Dann berührte eine Hand seine Schulter und der Schleier zerriss; er erwachte. Bevor er überhaupt noch begriff, wo er war und wie er hierher gekommen war, jagte glühender Schmerz durch seinen Körper, ein Schmerz, der keinen Ursprung zu haben schien und sich ausdehnte und in seinem Körper wühlte, als wollte er ihn gleich wieder in die Schwärze des Vergessens zurückschicken. Doch dagegen hatte offenbar jemand etwas. Der Unbekannte schlug ihm ins Gesicht, nicht sehr fest, aber beständig, und eine helle Stimme rief immer wieder seinen Namen.
Er versuchte die Augen zu öffnen, aber es wurde nur ein schwaches Blinzeln daraus, kaum ausreichend, um zu erkennen, dass er auf dem Rücken inmitten einer gewaltigen Trümmerhalde lag. Das schwache grünliche Licht, das diesen Teil der Höhle erleuchtete, blendete ihn zwar nicht, war ihm aber merkwürdig unangenehm und um ein Haar wäre er wieder in das schwarze Treiben zurückgeglitten, das ihn noch immer mit ewigem Vergessen lockte und umwarb.
Eine erneute und diesmal deutlich heftigere Ohrfeige brachte ihn in die Wirklichkeit zurück und dann zerriss der dünne Schleier endgültig, den die Bewusstlosigkeit zwischen ihn und seine Sinne gesenkt hatte, und er begann zu begreifen, woher die Bruchstücke und Gesteinsbrocken gekommen waren, die diesen Bereich der Höhle wie eine Abbruchhalde zugeschüttet hatten. Noch immer halb verzerrt von treibenden grauen Schleiern, starrte er in Esannas Gesicht.
Zwei kräftige Hände hatten ihn am Kragen gepackt und halbwegs in die Höhe gezerrt, während Esanna ihn abwechselnd rechts und links ohrfeigte, als sei das der einzige Weg ihn aus dem Reich der Schatten zurückzuholen. Vielleicht war er das auch, denn noch immer fühlte Skar das begehrliche Versprechen der Dunkelheit, nie wieder Verantwortung übernehmen zu müssen, wenn er sich ihr nur ergab.
Esanna schlug noch drei-, viermal zu, dann schien sie endgültig davon überzeugt zu sein, dass er wieder bei Bewusstsein war. Die andere Person, die Skar nicht erkennen konnte, weil sie in seinem Rücken war, zog ihn wie eine willenlose Puppe ein Stück weiter und lehnte ihn gegen einen kalten Steinquader. Sofort sackte er wieder zusammen, aber Esanna zerrte ihn hoch und stützte ihn mit einer fast behutsamen Bewegung, die nach ihren Schlägen seltsam deplatziert wirkte.
»Verstehst du mich?«, fragte sie besorgt.
Er nickte und auf ihrem Gesicht machte sich ein erster Schimmer vorsichtiger Erleichterung breit. »Alles in Ordnung mir dir?«, fragte sie noch einmal.
»Ja«, stöhnte er. »Aber du kannst aufhören auf mich einzuschlagen. Ich habe für heute genug.«
Esanna atmete hörbar auf, ließ seine Schultern los - und griff rasch wieder zu, als er erneut zur Seite zu kippen drohte. Die Schmerzen ebbten allmählich ab, aber in seinem Kopf drehte sich alles und er hätte nicht sagen können, dass er auch nur im Entferntesten eine Ahnung hatte, was genau passiert war.
»Was... ist... passiert?«, fragte er. Seine Stimme war nicht viel mehr als ein heiseres Krächzen, das mit menschlichen Lauten kaum noch etwas zu tun hatte.
»Ich dachte, du seist tot«, sagte Esanna leise. »Du bist voller Blut... und voller Wunden.«
Skar starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal und nickte dann langsam. »Das ... dachte ich auch.«
»Das du tot seist?«
»Ja. Nein.« Skar schüttelte mühsam den Kopf. »Ich dachte, die Khtaám hätten dich erwischt.«
»Die Khtaám? Meinst du damit diese fliegenden Ungeheuer?«, fragte Esanna entsetzt und fügte hinzu, nachdem Skar genickt hatte: »Bei den schwarzen Göttern von Moron: Du kennst diese Monster?«
Skar seufzte und legte den Kopf gegen den harten Stein. Das hätte er besser nicht getan, denn sofort zuckte ein scharfer Schmerz durch seinen Kopf. »Kennen ... ist zu viel gesagt«, murmelte er mühsam.
»Er kennt sie nicht«, stellte eine andere Stimme nüchtern fest.
Skar war nicht sonderlich überrascht, dass sich Kama in sein Blickfeld schob. »Er sie haben vielleicht schon einmal gesehen«, sagte Kama. Er hockte sich wie selbstverständlich neben Esanna auf den Boden, mit übereinander geschlagenen Beinen und einer entspannten Haltung, die seiner blutverkrusteten Stirn und den zerrissenen Kleidern Hohn sprach. »Aber kennen? Nein.«
»Natürlich kenne ich sie«, knurrte Skar. »Ich hatte schon mal das Vergnügen. Vor ein paar ... Jahrhunderten.«
»Nein, nein.« Kama schüttelte den Kopf. »Du nicht haben die geringste Ahnung.«
»Von ... was?«, fragte Skar Kama antwortete nicht gleich und sein Blick ging an Skar vorbei in das wattige Schwarz, das am Rand des von dem grünlichen Licht einigermaßen beleuchteten Höhlenteils wie ein Ungeheuer auf sie lauerte. Skar hatte für einen Moment die absurde Vorstellung, dass sich die Schwärze stückchenweise vorschob, wie ein lebendiges Wesen, das es auf sie abgesehen hatte. Aber vielleicht war es ja auch nicht die Schwärze - vielleicht war es irgendetwas in der Schwärze. »Von dem, was alles zusammenhält«, antwortete Kama schließlich, ohne den Blick von der Dunkelheit zu wenden. »Zusammenhält«, wiederholte Skar. Er versuchte die immer noch drohende Bewusstlosigkeit zurückzudrängen, die sich wie ein schwarzes Tuch über ihn legen wollte. »Was hält denn ... alles zusammen?«
Kama machte ein Zeichen und plötzlich, wie aus dem Nichts, standen zwei weitere Nahrak neben ihnen. Obwohl auch sie von größeren und kleineren Wunden übersät waren, bewegten sie sich mit einer geradezu unglaublichen Eleganz. »Das wirst du noch verstehen«, sagte Kama schließlich. »Aber erst sammle Kraft, damit wir können gehen. Wir hier nicht sind mehr lange sicher.«
Alle drei Nahrak starrten wie gebannt in das Schwarz hinter ihnen und Skar begriff, dass sie vor irgendetwas Angst hatten. Mühsam versuchte er sich weiter aufzurichten, um ihren Blicken besser folgen zu können, aber selbst diese kleine Anstrengung überstieg seine Kräfte. Zudem schien es ihm so, als arbeiteten seine Sinne nicht mehr richtig und zeigten ihm nur noch einen kleinen, auf das Wesentliche reduzierten Ausschnitt der Welt, sodass er kaum mehr erkennen konnte als grünlich angestrahltes Gestein, das sich irgendwo in einer pechschwarzen Nacht verlor.