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»Wo sind die Khtaám?«, fragte er. »Wo ... wo sind wir? Und wo müssen wir hin?«

»Eine Menge Fragen«, stellte Kama fest.

»Die Höhle ist... zusammengebrochen«, sagte Skar. »Und wir sind ... hinabgestürzt«. Er legte den Kopf in den Nacken, ignorierte den stechenden Schmerz in seiner Schultermuskulatur und starrte hinauf in die schwarze Unendlichkeit, aus der sie gekommen sein mussten, hinabgestürzt, nachdem der Boden unter ihren Füßen plötzlich nachgegeben hatte. Doch dort, über ihm, war einfach ... nichts. Die äußersten Ausläufer des grünen Lichtes endeten ein paar Zoll über den Köpfen der Nahrak. »Nach dem Zusammensturz der Höhle ... was ist aus den Khtaám geworden? Wieso haben sie uns nicht verfolgt?«

»Das ist doch nicht wichtig«, sagte Esanna. »Ein Glück nur, dass du den Sturz überstanden hast.«

Skar wandte sich gleichermaßen mühsam wie überrascht zu ihr um. Ihr schmaler, zierlicher Körper wirkte noch zerbrechlicher als der der Nahrak, aber offenbar war sie genauso zäh wie die Hüter des Waldes. Soweit er erkennen konnte, war sie bis auf ein paar Prellungen und einen blutigen Kratzer auf der Wange unverletzt. »Wie ... wie hast du das gemacht?«

»Was gemacht?«

Skar zog ächzend die Knie an den Körper. Die Umgebung verschwamm fast vor seinen Augen und er musste ein paarmal blinzeln, bevor er Esanna wieder einigermaßen erkennen konnte. »Du bist... unverletzt.«

»Ja, ich habe Glück gehabt«, sagte das Mädchen leise. Obwohl Skar das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht entging, setzte er nach: »Die Khtaám hatten dich doch schon erwischt. Ich dachte schon, du seist tot.«

»Ich weiß«, sagte Esanna noch einmal. »Ich habe Glück gehabt. Oder auch nicht...« Sie brach gequält ab. Erst nach einer Weile fuhr sie niedergeschlagen fort: »Vielleicht wäre es besser gewesen, die Quorrl hätten mich gleich erschlagen. Dann wäre ich mit meinem Vater und den anderen zusammen statt... hier.«

Skar nickte. Er konnte sie verstehen. Und doch traute er ihr nicht. Irgendetwas war geschehen, dort oben in der Höhle, kurz nachdem die Khtaám sie angegriffen hatten: Er hatte nicht vergessen, wie sie ein paar der Monstren abgewehrt hatte. Und er konnte sich auch noch allzu gut daran erinnern, dass sie wie tot in einer schmierigen, zuckenden Schicht gelegen hatte, die sie eigentlich hätte ersticken müssen - oder bei lebendigem Leib auffressen.

»Wie hast du die Khtaám vertrieben?«, fragte er.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte Esanna. Ihre Hände zitterten so heftig, dass sie sie in ihrem Schoß versteckte.

»Als sie dich angriffen, hast du die Hände vorgestreckt«, fuhr Skar fort, doch während er es aussprach, kam er sich vor, als würde er einen Frevel begehen, als wäre es besser, nicht an diesen Punkt zu rühren. »Und dann hast du irgendetwas ... gemacht, was sie vertrieben hat. Aber was?« Esanna antwortete nicht, klammerte stattdessen die Arme um die Knie und wippte wie selbstvergessen hin und her. Es war ein bedrückendes Schweigen, das sich in der Höhle ausbreitete, mehr ein Lauern auf eine Gefahr, auf den nächsten Angriff - oder auch auf eine Bemerkung, die besser ungesagt blieb. Aber das war nicht alles, wie Skar fast schmerzlich bewusst wurde. Es war still in diesem unterirdischen Teil des Berges, viel stiller, als es hätte sein sollen. Das Stöhnen und Wimmern der Sterbenden und Schwerverletzten, das nach dem brutalen und hinterhältigen Angriff und dem Sturz aus großer Höhe in seinen Ohren hätte klingen müssen, fehlte und selbst sein eigenes Atemgeräusch klang gedämpft und unwirklich.

»Wo sind die anderen?«, fragte er in Kamas Richtung. Der Mann verstand sofort, was er gemeint hatte: Sie waren fast ein Dutzend gewesen, weiter oben in der Höhle, kurz vor dem Angriff. Jetzt waren die Nahrak nur noch zu dritt.

»Tot«, antwortete er.

Esanna sah zur Seite, als er das sagte und irgendetwas in ihrem Blick irritierte ihn, sodass er ihm folgte ... und innerlich erstarrte.

Nur ein paar Schritte weiter lagen vier, fünf Männer, säuberlich nebeneinander aufgereiht wie für eine bizarre Zeremonie. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Skar die Gemeinsamkeit dieser toten Nahrak begriff, bis er erkannte, dass sie trotz verschiedenster schwerer Verletzungen ein gemeinsames Merkmal hatten: Man hatte ihnen die Kehle durchgeschnitten.

»Wer war das?«, ächzte Skar.

Kama verzichte auf eine Antwort, aber Skar begriff sie auch so. »Ihr ... du ...?«

Kama schwieg lange. Doch dann nickte er und blickte Skar offen in die Augen. »Ja«, sagte er einfach. »Wir sie haben gerettet. Die anderen.« Er zuckte mit den Schultern und der Schatten eines undefinierbaren Schmerzes huschte über sein Gesicht. »Die anderen wir nicht konnten retten.«

»Gerettet, indem ihr sie umgebracht habt?«, fragte Skar fassungslos. »Warum?«

»Wir nicht sie können mitnehmen«, sagte Kama leise, aber so gefasst, wie sonst allenfalls kampferprobte Krieger über den Tod sprachen. »Und wir sie auch nicht können den Khtaám zum Fraß lassen.«

Skar machte eine zornige Bewegung, bereute sie aber sogleich wieder, da ein scharfer Schmerz durch seinen Körper zuckte. »Was soll das alles?«, fragte er ärgerlich. »Warum habt ihr mir dann nicht auch die Kehle durchgeschnitten?«

Kama runzelte die Stirn, was ihn mit einem Mal zehn Jahre älter aussehen ließ. »Weil du der Eine bist«, sagte er dann. »Wir dich schützen. Aber nicht umbringen.«

Weil du der Eine bist. Dieser für ihn vollkommen unverständliche Satz echote noch lange in Skars Kopf herum, auch nachdem er sich wieder ein Stück hatte zurücksinken lassen - gezwungenermaßen, denn auch diese kleine Bewegung löste wahre Schmerzwellen in ihm aus. »Was soll das alles?«, fragte er nach einer Weile. Er machte eine abwehrende Handbewegung, als Kama etwas entgegnen wollte. »Fangen wir ganz von vorne an: Wer hat euch geschickt?« Kamas Gesicht blieb starr, aber Skar spürte, wie die Anspannung in seinem Inneren wuchs. »Das du solltest wissen«, sagte er.

»Ich weiß es aber nicht«, begehrte Skar auf. »Verdammt!« Er keuchte, um der Schmerzwelle in seinem Inneren Zeit zu lassen sich abzubauen, und fuhr dann fort: »Ihr taucht aus dem Nichts auf - kurz bevor diese lebendige Falle zuschnappt ...«

»Eine Falle: Ja«, unterbrach ihn Kama. »Wir dich nicht hätten hierher geschickt, wäre es anders gewesen. Wir dachten, die Larvanda sei sicher.«

»Larvanda!«

Die Augen des Mannes wurden zu schmalen Schlitzen. »Das, was du Höhle in der Höhle nennen würdest, Satai«, erklärte der Mann. »Aber warum du das nicht wissen? Das alles stehen im Elften Buch.«

»Ich kenne dieses blöde Buch nicht«, sagte Skar unwirsch. »Du hättest es lesen sollen«, sagte Kama vorwurfsvoll. »Du hättest es lesen müssen!«

»Wie denn?«, fragte Skar. Er erinnerte sich an Marna, den Satai mit der Goldmaske, der hinter diesem Buch her gewesen war und zu Esannas mittlerweile totem Vater Roun gesagt hatte: Wenn ihr das Buch gefunden habt, dann gebt es Skar mit.

Der Nahrak wirkte ehrlich verwirrt. »Aber du haben das Buch doch an dich genommen und versteckt«, sagte er. »Oben am Wasserfall.«

Skar schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Das habe ich nicht.« Hätte er damals geahnt, dass das Elfte Buch so wichtig für ihn werden würde, hätte er ihm mehr Beachtung geschenkt - und sich weniger Sorgen um Gor, den Quorrl-Kriegsherrn gemacht, dessen Leben er geschont hatte. Kama starrte ihn so bestürzt an, als ob Skar Anstalten gemacht hätte sich mit gezogenem Schwert auf ihn zu stürzen. »Du ... du brauchst doch das Buch«, keuchte er. »Wie sonst... willst du ...«