»Will ich was?«, fragte Skar, als der Nahrak nicht weitersprach.
Kama antwortete nicht gleich. Sein Gesicht glich einer unbeweglichen Maske - bis auf sein rechtes Augenlid, das plötzlich zu zittern begann. »Das haben wir nicht gewusst«, sagte er. »Das ist...«
»Ja?«
Kama schüttelte den Kopf. Ganz offensichtlich kämpfte er um sein inneres Gleichgewicht. »Es ist sehr mächtig geworden, in den letzten Jahren«, sagte er. »Das ändern alles. Aber vielleicht... ist es noch nicht zu spät.«
»Zu spät für was?«, fragte Skar. Es fiel ihm immer schwerer, der Erregung Herr zu werden, die ihn angesichts der Gesprächswendung ergriffen hatte. In ihm war ein unüberhörbares Locken und Wispern, etwas, das sich über den Rand der Bewusstlosigkeit hinübergerettet hatte in die Wirklichkeit, als riefe etwas sehr Fremdes und gleichzeitig sehr Vertrautes nach ihm - und als wüsste dieses Etwas sehr genau, wovon Kama gesprochen hatte.
Der Nahrak machte eine wegwischende Bewegung. Seine Augen starrten blicklos durch Skar und im ersten Moment glaubte er, dass er ein verdächtiges Geräusch gehört hatte, das auf einen bevorstehenden Angriff hindeutete. Doch dann begriff er, dass er sich getäuscht hatte. Es war eher so ... als würde Kama nach Innen lauschen, tief in sich hinein, als suche er dort die Antwort auf die drängenden Fragen nach der für ihn unvorhersehbaren Wendung.
Es dauerte noch eine Weile, die Skar wie eine Ewigkeit vorkam, bevor der Nahrak wieder aus seiner Erstarrung erwachte. »Wenn du nicht gelesen hast, ich müssen dir einiges erklären«, sagte er so langsam, als bereite ihm das Sprechen Schwierigkeiten. »Aber das nichts ändern daran, dass du das Buch brauchst.«
»Wozu?«
»Um zu erfahren, wer in Wirklichkeit dein Feind ist.«
Skar fuhr überrascht zu Esanna um, denn es war nicht der Nahrak gewesen, der diese Worte gesprochen hatte, sondern das Mädchen. Er hatte noch nie zuvor einen so gleichzeitig erschrockenen wie verwirrten Ausdruck auf ihren Zügen gesehen.
»Was meinst du damit?«, fragte Skar scharf.
»Das... das liegt doch auf der Hand, oder?« Esanna schlang noch fester als bislang die Arme um die Knie. »Ich hab es ... mir nur so ... gedacht.«
Einen Moment lang herrschte fast atemloses Schweigen. Obwohl der Nahrak es vermied, in Richtung des Mädchens zu blicken, hatte Skar das Gefühl, als ob ein unsichtbares Band zwischen den beiden so ungleichen Menschen bestand. Aber das war natürlich Blödsinn. Ein Nahrak und ein Digger-Mädchen? Unter normalen Umständen wären sie sich auf Enwor niemals begegnet und es stand außer Frage, dass sie sich vor der Begegnung in der Höhle noch nie gesehen hatten.
Es war der Nahrak, der das Schweigen brach. »Du erst mal solltest dich wieder bekleiden«, sagte er ruhig.
Skar runzelte die Stirn und sah an sich herab. »Huch«, sagte er. Seine Hose, die er hatte herunterlassen müssen, um sich von dem besonders penetranten Tentakel zu befreien, war bei dem Sturz in die Tiefe vollends verloren gegangen. Oberhalb seiner Stiefel bis zum Harnisch war er nackt; blutige Kratzer und bissähnliche Spuren zeugten von den verzweifelten Versuchen der Khtaám von ihm Besitz zu ergreifen.
»Hat vielleicht jemand meine Beinkleider gesehen?«, fragte Skar, während er es Esanna gleich tat, die Knie anzog und die Arme um sie schlang. Die relativ raschen Bewegungen jagten Schmerzschauer durch seinen Körper, die ihm mehr als deutlich zeigten, dass er alles andere als kampfbereit war.
Während er gleichzeitig Esanna einen verstohlenen Blick zuwarf (warum hatte sie nichts gesagt?), tastete seine rechte Hand nach seiner Schwertscheide. Zu seiner Beruhigung fand er den ungewöhnlich verzierten Griff des Tschekals an seinem angestammten Platz vor und er erinnerte sich, dass er das Schwert hatte zurückgleiten lassen, bevor er das Mädchen aus den Fängen der schleimigen, tentakelbewehrten Kreatur befreit hatte. Es war gut zu wissen, dass er zumindest seine Waffe noch in Griffweite hatte.
»Von den Resten deiner Kleidung wir haben nichts gefunden«, sagte Kama ernsthaft.
»Ja.« Skar schloss für einen Moment die Augen und augenblicklich tanzten wieder dunkle Schatten vor ihm. »Es ist ja vielleicht auch nicht so wichtig. Aber... es ist kalt hier.«
»Stimmt«, bestätigte Esanna. »Ich friere auch. Ohne Feuer...«
»Wir hier können kein Feuer machen, selbst wenn wir Holz hätten«, sagte Kama. »Zu gefährlich. Außerdem wir nicht haben viel Zeit.«
»Wieso haben wir nicht mehr viel Zeit?«, fragte Skar. »Fürchtest du, dass die Khtaám uns noch einmal angreifen könnten?«
»Die Khtaám ... vielleicht. Aber sicher ... etwas anderes.«
»Etwas anderes? Was meinst du damit?«
Kama schluckte ein paarmal. Sein Gesicht war jetzt so bleich, dass es sich in dem schwach-grünlichen Licht als heller Fleck abzeichnete. »Es hat viele ... Formen«, sagte er so vorsichtig, als spräche er ein streng gehütetes Geheimnis aus. »Es ist mächtiger geworden seit... seit damals, Skar. Es unterwandert ganz Enwor. Es wird alles mitreißen, wenn wir es nicht verhindern.« Seine Hände verkrampften sich, als wollten sie etwas fassen. »Und dennoch«, fuhr er nach einer Weile fort, »den ersten Sieg hast du bereits davongetragen. Das Khtaám hat versucht dich zu vernichten - oder zumindest dich in seinen Bann zu ziehen. Du musst ihm auch weiterhin widerstehen. Erst wenn dir das gelingt, wirst du den Kampf aus eigener Kraft auf dich nehmen können.«
Skar schüttelte verwirrt den Kopf, eine Geste, mit der er nicht nur seinen Unglauben dokumentieren, sondern auch Zeit gewinnen wollte. Kamas Worte berührten ihn tief, viel tiefer, als er es sich vielleicht im ersten Moment eingestehen wollte. Sie zerstörten irgendetwas in ihm, trieben Risse in eine Mauer, die jetzt langsam zu zerbröseln begann und hinter der irgendetwas lauerte, das vielleicht noch schrecklicher war, als es der Angriff der Khtaám gewesen war. Bruchstücke bereits verloren gegangener Erinnerungen tauchten vor Skars innerem Auge auf. Enwor ist groß genug für mehr als ein Volk, Bruder. Geh. Nimm dir die eisigen Inseln des Nordens. Nimm die Tiefen des Meeres und die brennenden Wüsten, nimm dir die Berge und die Höhlen unter der Erde. Nimm dir jeden Ort, an dem Menschen nicht existieren können und lebe einfach.
Er war sich sicher, dass er das zu irgend jemandem - oder zu irgendetwas - gesagt hatte. Er war sich sicher, dass er bereits einmal den Schlüssel zum Schicksal Enwors in den Händen gehalten hatte... und plötzlich bekam er einen anderen Zipfel seiner Erinnerungen zu fassen, ein Bruchstück von dem Verständnis des großen Zusammenhangs, das ihn schon einmal in den Strudel von Zerstörung und Vernichtung mitgerissen hatte ...
Er stöhnte auf, und ohne es zu bemerken, begann sein Kopf hin und her zu pendeln. Esanna sah auf, zuerst nur beiläufig, aber dann besorgt, als sie sah, dass sein Gesicht alle Farbe verloren hatte, er seine Wangenmuskeln anspannte, als würde er seinen Kiefer mit aller Macht aufeinander pressen, und dass auf seiner Stirn feine Schweißperlen glitzerten.
Plötzlich begannen seine Lippen zu beben und ein röchelnder, unmenschlicher Laut entrang sich seiner Brust. Sein Oberkörper begann leise hin und her zu schaukeln, im Anfang fast unmerklich und dann immer stärker. Schon kurz darauf begann Skar wie in Agonie zu zucken, seine Hände zitterten und sein Kopf bewegte sich immer schneller und ruckhaft, bis er schließlich mit der linken Seite an den Stein schlug, nicht allzu hart, aber kräftig genug, um ihm einen weiteren Kratzer zuzufügen ...
Esanna stieß einen erschrockenen Laut aus. Mit einer hastigen Bewegung richtete sie sich auf, griff nach Skars Kopf und umschlang ihn mit beiden Händen. Er schien die Berührung nicht einmal zu spüren, schlug weiter mit dem Kopf hin und her, als wollte er ihn sich an dem Felsen, an dem er lehnte, einschlagen. Das Mädchen versuchte ihn festzuhalten, versuchte anzukämpfen gegen die mittlerweile fast zornigen Bewegungen, mit denen etwas in ihm aufbegehrte, aber sie war zu schwach, um ihn halten zu können. »Hilf mir«, brüllte sie Kama an.