Fröstelnd zog er die nackten Beine näher an den Leib. Drei Nahrak. Ein ganz und gar ungewöhnliches Digger-Mädchen. Ein halb toter Satai, der keine Ahnung hatte, was er hier sollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals in einer so verrückten Konstellation auf einen Angriff übermächtiger Gegner gewartet zu haben.
Und wieder einmal wünschte er sich, Del wäre hier. Der hühnenhafte Satai hatte mit seiner unbekümmerten und oft respektlosen Art den exakten Gegenpunkt zu ihm selbst gesetzt. Mit ihm zusammen hatte er sich ... ein Stück weit als unbesiegbar empfunden. Nicht in der Art, dass er in jedem Kampf siegreich zu bestehen geglaubt hatte. Auch nicht so, dass er keine Todesfurcht mehr empfunden hatte. Es war einzig und allein so gewesen, dass mit Del zusammen eine Niederlage keine Niederlage gewesen war, nicht im Sinne ihres Wortes.
Er fing einen Blick Esannas auf und zuckte zusammen. Ihr Blick war - zu wissend. So, als hätte sie seine Gedanken erraten. Er erinnerte sich an den Rhythmus ihres Herzschlags, als sie sich an ihn gepresst hatte und es bedeutete ihm gleichzeitig überhaupt nichts und sehr viel. Vielleicht, weil sie gleich alle tot sein würden.
»Ich verstehe das nicht«, sagte Esanna. »Was für eine Bestimmung?«
»Jetzt... nicht«, flüsterte der Nahrak. »Frag jetzt nichts. Wir müssen weg!«
»Weg?«, fragte Esanna. Ihre Stimme klang flach und gleichermaßen gepresst. »Aber wohin?«
Diese Frage, fand Skar, war nur allzu berechtigt. Während er sich von dem Felsen hochstemmte und den brennenden Schmerz in seinem Rücken zu ignorieren versuchte, der wie ein glühender Dolch seine Wirbelsäule hinabfuhr, wurde er sich nur zu bewusst, dass Kama die Führung ihrer kleinen Truppe übernommen zu haben glaubte. Sollte er. Wenn es an der Zeit war, würde Skar ihn eines Besseren belehren. Keinesfalls jedenfalls würde er ihm blindlings irgendwohin folgen.
»Zum Ausgang«, sagte Kama.
»Warum sind wir dann nicht schon früher los?«, fragte Skar. Er stand mittlerweile oder besser gesagt, er stützte sich mit der linken Hand an dem Felsen ab und versuchte das Zittern in seinen Beinen zu unterdrücken.
Kama schüttelte nur unwillig den Kopf und deutete in die Richtung hinter ihnen. »Los jetzt«, zischte er.
Skar stieß sich wortlos ab. Er wusste, dass die Bedrohung aus dem Bereich der Höhle kommen würde, in die die drei Nahrak schon seit Minuten nervös geblickt hatten, und dass sie Kama somit tatsächlich in die richtige Richtung führte. Die Frage war nur, ob sie noch rechtzeitig wegkamen - und ob sie nicht in eine Falle liefen.
Ein Teil seiner Frage wurde sofort beantwortet. Noch bevor sie die ersten Meter hinter sich gebracht hatten, hielten Schatten auf sie zu, die in ihrem Dunkelgrün eine Spur zu tief waren, um ganz von der schummrigen Beleuchtung aufgesogen zu werden. Schatten, die zu wachsen schienen, langsam, fast unmerklich, und die gleichzeitig dunkler wurden, eine Schwärze annahmen, der etwas Widernatürliches anhaftete. Ihm war, als würde ein leiser Ruck durch die Wirklichkeit laufen, als würde sich die Realität um ein winziges Stückchen in jene Richtung verschieben, wo Alpträume und Wahnsinn nisteten, und in seinem Kopf drehte sich alles, während er gleichzeitig Esanna brutal am Arm packte und mit sich zog.
Es war absurd. Bei dem Sturz aus der zusammenbrechenden Höhle irgendwo über ihnen mussten seine gesamten Knochen und sein Rückgrat zusammengestaucht worden sein, wenn er sich nicht sogar bislang unbemerkt gebliebene Brüche eingehandelt hatte; vielleicht hatte er auch innere Verletzungen davon getragen. Seine Beine wollten jedenfalls seinen Befehlen nicht gehorchen und er wäre wahrscheinlich eingeknickt und jämmerlich zu Boden gegangen, wenn ihn Esanna nicht gestützt hätte. Zum wiederholten Male fragte sich Skar, woher dieses schmale Wesen die Kraft dazu nahm.
Dann war es heran; was immer es war. Er nahm die Bewegung nur aus den Augenwinkeln wahr. Aus den dunklen Schatten formten sich bizarre Wirbel, manifestierten sich zu etwas Festem, Stofflichem, schnellen Kriegern ähnlich, die ihre ganze Geschicklichkeit einsetzten, um einen Feind zu überraschen.
Aber es waren keine Menschen. Skars Herz setzte für einen Schlag aus. Dann noch einen. Und noch einen. Als es weiterhämmerte, geschah es mit zehnfacher Schnelligkeit und so hart, dass er schlagartig am ganzen Leib zu zittern begann. Er wartete darauf, dass die Angst zuschlug, aber das geschah nicht. Sein Körper reagierte schneller auf den Schock als sein Geist. Er empfand ... nichts.
Esanna war mitten im Schritt stehen geblieben. Sie zitterte am ganzen Leib und plötzlich war Skar es, der sie stützen musste. Er merkte es nicht einmal. Alles in ihm war nur noch Aufruhr und Panik, wirre Gedanken und Gefühle, die sich nicht bändigen ließen, der Drang wegzulaufen und sich doch gleichzeitig dem Kampf, der eigenen und unaufhaltsamen Vernichtung zu stellen, nur um dem Ganzen so schnell wie möglich ein Ende zu machen.
Es war nur ein Augenblick, vielleicht der zehnte Teil einer Sekunde, aber für diesen winzigen Moment hatte er das Gefühl eine Woge aus kompaktem schwarzem Nichts auf sich zugleiten zu sehen. Irgendetwas war falsch an dieser verschlingenden Schwärze, auf entsetzliche, nicht in Worte zu fassende, aber unübersehbare Weise falsch. Alles in ihm schien nichts weiter als ein einziger Warnschrei zu sein, ein Nichtbegreifen, eine Fassungslosigkeit...
Dann veränderte es sich. Ein waberndes, grünes Licht brach aus der schwarzen Finsternis hervor. Wieder dauerte es nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor es sich abermals änderte, und diesmal so massiv, dass er nicht mehr als ein Stöhnen hervorbringen konnte angesichts des pulsierenden grünen Lichts, dieser ungesunden, diffusen Helligkeit, aus der es herausbrach, die es durchschritt, direkt auf ihn, Esanna und die Nahrak zu ...
Es war ein unerträglicher Anblick, dort, noch etliche Schritte vor ihnen, ein unbeschreibliches Wesen, mit nichts vergleichbar, was ansonsten auf Enwor existierte, nicht mit den Drachen, den die Errish geritten hatten, nicht mit den Ssirhaa, gegen die die Quorrl nichts als harmlose Popanze waren, und auch nicht die Insektenkrieger mit ihren stahlharten Chitinpanzern, gegen die Skar seinen wohl erbittertsten Kampf geführt hatte. Es war etwas wie aus einer anderen Welt und doch vertraut, etwas wie der Urahn der Khtaám, unendlich viel größer als ein Einzelnes dieser nachtschwarzen Wesen und doch von fast gedrungener Gestalt.
Aber dann wurde ihm klar, wie unbedeutend ein Körper war.
In ihm war keine Angst vor dem Tod. Es war tausendmal schlimmer. Er packte die Hand der in Panik erstarrten Esanna und lief los, direkt auf die Kreatur zu und doch von ihr weg. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich einen Körper hatte, oder ob sie nicht vielmehr aus tausenden winziger Larven bestand oder aus etwas gänzlich anderem, was sein Verstand nicht zu erfassen vermochte.
Kama war vor ihm und die beiden anderen Nahrak an seiner Seite, als wären sie noch immer bereit ihn und das Mädchen wie perfekte Leibwächter mit ihrem Leben zu schützen. Dennoch versuchte Skar einen Haken zu schlagen - soweit das die Höhlenwände zuließen - und stürmte wie von Sinnen weiter, sodass sein gemarterter Körper mit einer neuen Schmerzwelle reagierte; die Anstrengung trieb blutige Schleier vor seine Augen. Noch immer hielt er dabei Esannas Hand fest umklammert, mit eisenhartem Griff, als würde sein Leben davon abhängen, und das, obwohl der Tod überhaupt keine Bedeutung mehr für ihn hatte, jedenfalls nicht die, die er für normale Menschen hatte.
Er kam nicht weit. Bitterer, toter Geschmack verklebte ihm Mund und Nase, legte sich auf seine Lungen und nahm ihm die Luft zum Atmen, ließ ihn gierig nach Luft schnappen, während seine Beine mit jedem Schritt schwerer wurden und sein Rücken zu einem einzigen brennenden Flammenmeer wurde. Gleichzeitig schien die Dunkelheit vor ihm intensiver zu werden, als sauge die Erscheinung das letzte bisschen Licht auf, das diesen Teil des geheimnisvollen unterirdischen Komplexes erleuchtete, der sich in eine tödliche Falle verwandelt hatte.