»Ihr seid ein Satai, Herr«, antwortete Roun, fast als wäre dies Erklärung genug. Vielleicht war es das, in seinen Augen.
»Ich weiß«, sagte Skar. »Man kann es auch anders ausdrücken: Ich bin ein Krieger. Habt ihr vor einen Krieg zu führen?«
Er sah an Rouns Reaktion, dass er den falschen Ton gewählt hatte. Die Rolle des Satai schien sich nachhaltig verändert zu haben. In der Welt, die er kannte, waren sie ein Symbol für Gerechtigkeit und Ordnung. Man hatte ihnen Respekt gezollt. Doch mittlerweile schienen sie eher Angst und Schrecken zu verbreiten.
»Wir brauchen jemanden, der uns beschützt, Herr«, antwortete Roun. Etwas leiser, aber in eindeutig hastigem Tonfall, fügte er hinzu: »Wir können bezahlen. Gut bezahlen.«
»Ich brauche kein Geld«, sagte Skar.
Roun machte ein eindeutig enttäuschtes Gesicht. »Ihr werdet dem Ruf folgen, um mit Marna und seiner Streitmacht in die Schlacht gegen die Quorrl zu ziehen.«
»Das habe ich noch nicht entschieden«, antwortete Skar. Was zum Teufel hatte dieser Marna vor? Einen Vernichtungsfeldzug gegen die Quorrl? »Erzähl mir etwas über euch. Ihr braucht Schutz. Vor wem?«
Schon wieder die falsche Frage. Diesmal wirkte Rouns Blick nicht verwirrt. Er sah eindeutig erschrocken aus. »Vor ... den Quorrl, Herr«, sagte er nach einer Weile. Er sah Skar an, als zweifele er an seinem Verstand und vermutlich tat er es auch. Zumindest begann er sich zu fragen, was für einen sonderbaren Satai er da eigentlich in seinem Haus beherbergte.
»Natürlich«, sagte Skar. »Die Quorrl sind überall ein Problem. Ich dachte nur, dass es hier nicht so schlimm wäre. Immerhin bin ich nicht der einzige Satai in diesem Teil des Landes.«
Für einen Moment änderte sich der Ausdruck auf Rouns Gesicht auf eine Weise, die Skar nicht zu deuten vermochte. Dann lächelte er traurig. »Marna«, sagte er. »Ihr kommt wirklich von sehr weit her, scheint mir. Ich verstehe.«
»Wie schön«, sagte Skar. »Aber ich nicht.« Er machte eine entsprechende Geste, als Roun antworten wollte. »Wie du selbst schon gesagt hast: Ich komme von weit her und weiß wenig über das, was in diesem Teil der Welt vorgeht.«
»Das ... das mag sein«, sagte Roun hastig, für Skars Geschmack sogar ein bisschen zu hastig. »Es ist nur so ... uns bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Die Quorrl... sie rotten sich zusammen.«
»Was heißt das: Sie rotten sich zusammen?«, fragte Skar alarmiert. Er dachte an den halb toten - oder besser gesagt: fast toten - Quorrl, den er dort draußen irgendwo in der steinigen Wüste hatte liegen lassen. Es war merkwürdig, dass ihm dieser Gedanke fast entglitten war. Vielleicht hatte das etwas mit seiner Krankheit zu tun, mit dieser Veränderung, die sich über seinen ganzen Körper ausgebreitet hatte wie die ersten Anzeichen eines nahenden Zusammenbruchs, den Vorboten von Vernichtung und Tod. »Hast du Angst, dass sich die Quorrl dafür rächen wollen, weil ihr ihre Freunde niedergemacht habt?«
»Nein«, sagte Roun, wobei ihm anzusehen war, dass ihm das Wort Freunde in Zusammenhang mit Quorrl mehr als nur befremdete. »Wie sollen sie sich rächen wollen, wenn sie nicht wissen, wer ihre Artgenossen zur Strecke gebracht hat?«
Skar nickte mühsam. Den Quorrl am Leben gelassen zu haben, konnte sich als kapitaler Fehler erweisen, aber es war nichts, was sich jetzt noch ändern ließ und auch nichts, was er hätte ändern wollen, selbst wenn er es gekonnt hätte. »Wie weit ist die nächste Quorrl-Siedlung entfernt?«
»Ich weiß nicht genau, wo diese Tiere hausen«, sagte Roun achselzuckend. »Ich weiß nur, dass wir sie nicht gewähren lassen können. Das Ungeziefer muss ausgerottet werden, bevor es uns zur Gefahr wird.«
»Ungeziefer!« Skar spuckte das Wort geradezu aus. »Das ist eine etwas ungewöhnliche Bezeichnung für eine machtvolle Kriegerkaste.«
Roun sah ihn an, als hätte er einen Idioten vor sich. »Es sind Tiere«, sagte er dann stockend. »Aber ich denke ... wir sollten das Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen. Ich muss mich um die Vorbereitung der nächsten Erweckung kümmern.«
Skar verspürte einen raschen Anflug von Ärger in sich, hinderte Roun aber nicht daran, aus der Hütte zu stürmen, als wäre ihm eine ganze Hundertschaft Quorrl auf den Fersen. Offensichtlich hatte er den Anführer der Digger vollkommen aus dem Konzept gebracht. Das war kein Wunder. Roun glaubte miterlebt zu haben, mit welcher grausamen Eleganz der fremde Krieger zwei Quorrl getötet hatte - dass es ihm um Menschenwürde und das Leben eben eines dieser Quorrl gegangen war, konnte er ja nicht wissen - und musste nun miterleben, dass sich der Satai in seinen Augen vollkommen widernatürlich für die geschuppten Giganten einsetzte.
Aber das war jetzt nicht weiter wichtig. Es wurde Zeit, dass er wieder die Initiative ergriff. Er hatte gehofft, dass er von den Diggern mehr über sich erfahren könnte, nur um begreifen zu müssen, dass ihn nichts aber auch gar nichts mit diesen Leuten hier verband. Doch so, wie er jeden Gedanken an seinen eigenen schrecklichen Tod durch die Hand seines ehemals besten Freunds verdrängt hatte, hatte er versucht den wahren Grund seines Hierseins zu leugnen, und für eine Weile war ihm dies sogar gelungen; erstaunlich gut sogar. Zu behaupten, dass etwas mit ihm nicht stimmte, wäre eine maßlose Untertreibung gewesen. Er war ein lebender Toter, gelenkt von jemandem - etwas - das ihn vielleicht sogar dazu getrieben hatte, den Quorrl zu retten wider jede Vernunft und wider jede Vorsicht, die einem Krieger in einer vollkommen fremden Situation mehr als angeraten war. Wenn dieses Etwas glaubte ihn in der Hand zu haben, hatte es sich getäuscht. Vielleicht konnte es ihn mühelos töten, so wie er gedankenlos eine Fliege zerquetschen konnte. Vielleicht waren die dunklen Flecken auf seinen Armen und Beinen eine Warnung, die Schwäche, die ihn gestern fast niedergerungen hatte, nichts als Sendboten einer fremden Macht, gedacht ihn daran zu erinnern, dass ihn jederzeit der Strudel der Vernichtung mit hinabziehen konnte. Aber die Drohung zog nicht. Der Tod hatte schon Jahre vor seinem Ableben den Schrecken für ihn verloren, ja, war ihm sogar als milder Freund erschienen im Vergleich zu dem, was der böse Bruder aus ihm gemacht hatte, der Wächter, der sich in ihm eingenistet hatte und den er nicht anders losgeworden war als durch seinen eigenen Tod, durch diese Verzweiflungsaktion Dels, der ihn in einem wahnsinnigen Kampf mit vorbestimmtem Ende geradezu zerfleischt hatte.
Nur, damit er jetzt wieder erweckt wurde, um einer unbekannten Macht zu dienen? Das war geradezu lächerlich. Nein, seine Stärke war nicht die eines Satai, sie war die Stärke eines wieder erwachten Toten, der seine Vernichtung nicht fürchtete, keinen Schmerz und kein Leid - denn all das waren ihm treue Weggefährten gewesen und würden es weiterhin sein, wenn es sein musste. Und wenn er jetzt innerlich verfaulte? Wenn diese dunklen Stellen so etwas wie Leichenflecken waren und er am lebendigen Leib verrottete?
Er wischte den Gedanken mit einer ärgerlichen Handbewegung beiseite, öffnete die Tür und trat hinaus. Was er sah, gefiel ihm nicht: Dichte Nebelwolken hatten sich erstickend über die ärmlichen Häuser gelegt. Wie eine herabstürzende Wolke lag der Nebel auf dem Dorf, grau und wogend und von unheimlich flackerndem Leben erfüllt; selbst die Häuser auf der anderen Seite des Dorfplatzes waren nur als blasse Schemen erkennbar. Ein Schwall warmer, nach Feuchtigkeit und brennendem Holzfeuer riechender Luft schlug ihm entgegen und schien ihn ersticken zu wollen, ließ jeden Atemzug zur Qual werden.
Aber das war nicht alles, was ihn beunruhigte. Mochte er auch Tod und Verletzung nicht fürchten, so verfügte er doch über die Reflexe und Instinkte des geborenen Kriegers, der keinen Vorteil aus der Hand gibt, wenn er nicht muss, und der eine Gefahr erspürt, bevor sie greifbar wird. Und hier war Gefahr, hier lauerte Tod und Verderben. Mit gespannten Sinnen trat Skar einen weiteren Schritt vor und lauschte in das graue, verschlingende Nichts hinein.