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Der schwarze Peitschenarm, der Skars Handgelenk umklammert hielt, löste sich plötzlich. Die Tentakel, die sich gerade noch um seine Arme und Beine gewunden hatten und zu seinem Hals, zu seinem Gesicht hinauffingerten, glitten von ihm ab, als würden sie keinen Halt mehr finden, rutschten ab, schlugen klatschend in den sich windenden Pfuhl zu seinen Füßen. Ein helles Singen setzte ein, ein Geräusch, das Gläser zum Zerspringen gebracht hätte und das Donnern, Zischen, Krachen mit einer erschreckenden Leichtigkeit übertönte, sich in seine Gehörgänge bohrte und ihn fast wahnsinnig vor Schmerz machte.

Der Schmerz raste wie ein Blitzschlag durch seinen Körper. Er schrie auf und fiel auf die Knie, mit grotesk hochgereckten Armen, die immer noch Esanna stützten, ohne sie auch nur einen Zoll sinken zu lassen. Der Schmerz war so schlimm, dass er ihm die Tränen in die Augen trieb und in ihm kein Platz mehr war außer für Entsetzen. Er wusste, dass er sterben würde, dass nichts und niemand diese Energie länger als nur ein paar Sekunden aushalten konnte, die ihn in diesem Moment durchflutete.

Aber es kam anders; völlig anders.

Die schwarze, glitschige Masse wich vor ihm zurück, als wäre er zur personifizierten Khtaám-Waffe geworden. Funken sprühten in seiner direkten Umgebung auf, etwas kokelte und blauweiße Blitze huschten über den Boden, fuhren in den dunklen Angreifer und verbrannten zischend, was sich nicht schnell genug zurückgezogen hatte. Aus einer anderen Lage heraus hätte Skar jetzt vielleicht Erleichterung verspürt. Aber etwas in ihm ahnte die schreckliche Wahrheit, bevor sie sich in der Wirklichkeit manifestierte. Es gleißender Blitz schlug vor ihm in den Boden ein.

Dann ging alles so schnell, dass er nicht mehr die geringste Gegenmaßnahme ergreifen konnte. Die Höhle brach in sich zusammen. Es war nur die logische Konsequenz, nachdem Teile der Wände zerbröselt waren, tragendes Gestein zerborsten und Nischen in sich zusammengestürzt waren. Jetzt geriet auch die Decke in Gefahr, platzten Gesteinsbrocken weg, glitten, sprangen, krabbelten die kleinen Khtaám-Larven aufgeregt übereinander, als wollten sie der unausweichlichen Katastrophe in letzter Sekunde entkommen.

Der Boden unter ihnen schwankte, als wäre er nicht aus massivem Gestein, sondern aus dünnem Weidengeflecht. Es erschien ihm wie eine reine Verhöhnung des Schicksals, dass er nun mit der reglosen Esanna in den Armen inmitten der Höhle wie ein Sieger dastand, der diesen ungleichen Kampf gegen den personifizierten Schrecken vorerst zu seinen Gunsten entschieden hatte - nur um jetzt lebendig begraben zu werden.

Ein Donnerschlag erschütterte die Höhle und dann war der Alptraum auch schon über ihm. Ein Großteil der Höhlendecke hinter ihm ging krachend zu Boden. Der Aufprall erschütterte den Boden, als wollte er ihn gleich mit in die Tiefe reißen, als wäre die Höhle weit weniger massiv, als er bislang geglaubt hatte. Skar sah die begleitende Gerölllawine nur aus den Augenwinkeln, aber er wusste auch so, dass jetzt das Ende kam. Ein wütender Hagel aus kleineren und größeren Felssplittern ging auf ihm nieder; etwas Hartes traf seinen Hinterkopf und ließ ihn taumeln.

Aus dem Splitterregen schoss wie aus dem Nichts eine Gestalt auf ihn zu und er erkannte Kama, den Anführer der Nahrak, der furchtbar zugerichtet war, aber immerhin noch lebte. »Lauf!«, schrie der kleine Mann gegen den Höllenlärm an. »Wir müssen weg hier!«

Die Warnung kommt ein bisschen spät, hätte ihm Skar am liebsten entgegengeschrien. Doch stattdessen stolperte er verblüfft in die Richtung, in die ihn der Nahrak stieß, hinein in ein Spinnennetz von Blitzen inmitten einer flackernden Masse und ohne Esanna loszulassen, die er noch immer fest umklammert hielt. Dicht vor ihm rauschte ein großer Gesteinsbrocken in die Tiefe und er wich mit einer schnellen Bewegung aus. Kama hätte ihn jetzt gar nicht mehr antreiben müssen; er folgte dem Nahrak auch so, als würde ihm eine Stimme in seinem Inneren zuflüstern, dass er nur so noch eine verschwindend geringe Chance hatte hier lebend herauszukommen.

Erneut ging ein Teil der Decke zu Bruch; mehrere große Felsplatten schmetterten auf die Stelle nieder, an der er gerade noch gestanden hatte. Etwas schrie auf - ein animalischer Schrei, kein menschlicher, und er war so laut, dass er das Chaos übertönte und all das in Skar mit sich fortriss, was noch an bewusstem Verstehen vorhanden war. Irgendwo zwischen den Trümmern des verbliebenen Restes blitzte es erneut auf. Ein durchdringender Knall hallte in der Höhle wider, ein Laut wie von einer alles vernichtenden Explosion. Kama sprang vor ihm in das Gewimmel der Khtaám-Larven, dort, wo Minuten vorher noch eine massiv wirkende Wand gestanden hatte, die in Wirklichkeit nichts anderes gewesen war als eine makabre Brutstätte der Larven. Skars Hoffnung, dort einen Fluchtweg zu finden, zerbarst von einem Moment auf den anderen. Etwas Ekelhaftes, nur schemenhaft Erkennbares hatte ihren Platz eingenommen, etwas, das auf den ersten Blick wie ein Schlangennest aussah ...

»Schnell!«, schrie Kama und stürzte auf die Stelle zu, von der aus ein alptraumhaftes Gewirr in die Höhle hineinfingerte.

Als hätten sie nur auf ihn gewartet, stürzten sich die Larven auf ihn. Er schrie auf und wirbelte mit den Händen hin und her, um die Angreifer abzuwehren. Doch immer mehr der dunklen Schatten rasten auf ihn zu, zielgerichtet und ohne zu zögern, als müssten sie sein Vorhaben auf alle Fälle unterbinden.

»Weeiiiiter!«, schrie Kama erstickt, während er taumelnd zu Boden ging, und Skar verstand sofort den Sinn seiner Worte; aus irgendeinem Grund wollte ihn der Nahrak dazu bewegen, in dieses Schlangennest hineinzuspringen, das sich vor ihnen auftat.

Kamas Schrei brach jäh ab. Die graue Wand aus Khtaám Larven hüllte seinen Kopf und seine Schultern nun vollständig in einer Umarmung ein, die ihn wie eine lebendige Wolke zu ersticken suchte - und offensichtlich gelang ihr das auf Anhieb.

Die Zeit war abgelaufen. Auch auf Skar und Esanna raste jetzt eine Gruppe schwarzer Larven zu und er ahnte, dass es nur noch Sekunden dauern konnte, bis es ihnen so wie dem Nahrak erging. Ob das allerdings einen Unterschied machte, wusste er nicht; die Höhle brach vollends in sich zusammen und würde sie so oder so unter Geröllmassen begraben.

Instinktiv stieß er sich ab und schnellte vor, weg von den Larven und über die Reste der Wand hinaus in ein Gewirr von schlangenartigen Fangarmen, dem Ausgangspunkt der Brut und dem Endpunkt seines Kampfes gegen sie. Er kam inmitten grauen Nebels an; etwas seltsam Amorphes schlängelte sich darin, ein substanzloser Wirrwarr von Lichtbahnen und abschreckender Dunkelheit, und dann war er auch schon eingetaucht in das lauwarme, feuchte Etwas. Er rutschte aus, musste um sein Gleichgewicht kämpfen und hätte um ein Haar Esanna fallen lassen in dem Versuch sich rechtzeitig wieder zu fangen.

Der Boden begann wie eine geköpfte Schlange zu zucken, dann durchlief ihn ein abgrundtiefes Zittern - und er erkannte seinen Irrtum. Das, was er für massives Felsgestein gehalten hatte, war in Wirklichkeit nur eine dünne Steinschicht gewesen, die sich über irgendetwas anderem gewölbt hatte, vielleicht einer weiteren Höhle oder einem Abgrund ...

Der Boden unter ihm brach genau in dem Moment zusammen, als das Höhlendach endlich einstürzte. Die Welt ging unter in einer Orgie aus Krach, Donner, Explosionen und so schweren Erschütterungen, als würde es den ganzen Berg zerreißen, und Skar verlor das Bewusstsein, bevor er mit Esanna im Arm in die Tiefe sauste.

2.5

Der erste halbwegs klare Gedanke war Erstaunen, Verwunderung darüber, dass er noch lebte, dass er zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit das Bewusstsein verloren hatte, ohne vollends in die lockende Schwärze abzudriften. Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er spürte seinen Körper nicht, sondern hatte das Gefühl, schwerelos in einem großen, warmen Nichts zu schweben, in dem es kein Oben, kein Unten, kein Rechts oder Links gab, sondern nur Leere und Einsamkeit. Er war sich vollkommen bewusst, dass sich das Dunkel nur widerwillig lichtete, so als zöge ihn etwas immer weiter zurück in die Behaglichkeit grenzenlosen Vergessens, als verspräche ihm etwas das Ende allen Leidens. Aber da war auch noch etwas anderes; ein kaum hörbares Wispern und Herantasten. Es hatte nichts zu tun mit dem mühsamen Emportasten in die Wirklichkeit, wie sonst, wenn er aus einem sehr tiefen, erschöpften Schlaf erwachte. Es war etwas ... in ihm, eine zarte, nur allzu vertraute Berührung, die dennoch so fremd war, dass ihn ein kalter Schauder überlaufen hätte, wenn er seinen Körper gespürt hätte. Das fremde, substanzlose Etwas ließ nicht nach, sondern im Gegenteiclass="underline" Es griff entschlossen nach seinen Gedanken, streckte seine Fühler aus ... wie ein feines, filigranes Netz, das sich fast unmerklich über ihn stülpte, um die Kontrolle über ihn zu erlangen. Das sich langsam steigernde Bohren und Herumstochern wurde allmählich immer unangenehmer, steigerte sich zu einem peinigenden Drängen, bis es so unerträglich wurde, dass alles in ihm danach schrie, die tiefe Schwärze der Bewusstlosigkeit endlich vollkommen abzuschütteln und hinaufzutauchen in die Welt, was auch immer ihn dort erwarten würde. Doch die unsichtbare zähe Wand, die ihn in einem Kosmos aus Schwärze und Wärme gefangen hielt, ließ sich nicht so ohne weiteres beiseite schieben und fast schien es ihm, als wollte sie ihn für immer ins Vergessen zurückdrängen. Er kämpfte dagegen an, versuchte die Fesseln der Ohnmacht abzustreifen, obwohl er sie andererseits genoss: das Gefühl, frei von jeder Verantwortung und Entscheidung zu sein und nicht einmal denken zu müssen, solange er nur nicht die Augen aufschlug. Denn er ahnte, dass die Wirklichkeit schlimmer sein würde als alle quälenden Erinnerungen und als das fremd-vertraute Tasten in seinem Kopf.