War es bislang einzig und allein die Wand vor ihm gewesen, die dem Druck der Larven nachgegeben hatte, so warnte ihn jetzt ein dumpfes Grollen hinter ihm davor, dass sich die gleiche Katastrophe auch in seinem Rücken abzeichnete. Perfekter konnte eine Falle nicht sein: Sie verwandelte sich in etwas Lebendiges, mutierte zu tausenden kleinen Körpern inmitten des Felsgesteins, die so widernatürlich waren, dass sich in Skar bei ihrem Anblick selbst dann alles zusammengekrampft hätte, wenn zwischen ihm und den behaarten Ungeheuern ein stabiler Zaun gewesen wäre.
Aber ein Zaun, egal aus welchem Material, hätte die schwarzen, flockig-flaumigen Monstren wohl kaum aufhalten können. Skar wirbelte herum und noch in der Drehung sah er, wie auch diese Höhlenwand dem Druck hunderter drängender Wesen nachgab, für die das kalte Gestein wohl nichts anderes war als die Eierschale für ein Küken. In diesem Moment wäre er froh gewesen, wenn ihm Schalen um die Ohren geflogen wären. Doch stattdessen war es ein wahrer Regen an mehr oder minder scharfen Gesteinssplittern, die in einer gewaltigen Detonation auf ihn niedergingen. Seine Haut wurde von scharfkantigen Splittern aufgerissen, aber er merkte es nicht einmal.
Die Wand explodierte in einer Woge von schwarzen und glitzernden Gesteinsbrocken und etwas, das wie Fischschuppen aussah. Und dann, im nächsten Moment, schossen auch schon die Khtaám-Larven hervor. Hinter Skar stieß einer der überlebenden Nahrak einen wimmernden, halb erstickten Laut aus, der fast unterging in dem Gepolter und Geraschel und der doch merkwürdig deutlich an Skars Ohr drang. Die Nahrak, Esanna und er - sie waren verloren, wenn nicht noch ein Wunder geschah. Sie würden lebendig begraben werden von den Larven, den schleimigen Tentakeln der ausgewachsenen Khtaám oder dem zusammenstürzenden Gestein.
Zumindest, wenn sie nicht mehr rechtzeitig den Ausgang der Höhle erreichten.
Ein verzweifelter Plan begann in ihm Gestalt anzunehmen. Mit ein, zwei Sätzen sprang er über die glitschig-klebrige Masse, aus der gierige Tentakel zu ihm emporzuckten und erreichte die Stelle, an der Esanna von dem schleimigen Gewimmel gerade beerdigt wurde. Seine Hände stießen dort in die Masse, wo er ihre Schultern vermutete, fanden Widerstand und rissen mit einem einzigen, gewaltigen Ruck ihren Oberkörper in die Höhe, ohne allerdings im ersten Anlauf ihre Füße befreien zu können. Er bekam sie in eine Schräglage, bevor aus dem Boden züngelnde Fangarme hochschnellten, um ihm die Beute wieder zu entreißen. Skars Muskeln spannten sich an, als er mit aller Kraft dagegenhielt. Zuerst sah es trotzdem so aus, als könnte ihm die wütend fauchende Masse das Mädchen wieder entreißen, doch dann gelang es ihm, Esanna stückweise etwas höher zu ziehen. Und dennoch ging es nicht schnell genug. Ein Zittern ging durch den Boden, als erneut ein Teil der Höhlenwand zusammenbrach, und Skar begriff, dass er verlieren würde. Seine einzige Chance bestand darin, Esanna ihrem Schicksal zu überlassen und so schnell wie möglich in Richtung Höhlenausgang zu fliehen.
Falls er überhaupt noch eine Chance haben würde.
Zum Glück wirkten die Khtaám-Larven noch benommen und ziellos, aber es wurden mit jeder Sekunde mehr und mittlerweile hatten sie bereits die Stelle erreicht, in die er sich in die schleimige Masse gestemmt hatte. Das Gewimmel in der Höhle wurde nun vollends unübersichtlich.
Behaarte Larven und der tentakelbewehrte Bodenschleim quirlten in- und übereinander, Schwaden pulverisierten Gesteins erschwerten sowohl die Sicht als auch das Atmen und immer wieder aufplatzende Wandteile schleuderten Gesteinswolken und weitere Larven in den Raum.
Ganz in seiner Nähe begann einer der Nahrak laut und gellend zu schreien. Aus den Augenwinkeln sah Skar, wie der heftig strampelnde und sich immer noch verzweifelt wehrende Mann von ein paar Peitschenarmen zu Boden gerungen wurde, während gleichzeitig eine Wolke flaumiger Larven seinen Kopf einnebelte. Auch Skar selbst geriet nun wieder in Gefahr ein Opfer der Tentakel zu werden, die wie bösartige Schlangen über seine nackten Beine glitten. Vielleicht, vielleicht hatte er noch eine Chance, wenn er das Mädchen, ohne zu zögern, losließ und lossprintete. Er glaubte es nicht. Aber es änderte auch nichts. Ohne auf das widerwärtige Gekrabbel an seinen Beinen zu achten, ließ er seine ganze Energie in die Arme fließen, eine Fertigkeit, die man jungen Satai während ihrer Ausbildung als Geheimtechnik beibrachte, um in ausweglosen Situationen Zusatzkräfte zu entwickeln, mit denen sich überlegene Gegner überraschen ließen. Durch seine Arme ging ein Kribbeln und gleichzeitig schienen sie wärmer und schwerer zu werden. Währenddessen glitt alles andere aus seiner Wahrnehmung und er war nur noch Kraft und Energie.
Als er aufschrie, war sein Schrei gleichzeitig die Verbindung der in seine Arme geflossenen Zusatzenergie. Er legte so viel Kraft in diese eine Bewegung, dass Esanna drohte, regelrecht auseinander gerissen zu werden. Ihr Oberkörper schnellte ihm entgegen. Tentakel hingen plötzlich in der Luft, peitschten dem Mädchen nach, erbärmliche und viel zu träge Versuche sie noch zu erreichen, bevor Skar den ganzen Körper aus der Masse gerissen hatte und mit dem zuckenden Mädchen einen kraftvollen Schritt zurücksprang.
Das Geschmeiß schien nicht bereit zu sein, sein schon sicher geglaubtes Opfer kampflos aufzugeben. Ein Nebel von Khtaám-Larven hüllte ihn augenblicklich ein und aus der schwarzglänzenden, wimmelnden Schicht zuckten zungengleich Arme empor. Skar schrie vor Zorn und Entsetzen, als er begriff, dass weder er noch die Nahrak das Hauptziel der unheimlichen Attacke waren, sondern das tot wirkende Mädchen in seinen Armen.
Es war ein bizarrer, unwirklicher Kampf. Die - das? - Khtaám schienen nur noch ein Wesen zu sein, beseelt von dem Gedanken Esanna zu sich zu ziehen, in sich aufzunehmen, und alles andere, das Zusammenbrechen der Höhle, das Poltern und Aufschlagen von Gesteinsbrocken, das Heranwirbeln der Larven, die Angriffe auf die wenigen noch lebenden Nahrak oder auf Skar selbst, wurde seltsam unwichtig. Endlose Augenblicke hatte nur der Kampf um das Mädchen Bedeutung, den Skar mit dem Khtaám ausfocht, das in so vielfältiger Gestalt über ihn hereinbrach und dem er sich kaum erwehren konnte.
Er hätte nie eine Chance gehabt, wenn er nur auf sich selbst angewiesen gewesen wäre. Dutzende von Fangarmen zerrten an ihm und dem Mädchen. Seine verkrampften Muskeln wollten ihm den Gehorsam verweigern, aber er gestattete sich nicht den Schmerz an sich herankommen zu lassen. Und dennoch - ein einzelner Mensch gegen die Vielfältigkeit des Grauens, gegen die titanische Macht einer bösartigen und fremden Intelligenz: Das war absurd.
Es wurde etwas in ihm erweckt, etwas, das nichts mehr mit normalem Menschensein zu tun hatte, nicht minder fremdartig und vielleicht auch nicht minder bösartig als der Angreifer. Sein Körper wurde zum Gefäß für eine Kraft, die weit über alles Menschliche hinausging. Eine ungeheure Energiewelle durchflutete ihn.
Es war kein Kampf, es war ...
Unbeschreiblich. Die Zeit schien stehen zu bleiben.
Etwas Grauenhaftes ging mit ihm vor, etwas, das viel mehr war als der Kraftzuwachs, den er gewann, weil er, wieder einmal, über sich hinauswuchs. Er wurde zum Werkzeug von irgendetwas Anderem, Unbeschreiblichem ...
Aber es war zu spät. Sein Körper war dem Kraftzuwachs nicht gewachsen. Seine Finger hatten sich so fest in Esannas Schultern gekrallt, dass er sie nicht mehr bewegen konnte. Sein ganzer Körper fühlte sich wie abgestorben an. Es tat entsetzlich weh, aber es war nichts, was ihn beunruhigte. Er war es gewohnt, Schmerz an den Rand seines Bewusstseins zu drängen. Was ihn schockierte, war vollständig die Kontrolle über seinen Körper verloren zu haben. Halb nackt, wie er inmitten der zusammenstürzenden Höhle stand, vollkommen verspannt und verkrampft, war er das Zentrum von etwas, das aus der Unendlichkeit in ihn einströmte.