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Skar verdrehte innerlich die Augen, aber er widersprach nicht mehr. Dafür war er viel zu müde. Er hatte mit einem Mal Mühe Rouns Worten zu folgen, ja, selbst die Augen offen zu halten. Um nicht auf der Stelle einzuschlafen, stand er auf und machte ein paar Schritte durch den Raum, aber es half nicht viel. Seine Glieder fühlten sich an wie mit Blei gefüllt.

»Ist... alles in Ordnung mit Euch, Herr?«, fragte Roun. Skar sah ihn nicht an, aber allein der Ton, in dem er die Frage stellte, machte deutlich, dass mit ihm nicht alles in Ordnung war.

Er schüttelte den Kopf, doch schon diese kleine Bewegung war zu viel. Ihm wurde schwindelig. Er wankte, machte einen Schritt und streckte hastig die Hand aus, um sich an der Tischkante fest zu halten; hätte er es nicht getan, wäre er vermutlich gestürzt. Alles drehte sich um ihn.

»Herr?« Rouns Stimme klang jetzt nicht mehr besorgt. Sie hörte sich panisch an.

»Es ist... wirklich alles in Ordnung«, murmelte Skar.

Jedenfalls vermutete er, dass er es tat; ganz sicher war er nicht. Das Zimmer drehte sich noch immer um ihn herum und, wie es ihm vorkam, sogar noch schneller. »Ich bin einfach nur ... müde. Sehr müde.«

So müde, dass er nicht einmal mehr registrierte, wie Roun ihn am Arm ergriff und ins Nebenzimmer führte.

Skar träumte wieder und diesmal war es ein gestaltloser, düsterer Traum; keine Bilder aus seiner Vergangenheit, sondern ein dunkles Chaos, durch das er trieb und in dem er sich ebenso zu verlieren drohte, wie es ihn aufzusaugen schien; wenn dieser Traum eine Botschaft enthielt, dann blieb sie ihm verborgen.

Er erwachte in Schweiß gebadet, mit hämmerndem Puls und dem schon gewohnten, üblen Geschmack auf der Zunge. Es war schlimmer geworden. Skar schluckte, um den Geschmack loszuwerden, erreichte damit aber nur das Gegenteil. Das widerliche Gefühl überstieg die Grenzen zu echter körperlicher Übelkeit und für einen Moment musste er all seine Willenskraft aufbieten, um sich nicht zu übergeben.

Erst danach öffnete er die Augen.

Er befand sich in einem kleineren Raum mit niedriger Decke, der Roun und seiner Familie offenbar zugleich als Schlaf- und Vorratskammer diente: Es gab einfache Schlafplätze direkt auf dem nackten Boden sowie ein bis unter die Decke reichendes Regal, das einfach zusammengezimmert war - Skar nahm mit einem flüchtigen Lächeln zur Kenntnis, dass man Rouns Handwerkskunst tatsächlich auf den ersten Blick erkannte - und bis zur Decke voll gestopft: Säcke, Bündel, Kisten, Flaschen und Töpfe, Bündel mit Kleidung und einfaches Werkzeug. Offenbar lagerte in diesem Regal die gesamte Habe Rouns und seiner Familie.

Skar richtete sich behutsam weiter auf. Roun hatte gesagt, dass sie erst seit einigen Monaten hier waren, was den unfertigen Zustand seines Hauses erklärte. Anscheinend hatten sie allerdings auch nicht vor, allzu lange hier zu bleiben.

Er streifte die Decke ab, stellte ohne große Überraschung fest, dass man ihn ausgezogen hatte, und sah sich nach seinen Kleidern um. Sie lagen, ordentlich zusammengelegt, auf der anderen Seite des »Bettes« auf dem Boden. Als Skar sich vorbeugte und die Hand danach ausstreckte, fiel ihm eine Anzahl blutunterlaufener dunkler Stellen auf seinem Unterarm auf, die gestern noch nicht da gewesen waren. Überrascht zog er den Arm zurück, ballte die Hand zur Faust und bewegte prüfend den Arm und das Handgelenk. Seine Bewegungsfreiheit war nicht eingeschränkt und die dunklen Flecken auf seiner Haut schmerzten auch nicht, fühlten sich aber sonderbar taub an, als er mit der Hand darüber tastete.

Skar stand vollends auf, trat ans Fenster und unterzog seinen Körper einer genauen Inspektion. Er entdeckte weitere Flecken auf seinen Armen und Beinen und einige wenige auch auf seiner Brust. Möglicherweise war er krank. Das würde auch seine ungewohnte Müdigkeit und den permanent schlechten Geschmack in seinem Mund erklären. Skar war besorgt; mehr vielleicht, als er sich selbst gegenüber zugeben wollte. Andererseits konnte er momentan an seinem Zustand ohnehin nichts ändern; und wenn es eine Krankheit war, dann schien sie zumindest im Moment nicht lebensbedrohlich zu sein. Er würde mit Roun darüber reden. Sobald er ihm ungefähr fünftausend andere Fragen gestellt hatte.

Er hob seine Kleider auf, zog sich in aller Hast an und machte dabei eine weitere verwirrende Entdeckung: Der Boden bestand hier genau wie in dem Raum, in dem er gestern gewesen war, aus festgestampftem bloßem Erdreich, war aber an zahlreichen Stellen aufgebrochen und zerwühlt; als hätte jemand noch vor kurzem darin gegraben. Roun hatte ihm zwar erzählt, dass er und seine Leute Digger waren, aber Skar konnte sich kaum vorstellen, dass er in seinem eigenen Schlafzimmer grub. Geschweige denn, wonach.

Er ließ sich in die Hocke sinken, nahm ein wenig Erde auf und zerrieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie fühlte sich normal an, verströmte jedoch einen einzigartigen, strengen Geruch, der so etwas wie das Echo einer Erinnerung in ihm wachrief. Er kannte diesen Geruch, konnte sich aber im Moment nicht erinnern, woher.

Als er sich wieder aufrichtete, ging die Tür auf und Roun kam herein. Er trug noch dieselben Kleider wie gestern und der Müdigkeit auf seinem Gesicht nach zu schließen, hatte er sie wohl aus dem einfachen Grund nicht gewechselt, weil er in der vergangenen Nacht nicht geschlafen hatte.

»Guten Morgen, Herr ... Ska«, begann er. »Bitte verzeiht, aber ich habe Geräusche gehört und ... und wollte nachsehen, ob Ihr schon auf seid.«

»Wie du siehst.« Skar schloss die silberne Spange, die seinen Mantel über den Schultern hielt, und lächelte Roun zu. Er fragte sich, ob der Ausdruck in Rouns Augen nur Müdigkeit war oder vielleicht auch Sorge. Und wenn ja, weshalb. »Wie ... fühlt Ihr Euch heute, Ska?« Roun war besorgt und er hatte sich nicht annähernd gut genug in der Gewalt, um sich diese Sorge nicht anmerken zu lassen. Sein Blick wich dem Skars aus, tastete nervös durch den Raum und blieb einen Moment lang an einer Stelle unmittelbar neben ihm haften. Skar folgte ihm und stellte fest, dass Roun den zerwühlten Fleck im Boden anstarrte. Er wirkte irritiert. So als sähe er ihn zum ersten Mal.

»Ich bin nicht ganz sicher«, antwortete Skar. »Der Schlaf hat mir gut getan, aber ...«

Er zuckte mit den Schultern, überlegte einen kurzen Moment und kam dann zu dem Schluss, Roun vorerst nichts von den sonderbaren Flecken auf seiner Haut zu erzählen. Er hatte das sichere Gefühl, dass sein Gastgeber im Augenblick ganz andere Sorgen hatte.

»Dann ... können wir miteinander reden?« Roun riss seinen Blick fast gewaltsam von der Stelle neben Skars Füßen los und sah ihm mit einiger Mühe direkt in die Augen.

»Genau darum wollte ich dich auch gerade bitten.« Was ging hier vor? Roun hatte Angst. Aber wovor?

Sie verließen den Raum. Das Haus war leer, aber Roun - vermutlich wohl eher seine Frau - hatte ein Frühstück vorbereitet und allein der Anblick ließ Skar spüren, wie hungrig er war. Ohne ein weiteres Wort ließ er sich am Tisch nieder und begann mit einem Appetit zu essen, der nicht nur ihn selbst überraschte, sondern auch Roun zu einem fragenden Stirnrunzeln veranlasste. Er stellte jedoch keine entsprechende Frage, sondern geduldete sich, bis Skar seine Mahlzeit beendet hatte.

»Wie ich sehe, hat es Euch geschmeckt.«

»Hervorragend«, sagte Skar, was der Wahrheit entsprach. »Mein Kompliment an deine Frau. Sie ist eine hervorragende Köchin ... ich muss doch kein schlechtes Gewissen haben?«

»Wir haben genügend zu Essen«, antwortete Roun. »Und die Gastfreundschaft ist unser oberstes Gebot.«

»Für das ihr aber die eine oder andere Gegenleistung erwartet«, vermutete Skar. Er lächelte, um seinen Worten ein wenig von ihrer Schärfe zu nehmen, hielt Roun dabei aber scharf im Auge.

»Gastfreundschaft existiert um ihrer selbst willen«, erwiderte Roun in einem Ton schlecht gespielter Empörung. Skar seufzte. »Lass uns nicht länger um den heißen Brei reden«, sagte er. »Was genau wollt ihr von mir?«