Was aber den Ausschlag gab, waren die Nahrak, die im selben Moment wie er losgestürmt waren und ebenfalls sehr schnell zu begreifen schienen, dass ein Entkommen unmöglich war. Als die Kreatur vor ihnen aus dem grün wallenden Nebel auftauchte, machten sie seine rasche Ausweichbewegung im ersten Moment mit, verlangsamten dann aber schon sehr bald ihre Schritte. Um Kama nicht über den Haufen zu rennen, mussten Skar und Esanna abrupt abbremsen.
Kama breitete die Arme aus und einen Herzschlag lang glaubte Skar, er wollte eine komplizierte Abwehrbewegung einleiten. Doch als sich der Nahrak mit einer abstrusen Drehung zu ihm umwandte, begriff er, dass der Mann fassungslos und mit einer Mischung aus schierem Unglauben und abgrundtiefem Entsetzen auf die groteske Erscheinung gestarrt hatte und nun gleich ihm nicht mehr weiterwusste: In seinen Augen stand ein Grauen, das nicht hätte größer sein können, hätte er alleine einem Tausend-Mann-Heer gegenübergestanden.
»Stehen bleiben!«, schrie er. »Oder wir sein verloren!« Skar hätte dazu keine Aufforderung mehr gebraucht. Er war am Ende seiner Kraft, ausgelaugt von den wenigen Bewegungen, die seinem Körper die letzten Reserven abverlangt hatten und er hätte sich jetzt auch gar nicht mehr vom Fleck rühren können, selbst wenn er gewollt hätte. In seinem Inneren tobte ein Sturm widersprüchlichster Gefühle, während er gleichzeitig keuchend nach Luft rang und versuchte den Schleier vor seinen Augen wegzublinzeln.
Zitternd kam das Ungeheuer näher. Die blutigen Schleier vor Skars Augen lichteten sich, aber er vermochte dennoch das abstoßende Etwas nicht viel klarer zu erkennen als bisher. Das, was er sah, genügte allerdings, um ihn aufstöhnen zu lassen; ein Geräusch, das in einem spitzen Schrei Esannas unterging.
Der Leib des Monsters war riesig, viel größer als der eines Menschen und massig wie eine Flugechse und doch fast durchscheinend, ständig in fließend-glibberiger Bewegung. Dutzende von peitschenden, ineinander verwundenen Tentakeln zuckten aus seinen Schultern, und da, wo sein Kopf sein sollte, war nichts als eine formlose, glitschige Masse, die Flüssigkeit sabberte aus einer Vielzahl kleiner Körperöffnungen, die zu verschwimmen schienen, wenn er versuchte mit Blicken zu erkunden, was dieses Wesen vorhatte. Skars Herzschlag ging hämmernd und laut. Er versuchte seine Gedanken in Bahnen zu zwingen, die der Situation angemessen waren, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren, um ein Schlupfloch zu finden aus der bedrohlichen Lage, aber es funktionierte nicht. Er stand da wie gelähmt und es war, als hätte sich ein unsichtbarer, eisiger Schatten über sein Denken und Fühlen gelegt. Er ahnte, nein, er wusste, dass diese Kreatur verwandt war mit dem tentakelbewehrten Kraken, der ihn am Fuße des Falles von Ninga angegriffen hatte und dessen unglaublicher Kraft er nichts anderes entgegenzusetzen gehabt hatte als die tiefste Entschlossenheit des Satai, der Kraftreserven zu mobilisieren verstand, von deren Existenz die meisten Menschen noch nicht mal etwas ahnten. Doch im Angesichts des vor ihm kreisenden Monsters war er nicht in der Lage, dieses antrainierte Wunder übermenschlicher Kraft noch einmal zu vollbringen.
Er war zu überhaupt nichts mehr in der Lage.
Er stand regungslos da, während das Monstrum auf ekelhafte Art glibberte, sabberte und gleichzeitig zu zerfließen schien und mit der Standfestigkeit einer mächtigen Daktyle verharrte - bevor es zum endgültigen Angriff ansetzte. Seine Tentakel bewegten sich zitternd vor seinem Gesicht auf und ab, aber irgendetwas schien es noch davon abzuhalten, ihn zu berühren. Dann schob es langsam, fast zögernd einen hin und her zuckenden Tentakel auf seine Schulter zu. Als es ihn berührte, jagte ein mörderischer Schmerz durch seinen Arm und setzte jeden einzelnen Nerv in Brand. Er hatte das Gefühl, als würde sein Verstand mitgerissen, als bräche der Damm zwischen seinem bewussten Begreifen und etwas ganz anderem, tiefer Gehendem, das wie ein eigenständiges Lebewesen auf den Angriff reagierte ...
Formlose Scheußlichkeiten, die sich in schwarzrot glühenden Seen aus brodelnder Lava suhlten, aus denen sich gleißende, rote Ströme in die schwarze, erstickende Unendlichkeit ergossen. Schlangengruben voller gestaltloser Schrecken, aus denen der Odem der dunklen, erstickenden Hölle emporwehte, die Hölle, auf der der Druck von tausend Tonnen Wasser lastete, der Hölle, in der nichts als Finsternis war und Schrecken und Tod, eine Hölle, die durch nichts anderes erhellt wurde als durch die breiten Lavaströme und durch makaber leuchtende, grauenvolle Gestalten, Höllenboten mit unglaublich fremdartigen Gesichtern, aufgeblasenen Körpern und grauenvollen Raubtiergebissen.
Es waren keine Bilder, die er sah. Keine Gedanken, die er empfing. Es war keine Erinnerung aus den Tiefen seiner Vergangenheit, keine Form der Kommunikation, sondern etwas vollkommen Fremdes, Bizarres. Für einen Moment, einen winzigen, zeitlosen und doch ewig währenden Moment, schien sein Geist mit dem der Kreatur zu verschmelzen, waren sie wie ein Wesen, das nur zufällig in zwei Körpern wohnte. Er fühlte den Kampf, der tief in seinem Inneren stattfand, kein Ringen unterschiedlicher Kräfte, sondern ein blitzartiges, ungeheures Zusammenprallen zweier entgegengesetzter Pole ungeheurer Macht, ein Gefühl, als explodierte tief in seinem Inneren eine gewaltige, lodernde Sonne, in einem Bereich seiner Seele, der seinem bewussten Zugriff normalerweise verschlossen war.
Er war nicht viel mehr als ein unbeteiligter Zuschauer, Dafür begann etwas anderes mit einer zielgerichteten Aktivität, etwas, das sich bislang so sehr im Hintergrund gehalten hatte, dass er noch nicht einmal seine Anwesenheit bemerkt hatte. Eine Anzahl der Khtaám-Larven, die bisher keine Notiz von ihm genommen hatten, lösten sich aus dem nun plötzlich wimmelnden Hintergrund der Höhle und huschten auf ihn zu, glitten über seine Stiefel und krochen seine nackten Beine hoch. Die Berührung der feuchten, saugenden Füßchen war so widerlich, dass er sie sich am liebsten von der Haut gerissen hätte. Aber nach wie vor war er wie gelähmt. Schwäche und Übelkeit verschleierten seinen Blick. Ein scharfer, stechender Schmerz zuckte durch seinen Schädel, Krämpfe schüttelten seinen Körper und vor seinen Augen tanzten flammende und wogende Schatten, Visionen von unvorstellbarer Fremdheit. Er schrie, verlor sich in den um ihn herum tanzenden Wirbeln.
Schwarze Schlangen aus Finsternis bebten und zuckten auf ihn zu, bizarre Grimassen aus Substanz gewordener Dunkelheit grinsten ihn an, glitzernde Spinnenbeine tasteten sich zitternd in die Luft und etwas Großes, Körperloses, Schwarzes waberte und wogte wie brodelnder Nebel über den Boden, wie eine stürmische, von wilden Windböen aufgerissene See, die an die Küste anbrandete in Abermillionen Jahren währendem Bestreben sich das einzuverleiben, was einst zu ihr gehört hatte, vor unendlichen Zeiten nichts anderes als Meeresboden gewesen war und nun wieder das werden sollte, was ihr einst einverleibt gewesen war und ihr erst durch die Kraft gewaltiger Vulkane genommen worden war... Dann zerstob die Illusion.
Es war wie ein Hieb gewesen, blitzschnelles, wütendes Zuschlagen einer unsichtbaren Macht, der gleichen Kraft, deren Anwesenheit er gespürt hatte, in den Höhlen oberhalb des Falls von Ninga ... das gleiche geistige Flüstern ... und doch auch wieder ganz anders. Ein Verdacht keimte in ihm auf, so selbstverständlich und doch so vollkommen unerwartet, dass er ihn kaum in Worte hätte fassen können. Bilder mehrerer im Todeskampf verbissener, unvorstellbarer Kreaturen tauchten in ihm auf, Bilder, die schon allein deswegen so unverständlich waren, weil es sich nicht um Leben handelte im üblichen Sinne ...