»Wie lange geht das schon so?« fragte er.
»Den halben Tag«, antwortete der Polizist. »Sie ... haben gegen Mittag angefangen, sich zusammenzurotten. Seither sitzen sie hier.«
Das Wort gefiel Rogler nicht, aber in diesem Moment sagte eine andere Stimme hinter ihm: »Wann präzise? Wissen Sie es nicht genauer?«
Als er sich herumdrehte, sah er Franke, der ihm gefolgt war und ihr kurzes Gespräch mit angehört hatte. Der Beamte sah den Deutschen fragend an und antwortete erst, als Rogler ihm mit einem angedeuteten Nicken zu verstehen gegeben hatte, daß es in Ordnung war.
»Ungefähr ... gegen eins. Genauer weiß ich es nicht, es tut mir leid.«
»Gegen eins?« Franke war nicht anzusehen, was ihm diese Erkenntnis brachte. Aber Rogler wußte es. Es konnte kein Zufall sein. Die Uhrzeit, die der Polizist genannt hatte, war exakt der Moment, in dem der Sturm begonnen hatte. Er ging wieder einen Schritt weiter, dann blieb er stehen. Erst jetzt fiel ihm auf, daß kein Schaulustiger den Grasstreifen betreten hatte. Auf der anderen Seite der ohnehin nur symbolischen Mauer drängten sich buchstäblich Hunderte von Neugierigen, und Rogler hatte genug Erfahrung mit Menschen wie ihnen, um zu wissen, daß es normalerweise nur eine Frage der Zeit war, bis sich der erste vorwagte, um seine Sensationslust noch ein bißchen mehr zu befriedigen. Hier nicht. Unmittelbar vor der gemauerten Grenze schien es eine zweite, unsichtbare, aber viel unüberwindlichere Barriere zu geben.
»Haben Sie mit ihnen gesprochen?« fragte er. Er kannte die Antwort, noch ehe der Beamte sie aussprach; stockend und ohne ihn direkt dabei anzusehen.
»Wir haben sie ... angerufen«, sagte er ausweichend. »Ein paarmal.«
»Aber Sie waren nicht direkt dort«, stellte Rogler fest. Der Polizist schwieg. Er sah verlegen aus, aber auch ängstlich. Rogler wußte nicht, ob es Furcht vor einem Verweis oder Furcht vor dem war, was er sah. Vermutlich beides. »Es ist in Ordnung«, sagte er. »Ich erledige das.« Er setzte sich erneut in Bewegung, aber etwas hinderte ihn. Es war kein körperlicher Widerstand; die unsichtbare Mauer war zugleich auch eine unfühlbare. Obgleich immateriell, die Barriere war unüberwindlich.
»Warten Sie!«
Rogler wäre so oder so stehengeblieben, doch nun wandte er sich wieder zu Franke um und sah ihn an. Der Deutsche stand einen Schritt hinter ihm. Er sah zu den Männer auf der anderen Seite der Mauer, und der Ausdruck auf seinem Gesicht verriet, daß auch er das Unheimliche spürte, das von ihnen ausging. Wahrscheinlich spürten es alle hier. Erst jetzt, aber dafür um so heftiger, fiel Rogler auf, wie still es war.
»Vielleicht sollten Sie ... nicht stören«, sagte Franke nachdenklich.
Rogler zog überrascht die Augenbrauen hoch. Er hatte gar nicht vorgehabt, irgend etwas zu unternehmen. Ganz davon abgesehen, daß er es nicht konnte - was sollte er schon tun? All diese Männer wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festnehmen oder ihnen einen Strafzettel verpassen, weil sie in einem Park ein offenes Feuer angezündet hatten?
Seine Überraschung hatte einen anderen Grund. Er hatte schon mit einem sachten Erstaunen zur Kenntnis genommen, daß Franke ihm überhaupt gefolgt war, dies aber dann auf eine durchaus verständliche Neugier angesichts des Menschenauflaufes geschoben. Selbst Franke, den Rogler insgeheim für den mit Abstand unsensibelsten Menschen hielt, dem er seit langer Zeit begegnet war, hätte eigentlich merken müssen, daß er den Wagen hauptsächlich verlassen hatte, um einen Moment allein zu sein oder wenigstens an etwas anderes denken zu können. Daß Franke das nicht daran hinderte, ihm trotzdem zu folgen, hatte Rogler nur im allerersten Moment überrascht. Was ihn wirklich überraschte, war, daß Franke sich tatsächlich für das zu interessieren schien, was sich auf der anderen Seite der Mauer abspielte. Rogler hätte seinen rechten Arm darauf verwettet, daß Franke alles, was nicht wissenschaftlich zu beweisen war, mit einer ironischen Bemerkung abtun würde; falls er sich überhaupt dazu herabließ, es zur Kenntnis zu nehmen.
Aber vielleicht war ja seine Welt nicht die einzige, die zusammenzubrechen begann.
»Ich kann sowieso nichts tun«, antwortete er. Er sagte nicht warum. Wenn Franke die unsichtbare Grenze ebensowenig überschreiten konnte wie er, würde dieser es selbst merken. Wenn nicht, würde er sich nur blamieren.
Franke kam näher und blieb fast auf den Zentimeter genau an der imaginären Linie stehen, an der auch Rogler innegehalten hatte. Ein Ausdruck leiser Verblüffung erschien auf seinem Gesicht, aber er sagte nichts, sondern ließ seinen Blick nur von rechts nach links und wieder zurück über die unheimliche Versammlung wandern.
»Was um alles in der Welt tun die da?« murmelte er.
Er hatte sehr leise gesprochen, trotzdem hob plötzlich eine der Gestalten, die zusammengekauert an einem Feuer in der Nähe saß, den Kopf und sah in ihre Richtung. Einen Moment später stand sie auf.
Rogler fuhr leicht zusammen, als er erkannte, daß es der alte Aboriginal war, mit dem er selbst vor zwei Tagen gesprochen hatte. Ein zweiter Schamane schloß sich ihm an, als er sich umständlich erhob und mit kleinen, gemessenen Schritten, die mühsam und majestätisch wirkten, näher kam. Der zweite Mann war ein waschechter Indianer, wenn Rogler je einen gesehen hatte.
Seine Beunruhigung steigerte sich fast zur Panik, als er erkannte, daß die beiden tatsächlich direkt auf sie zusteuerten und nicht nur zufällig in ihre Richtung gingen.
Er erwartete ganz automatisch, daß der Aboriginal ihn wieder ansprechen würde, doch zu seinem Erstaunen war es Franke, an den sich der alte Mann wandte. Und zu seinem noch größeren Erstaunen zeigte Franke nicht eine Spur von Überraschung; nur einen neuerlichen Schrecken, den er nun nicht mehr verbergen konnte.
»Ich wußte, daß du kommst«, sagte der alte Mann.
Franke fuhr zusammen. Für eine Sekunde verlor er seine bisher so unerschütterliche Selbstbeherrschung, und in seinem Blick war plötzlich etwas Wildes. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt - aber nicht mehr völlig. Es sollte ihm auch nicht wieder vollkommen gelingen.
»So?« sagte er nervös. »Dann wußten Sie mehr als ich.«
»Du kommst spät«, fuhr der Aboriginal fort. »Vielleicht zu spät.«
Franke trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Rogler sah ihm an, wie unangenehm ihm die Situation war, aber er war nicht sicher, ob Franke vielleicht nur der Umstand nicht behagte, daß es Zeugen für dieses Gespräch gab.
»Ich verstehe gar nicht, wovon Sie sprechen«, antwortete Franke. »Wer sind Sie? Und was tun Sie hier, verdammt noch mal? Wir sind doch hier nicht auf einem Kirmesplatz. Ist Ihnen klar, daß Sie und Ihre sonderbaren Freunde die gesamte Stadt lahmgelegt haben?«
»Viele sind bereits gestorben«, fuhr der alte Mann fort. Er ignorierte Frankes Antworten einfach, so als hätte er sie gar nicht gehört.
»Gestorben? Wovon...« Franke brach ab. Für einen Moment ließ sein Blick den Alten los und suchte die Lichter, die in der Ferne noch immer hektisch über den See huschten. »Sie reden von dem Flugzeugabsturz«, sagte er dann. »Was haben Sie damit zu tun?«
»Der Moment ist nahe«, sagte der alte Mann. »Der Ring schließt sich. Die Zeit kehrt an ihren Ursprung zurück. Die Götter haben die Sterne gezählt, und alle Gedanken der Menschen sind gedacht.«