Während er in die Knie ging und dabei Esanna mitzog, weil er - ohne es zu merken - ihre Hand in schmerzhaftem Griff umklammert hielt, tauchte etwas anderes vor seinem inneren Auge auf, ein Fragment, eine Erinnerung an einen Streit in einer gewaltigen Festung inmitten des Drachenlandes, in die ihn ein verzweifelter Kampf gegen ein namenloses Wesen verschlagen hatte. Seine Haut brannte wie Feuer, als wäre er mit einer ätzenden Flüssigkeit überschüttet worden und Esanna schrie und versuchte sich von seiner Umklammerung zu lösen - aber er merkte nichts von alledem. Er war wieder auf Drasks Festung, stand Kiina gegenüber, die ihm die erschütternde Nachricht brachte, wusste Del neben sich und ...
... BEGRIFF Es ist gigantisch, Satai. Es ... es hat Elay überwuchert wie ein Geschwür und... und Tausende verschlungen. Aber nicht alle. Ich habe in der Burg gelebt, am Hof der Margoi. Ich habe vieles erfahren und vieles gesehen. Nicht alle sind mit dem Netz verbunden. Nur die Mächtigen und die Krieger. Es tötet seine Träger, manche in Tagen, andere in Monaten oder Jahren, aber es tötet sie. Vielleicht frisst es sie innerlich auf - ich weiß es nicht. Aber es ist wählerisch. Es beherrscht uns, aber es braucht uns auch.
Das Netz! Dieses ...Etwas, das die gigantische Metropole Elay überwuchert hatte und sich immer weiter schob ... wer sagte ihm, dass es nicht immer weiter gewuchert war in den letzten dreihundert Jahren und sich nicht noch immer weiter ausdehnte. Und vielleicht war es nicht alleine... vielleicht gab es mehr als nur ein Netz!
Der Gedanke zerstob so schnell, wie er gekommen war. Skar schrie auf, ließ Esanna los und schlug die Hände vors Gesicht. Sein Herz begann erneut zu hämmern und das Verlangen aufzuspringen und nur weg-, weg-, wegzulaufen, wurde übermächtig - raus aus diesem Wahnsinn, aus der Konsequenz, die seine Erinnerung mit sich gebracht hatte, dachte man den Gedanken nur ein kleines Stück weiter ... frisst sie innerlich auf... tötet sie ... und weg von der tödlichen Umarmung der Bestie, die sich seiner bemächtigen wollte für einen Zweck, der in der Zerstörung Enwors enden konnte, enden würde, wenn er es zuließ ...
Skar sprang auf. Es war erstaunlich viel Kraft in ihm, beinahe so, als wären all seine Verletzungen wie fortgeblasen, und noch im Sprung riss er sein Tschekal aus der Scheide, um sich mit einem Kampfschrei auf die Kreatur zu stürzen, die für seine Qualen verantwortlich war.
Aber das schwarze Ungeheuer war schneller. Zwei, drei seiner Schlangenarme peitschten in seine Richtung, wanden sich wie dünne, schleimige Vipern um seine Arme und rissen ihn mit einer brutalen Bewegung herum. Er schrie auf. Seine Haut brannte wie Feuer, wo sie von den glitschigen Armen des Ungeheuers berührt worden waren. Ein betäubender Schmerz peitschte durch seine Arme, explodierte in seinen Schultern und lähmte seinen Körper. Die Höhle schien vor seinen Augen zu verschwimmen. Das Ungeheuer ragte wie ein gewaltiger, verzerrter Schatten vor ihm auf. Seine Tentakel hatten sich von Skars Armen gelöst, aber er war trotzdem unfähig sich zu bewegen ...
... und tauche stattdessen wieder in die Vergangenheit ein.
»Es gab noch niemals einen Krieg wie diesen«, hörte er Dels Stimme über die Schranken der Zeit hinweg. »Es geht hier nicht um die Macht in einem Königreich. Es geht nicht um Schätze oder Landgewinn. Es geht nicht einmal um Macht. Es geht um die Existenz unserer Welt.«
»Aufhören!«, schrie Skar und hämmerte sich mit geballten Fäusten selber ins Gesicht, als könnte er damit die quälende Erinnerung auslöschen.
»Vielleicht ist das immer noch besser, als wenn sie von Männern wie dir beherrscht würde«, schleuderte Skar Del entgegen und der Satz war so lebendig, als hätte er ihn nicht vor Jahrhunderten ausgesprochen, sondern erst gerade in diesem Moment.
Er erschrak über seine eigenen Worte und auch Del fuhr wie unter einem Hieb zusammen. Skar begriff, dass er ihn zum allerersten Mal wirklich getroffen hatte, seit sie diesen endlosen Streit begonnen hatten. Seine Worte taten ihm Leid. Aber er spürte auch gleichzeitig, dass sie die Wahrheit gewesen waren. Und dass sie das wenige, was noch zwischen ihnen gewesen sein mochte, endgültig zerstört hatten. Er hatten den Mantel des Hohen Satais getragen, damals, und er hatte Del die Wahrheit sagen gehört... Es geht um die Existenz unserer Welt..., ohne wirklich zu ahnen, was für Konsequenzen das mit sich brachte. Als er den Mantel des Hohen Satais mit zitternden Händen von seinen Schultern gelöst hatte, um ihn vor Dels Thron zu Boden zu werfen, war das der Anfang des Endes ihrer Freundschaft gewesen, eine Freundschaft, die im Grunde erst in dem Moment geendet hatte, als ihn der hühnenhafte Satai niedergestochen hatte. Aber das Schlimme war... in diesem einen Moment hatte nicht er, sondern Del Recht gehabt: Es wäre besser gewesen, ein Mann wie er hätte über Enwor geherrscht, damals, vor dreihundert Jahren, als dieses Etwas, das sich mittlerweile wie eine schwärende Krankheit immer weiter über den ganzen Planeten ausbreitete, mit seinen Fühlern alles unterwanderte, was sich seiner nicht erwehren konnte, getrieben von einem unheimlichen Instinkt, der es nie würde enden lassen, bis nicht alles durchsetzt war von diesem unbegreiflichen Geschöpf, das auf einer Welt wie dieser keine Existenzberechtigung haben sollte.
Es war wie ein Hinübergleiten in eine andere Wirklichkeit. »Verdammt, rede ich so undeutlich oder willst du mich nicht verstehen«, brüllte er Del in seiner Erinnerung an, und gleichzeitig sah er in der Gegenwart, wie sich die Nahrak bei den Händen fassten wie ängstliche Kinder und eine Dreierformation bildeten. Eine Linie aus unerträglich grellem, zischendem Licht jagte im Zickzack über den Boden, brannte eine rauchende Spur in den Boden, berührte fast spielerisch die Ausläufer der Kreatur. Ein grollender und zugleich unheimlich hoher Laut dröhnte in seinen Ohren ... und Dels Lächeln erlosch nach und nach, als er seinem Blick begegnete, und schließlich machte sich so etwas wie Betroffenheit auf seinen Zügen breit. »Was ist nur mit dir geschehen, Del«, flüsterte Skar... und dann traf die zackende Energiespur den Körper der Kreatur.
Der Blitz fror regelrecht ein, wurde zu einem zuckenden, hin und her peitschenden Tentakel aus purer, blauweiß knisternder Energie, der beinahe liebkosend über das unförmige Etwas glitt, das ihnen den Weg versperrte. Doch da war schon ein neuer armdicker Tentakel aus gleißendem Licht heran, schlug sich seine Bahn und ... Del schoss einen zornigen Blick in Skars Richtung ab, aber als er weitersprach, klang seine Stimme fast normal. »Erinnerst du dich, was du uns erzählt hast, als du hergekommen bist? Dass diese Festung eine Falle ist, einzig dazu erbaut, um uns zu vernichten?«
Es war die Höhle, die diese Falle war. Es war nicht das, was er zu sehen glaubte, nicht dieses glitschige, monströse Ding dort vor ihm, das sich als etwas aufspielte, das es nicht war. Es waren die Wände, die Decke, der Boden und jeder einzelne verfluchte Gang in diesem Labyrinth. Die Erinnerung an Del hatte ihm auch die Erinnerung an das Netz wiedergebracht, an das mikroskopische Gewebe, das Steine durchzog, sich durch Decken bohrte. »Großer Gott!«, flüsterte Del entsetzt. »Schaut euch das an. Als ob es aus der Wand herausgekrochen wäre!«
Das Netz war weniger dicht, bedeckte die Wände zwar wie eine kompakte, schwarze Masse, ließ im eigentlichen Gang aber genug Platz, um ihn vorsichtig zu durchqueren und trotzdem erschien es Skar, als fühle er seine dunkle Ausstrahlung hier tausendmal stärker. Was immer das Herz dieses schwarzen Dämons war, es war hier präsenter. Er wusste plötzlich, dass das, was sie das Netz und Kiina den Wächter nannten, nur das Werkzeug von etwas viel Gefährlicherem, Böserem war, die Millionen Arme und Hände einer uralten, durch und durch feindseligen Kreatur.