»Aber wir haben die ganze Zeit Radio gehört!« protestierte Lohmann. »Sie hätten doch irgend etwas davon sagen müssen!«
»Wißt ihr, was das bedeutet?« fuhr Warstein ungerührt fort. »Das Gebiet um den Berg herum ist praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Etwas Besseres als diesen Flugzeugabsturz hätte sich Franke gar nicht wünschen können.«
»Es gibt immer noch Straßen«, sagte Angelika.
»Es gibt genau eine Straße«, verbesserte sie Warstein. »Und die führt am Ufer des Lago Maggiore entlang. Um wieviel wollen wir wetten, daß sie für den normalen Reiseverkehr gesperrt ist, um Platz für die Rettungstrupps zu machen?«
»Das kann er nicht machen«, behauptete Lohmann überzeugt. »Das hieße, die halbe Schweiz lahmzulegen!«
»Er kann, und er hat bereits«, sagte Warstein. »Und er würde noch viel mehr tun, wenn es nötig wäre.«
Lohmann wollte abermals widersprechen, aber er kam nicht dazu. Denn in diesem Moment ging der Himmel über ihnen in Flammen auf.
»Ja«, seufzte Franke, »ich denke, ich verstehe jetzt, was Sie meinen.«
Rogler sah den grauhaarigen Deutschen zwei Sekunden lang verwirrt an - so lange dauerte es nämlich, bis er verstand, was Franke meinte. Seine Bemerkung bezog sich auf ihr Gespräch am Morgen und den Besuch beim Stadtrat. Rogler hatte beides vollkommen vergessen, was angesichts dessen, was er heute erlebt und erfahren hatte, nun wirklich nicht überraschend war. Anders Franke. Er schien zu jenen Menschen zu gehören, die niemals irgend etwas vergaßen. »Unglaublich!«
Franke schüttelte ein paarmal den Kopf und warf Rogler dann einen fragenden Blick zu. »Wollen Sie nicht Ihrer Pflicht nachkommen und tun, worum man Sie gebeten hat?«
Der ironische Unterton in seinen Worten entging Rogler keineswegs; wahrscheinlich erwartete Franke gar nicht, daß er nun wirklich ausstieg und das tat, worum ihn die Stadtältesten gebeten hatten - aber nach einer Sekunde streckte er tatsächlich die Hand nach dem Türgriff aus und stieg aus dem Wagen.
Sie hatten fast eine Stunde gebraucht, um nach Ascona zurückzukommen - nicht einmal fünf Minuten mit dem Helikopter von Porera bis zu der Stelle kurz hinter der Stadtgrenze, an der der Wagen auf sie wartete, und die restliche Zeit für die wenigen Kilometer hierher. Der Verkehr lief nicht mehr schleppend, er war vollständig zusammengebrochen. Wahrscheinlich wären sie schneller zurück im Hotel gewesen, wenn sie zu Fuß gegangen wären.
Allerdings hatte Rogler selbst in diesem Punkt gewisse Zweifel, als er die dichtgedrängte Menschenmenge sah, die die Uferpromenade vor ihnen blockierte. Es mußten Hunderte sein, wenn nicht Tausende, die sich vor der niedrigen Mauer auf der anderen Straßenseite drängten, um einen Blick auf den See erhaschen zu können. Rogler empfand bei diesem Anblick nichts als eine Mischung aus Zorn und Verachtung. Franke hatte ihn über den Flugzeugabsturz informiert, und er vermutete, daß sich die Menge hier versammelt hatte, um einen Blick auf den Schauplatz der Katastrophe zu erhaschen, obwohl dieser Kilometer entfernt nahe dem gegenüberliegenden Ufer des Lago Maggiore lag und man wahrscheinlich von hier aus ohnehin nichts weiter als ein paar Lichter über dem Wasser erkennen konnte; wenn überhaupt. Er hatte Gaffer noch nie ausstehen können, und sein Beruf, der es mit sich brachte, daß er öfter als andere am Schauplatz von gewaltsamem Tod oder Zerstörung war, hatte dazu geführt, daß er sie regelrecht haßte.
Aber er erlebte eine Überraschung. Die Menschenmenge hatte sich nicht versammelt, um den Bergungsarbeiten zuzusehen. Was das anging, hatte er recht: Weit entfernt huschten die Reflexionen einiger Scheinwerfer über das Wasser, und irgendwo schien etwas zu brennen; aber das war auch alles, was man erkennen konnte. Sehr viel deutlicher hingegen konnte er sehen, was sich auf der anderen Seite der Mauer abspielte. Der Anblick war so absurd, daß Rogler mitten in der Bewegung innehielt und verblüfft die Augen aufriß.
Es dauerte eine geraume Weile, bis sich in Roglers Geist die Erkenntnis durchgesetzt hatte, daß das hier tatsächlich genau der Grund war, aus dem man ihn am Morgen ins Bürgermeisteramt zitiert hatte. Jenseits der Uferpromenade trennte ein schmaler, von wenigen gepflegten Bäumen bestandener Grasstreifen den See vom Land, auf dem sich Dutzende der bizarrsten Gestalten tummelten, die Rogler jemals zu Gesicht bekommen hatte. Die meisten waren in fremdartig anmutende, zum Teil schreiend bunte Gewänder gekleidet - Saris, Ponchos, Umhänge, Mäntel, Lendenschurze, Decken. Rogler sah so ziemlich alles, was er sich an Kleidung vorstellen konnte, nur nicht die hier übliche. Er sah asiatische Gesichter, indische und schwarze, er sah Indianer, Nordmänner und Aborigines, kurz: die Versammlung bot den Anblick einer Karnevalsgesellschaft, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Zauberer, Schamanen und Magier darzustellen.
Nur, daß an dem Bild rein gar nichts komisch war.
Rogler empfand plötzlich ein Gefühl der Furcht, das er sich selbst nicht erklären konnte - und auch nicht wollte. Sich ihm zu nähern, hieße, sich seinem Grund zu nähern, und davor hatte er eine geradezu panische Angst. Der Anblick all dieser buntgekleideten Gestalten erfüllte ihn mit der Gewißheit bevorstehenden Unglücks; etwas, das schlimmer sein mochte als alles, was er sich bisher hatte vorstellen können. Und nach dem, was er heute erlebt hatte, konnte er sich eine ganze Menge vorstellen.
»Herr Hauptmann! Gut, daß Sie da sind!«
Rogler drehte sich halb herum und blickte in das Gesicht eines allerhöchstens zwanzigjährigen uniformierten Polizeibeamten, der sich umständlich und sichtbar nervös seinen Weg durch die Menschenmenge zu ihm bahnte. Erst jetzt bemerkte Rogler, daß er nicht allein war - ein gutes halbes Dutzend Beamter versuchte ebenso tapfer wie vergeblich, den Menschenauflauf aufzulösen oder die Menge wenigstens weit genug zurückzudrängen, daß es auf der Straße noch ein Durchkommen gab. Niemand leistete wirklich Widerstand, aber ihre Bemühungen blieben trotzdem ohne sichtbares Ergebnis. Selbst die wenigen, die tatsächlich versuchten, den Aufforderungen der Beamten zu folgen und die Straße zu räumen, hatten keine Chance, gegen den Druck der nachdrängenden Menge anzukommen.
»Was ist hier los?« fragte Rogler. Er deutete auf die Menschenmenge, dann auf die sonderbare Versammlung auf der anderen Seite. »Was tun die hier?« Er ließ offen, auf wen sich diese Frage genau bezog, aber der Beamte antwortete trotzdem.
»Ich weiß es nicht, Herr Hauptmann. Wir haben sie gefragt, aber sie reden nur unverständliches Zeug.«
Das war nicht ganz die Wahrheit. Rogler las in den Augen des Jungen, daß es eher unheimliches als unverständliches Zeug gewesen sein mochte; ganz davon abgesehen, daß dies ganz bestimmt nicht die Art von Antwort war, die er auf eine klar formulierte Frage erwartete. Aber er erinnerte sich noch zu gut an seine eigene Begegnung mit dem alten Aboriginal, um den scharfen Verweis, der jetzt eigentlich fällig gewesen wäre, herunterzuschlucken.
Statt dessen drehte er sich wieder herum und sah erneut zu den versammelten Schamanen hin. Alles in allem mochten es an die hundert sein, vielleicht einige mehr oder weniger, die sich auf dem schmalen Parkstreifen versammelt hatten, um zu tun, was immer sie auch taten. Rogler konnte nicht erkennen, was es war, aber es war eindeutig, daß sie irgend etwas taten - und zwar gemeinsam. Einige Feuer brannten. Die Männer (Rogler registrierte beiläufig, daß es ausnahmslos Männer waren) standen oder saßen in kleinen Gruppen beisammen, aber niemand sprach, und fast niemand bewegte sich. Eine unbewußte Geste hier und da, ein flüchtiges Heben der Hand oder eine sachte Bewegung, um in eine bequemere Stellung zu wechseln, das war alles. Trotzdem gab es irgend etwas, was diese Männer verband. Etwas Gemeinsames war zwischen ihnen, das über alle noch so krassen Unterschiede hinwegreichte und sie fast zu einem einzigen, großen Etwas zu machen schien. Die Vorstellung verwirrte Rogler, aber zugleich spürte er auch, daß es mehr als ein bloßer Gedanke war. Nicht zum ersten Mal, seit er hierhergekommen war und Franke und der Lauf der Dinge damit begonnen hatten, seine gewohnte Weltanschauung Stück für Stück zu demontieren, fühlte er diese Art von plötzlichem Wissen, das zugleich vage und so intensiv war, daß es keinerlei Zweifel zuließ. Das Gefühl als solches erschreckte ihn, aber es war zugleich berauschend, als hätte sich seinen Sinnen eine vollkommen neue, faszinierende Dimension eröffnet, so daß er Dinge wahrzunehmen und Zusammenhänge zu erkennen imstande war, von deren Existenz er bisher nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte.