicht darum ging, wer hier wen schlug oder nicht. Schon lange nicht mehr. Aber er hatte keine Lust, diese endlose Diskussion schon wieder von neuem zu führen. Während der letzten Stunden hatte er seine Meinung über Lohmann ein wenig revidiert; aber längst nicht weit genug, um ihm zu vertrauen. Oder gar so etwas wie Sympathie für ihn zu empfinden.
»Der Kaffee ist fertig«, sagte Angelika.
Lohmann sah überrascht auf. »Das ging schnell.«
»Es ist nur Instant.« Angelika kam mit zwei dampfenden Tassen heranbalanciert und reichte sie an Warstein und Lohmann weiter. »Es tut mir leid. Aber unsere Vorräte neigen sich dem Ende zu. Unser Gastgeber war offenbar nicht auf längeren Besuch eingestellt.«
Sie ging zurück, um ihre eigene Tasse zu holen, und Warstein nippte vorsichtig an seinem Kaffee. Er schmeckte so scheußlich, wie Instantkaffee überall auf der Welt und immer schmeckte, aber er war heiß, und das Koffein entfaltete sofort seine belebende Wirkung.
Lohmann leerte seine Tasse mit wenigen, großen Schlucken, stellte sie neben sich auf den Boden und zündete sich eine Zigarette an, während er mit der anderen Hand bereits wieder den Motor startete.
»So schnell?« wunderte sich Angelika.
»Gibt es irgendeinen Grund, länger hier herumzustehen?« antwortete Lohmann mit einer Frage. Er schaltete Licht und Scheibenwischer ein. »Ich sagte doch - ich bin nicht sehr müde. Außerdem fällt es schwerer weiterzufahren, je länger man Pause gemacht hat.«
»Woher haben Sie diesen Blödsinn?« fragte Warstein.
»Erfahrung«, behauptete Lohmann. Er legte den Gang ein, fuhr los und warf einen Blick auf die Uhr. »Macht das Radio lauter«, sagte er. »Gleich kommen Nachrichten.«
Warstein beugte sich vor und schaltete den Apparat wieder ein. Aus dem Lautsprecher drang leise, klassische Musik. Warstein hatte Klassik nie ausstehen können, aber er ersparte sich die Mühe, einen anderen Sender zu suchen. Seit der Katastrophenmeldung vom Mittag brachten alle lokalen Sender ernste Musik.
Pünktlich auf die Sekunde kamen die Nachrichten, auf die sie warteten. Es gab nichts Neues vom Lago Maggiore - außer der Meldung, daß die Zahl der Toten, die sie mittlerweile aus dem See geborgen hatten, auf über dreihundert angestiegen sei. Und es bestand kaum noch eine realistische Chance, Überlebende zu finden. Die Maschine war wie eine Bombe in den See gestürzt; wer nicht beim Aufprall ums Leben gekommen oder kurz darauf ertrunken war, der mußte längst erfroren sein. Das Wasser war zu dieser Jahreszeit bereits eisig. Warstein wollte wieder abschalten - er hatte sein Soll an Katastrophenmeldungen für diesen Tag mehr als erfüllt -, aber plötzlich hörten sie etwas, das ihn veranlaßte, den Apparat lauter zu stellen.
»...soeben bekanntgibt«, sagte der Sprecher, »wurde der gesamte Luftraum über dem Tessin für den zivilen Luftverkehr gesperrt, bis die genauen Umstände der Katastrophe geklärt sind. Nach dem Ausfall der drei wichtigsten Schweizer Eisenbahnverbindungen ist somit auch die direkte Flugverbindung von Zürich nach Mailand lahmgelegt.«
»Drei?« sagten Angelika und Lohmann wie aus einem Munde.
»Drei«, bestätigte Warstein. Er war nicht überrascht. Das wäre er allenfalls gewesen, wäre dies nicht geschehen. »Das heißt, sie haben auch den Simplontunnel und die Strecke über Locarno endgültig dichtgemacht.«