Und er war ihr jetzt ganz nahe.
Als ihn die Vision verließ, zitterte er am ganzen Körper. Seine Beine waren taub und ein unbeschreiblicher Schmerz zuckte durch seinen Rücken. Er wusste nicht mehr, was Erinnerung gewesen war und was Wirklichkeit; er wusste nicht einmal mehr, ob so etwas wie Wirklichkeit tatsächlich noch für ihn existierte - bis er die neue Entladung sah, die wie ein Blitz durch die Höhle und auf die Bestie zuraste, einer gewaltigen, lodernden Energiekugel gleich, die sich durch nichts würde aufhalten lassen.
In einem gewaltigen Donnerknall barst die Energiekugel; der Boden unter ihnen erzitterte und von der Decke sausten scharfkantige Splitter herab. Es war bei weitem nicht so dramatisch wie beim Zusammenbruch der oberen Höhle und doch war es ein kleiner Weltuntergang. Das Schlimme daran war, dass er wusste, dass es kein Ende haben würde. Was immer die Nahrak taten, um die Bedrohung abzuwehren: Sie würden damit auch diese Höhle zum Einsturz bringen Er wusste plötzlich, dass er etwas tun musste. Die blendenden Energieladungen fraßen sich kalt und zerstörend in die Wände, kräuselten sich auf Boden und Decke und krochen bis zu ihm und Esanna.
»Hört auf!«, schrie Skar. Er kam taumelnd auf die Beine, doch unterhalb seines Bauches, dort, wo blässlichblaue Funken in ihn hineinkrochen, spürte er nichts weiter als ein Brennen und ein ekelhaftes Ziehen, das ihn förmlich zurückzuhalten schien. Er versuchte es zu ignorieren, trotzdem weiterzugehen, aber es funktionierte nicht. Seine Füße versagten ihm den Dienst und er wäre vornübergekippt, wenn ihn nicht plötzlich Esanna am Arm gepackt und mit erstaunlicher Kraft hochgezogen und festgehalten hätte. Einen Moment nur trafen sich ihre Blicke. In dem grünlichen, von Blitzen zerrissenen Licht konnte er kaum mehr erkennen als ihr bleiches Gesicht mit den weit aufgerissenen, dunklen Pupillen. Und trotzdem las Skar eine ganz klare Botschaft in ihren Augen: Tu es!
Mühsam quälte er sich mit Esannas Hilfe auf die Nahrak zu. Sie hielten sich mit festem Griff umklammert, bildeten ein Dreieck, selbstvergessen und ohne aufzusehen, als wollten sie sich an einer magischen Beschwörung versuchen. Ohne genau zu wissen, was sie da taten, war sich Skar ohne Nachzudenken vollkommen sicher, dass es falsch war, von Grund auf und ohne jeden Zweifel. Sie kämpften gegen etwas an, das sich nicht im Kampf besiegen ließ; jedenfalls nicht so, mit ein paar Zauberkunststückchen, welcher Art sie auch immer sein mochten. Er hatte keine Ahnung, woher er diese Sicherheit nahm - vielleicht aus einem Erlebnis aus seiner Vergangenheit, das ihm noch nicht wieder vollständig als Erinnerung zur Verfügung stand oder vielleicht auch nur aus einer plötzlichen Eingebung heraus - aber es war im Grunde genommen auch gleichgültig; er hatte gelernt sich auf seine Intuition zu verlassen und würde es auch diesmal tun.
Ein neuer Blitz raste durch die Höhle, brach seine Energie an den Wänden, erschütterte mit einem dumpfen Knall die über diesem Bereich noch weitgehend intakte, aber stark zerklüftete Höhlendecke und ließ damit erneut eine Wolke aus Splittern und Dreck auf sie herabregnen. Das grelle Zucken, das Donnern von Explosionen riss nicht mehr ab; die Kreatur wehrte sich gegen die Nahrak auf angemessene Art, schleuderte Blitze in ihre Richtung, die Skar an die Scannerwaffen der Errish erinnerten.
Verdammt. Wenn sie so weitermachten, würde das gesamte Höhlensystem einstürzen. Ihr einziger Vorteil war ihre eigene Ohnmacht: Keine der beiden kämpfenden Parteien nahm Notiz von ihnen; sie waren zu sehr mit ihren wechselseitigen Attacken und der Vernichtung der Höhle beschäftigt. Dabei blitzte ganz kurz hinter seiner Stirn der Verdacht auf, dass das Monster die Nahrak absichtlich zu ihrem wütenden Angriff provozierte, um so die Höhle zum Einsturz zu bringen und damit die fünf Überlebenden des Khtaám-Angriffs lebendig unter tonnenschweren Gesteinsmassen begraben zu lassen.
Esanna schien das ganz ähnlich zu sehen, denn sie stieß sich ohne Vorwarnung ab und war mit einem Satz bei den Nahrak. Skar wäre ihr gerne mit der gleichen Eleganz gefolgt, doch er hatte schon alle Mühe überhaupt auf den Beinen zu bleiben und das weitere Geschehen halbwegs zu verfolgen. Das Mädchen streckte die Hand aus in Richtung des Nahrak, der ihr am nächsten stand. Mit einer fast komisch langsam anmutenden Bewegung wandte er sich zu ihr um. Skar erkannte in diesem Moment, dass er sich getäuscht hatte: Die Hände der Männer waren nicht leer. Es war eine Art Stab, den jeder von ihnen fest umklammerte, nicht größer als Jagdmesser, aber rund und aus einem Material, das ihm nur zu bekannt vorkam: Sternenstahl!
Doch anders als bei seinem Tschekal ging ein leichtes Leuchten von dem Sternenstahl in ihren Händen aus. Was immer da vorging, was immer die Nahrak da taten; es hatte wohl kaum etwas mit Magie zu tun, sondern vielmehr mit der Technik der Alten, mit der unbegreiflichen Macht der Menschen, die sich so weit von aller Vernunft entfernt hatten, dass sie sich selbst und ihre Welt fast vollständig zerstört hatten, die das Sternenfeuer über die Welt gebracht hatten, als ob sie nur in ihrem eigenen Tod Erfüllung hatten finden können.
Der Nahrak schüttelte fassungslos den Kopf und es zeichnete sich ein Entsetzen auf seinem Gesicht ab, das Esanna eigentlich hätte davon abbringen müssen, ihre Bewegung zu Ende zu führen. Doch stattdessen packte sie entschlossen zu, griff, ohne zu zögern, an ihm vorbei und ließ entschlossen ihre rechte Hand auf den leuchtenden Stab aus Sternenstahl vorzucken.
Ein ekelhaftes Zischen war genau in dem Moment zu hören, als sie den Stab berührte; ein Laut, als berührte glühendes Eisen Fleisch. Ehe Skar eingreifen konnte wurde Esanna wie ein Spielzeug durch die Luft gewirbelt, flog quer durch die Höhle und krachte gegen eine der Wände, um dann an ihr abzugleiten und wie leblos auf dem Boden liegen zu bleiben.
Die Bestie, die das Ziel der Energieblitze war, stieß im gleichen Augenblick zu, pulsierte mit heftig hin und her schaukelnden Bewegungen auf die Nahrak zu, stieß ein wütendes Zischen aus und schlug mit ihren Tentakeln nach dem ihm am nächsten stehenden Mann. Der Nahrak tauchte mit einer fast spielerischen Bewegung unter dem Angriff hinweg, ohne den Leuchtstab loszulassen, und wich zusammen mit Kama und dem dritten Mann ein paar Meter zurück, um aus der Reichweite des wütenden Angreifers zu kommen.
Das Gefühl, dass hier etwas schrecklich falsch lief, verstärkte sich in Skar. Er hatte gesehen, was die Khtaám anrichten konnten, die winzig waren im Vergleich zu diesem ekelhaften Monstrum, und er konnte sich nicht vorstellen, dass dieser ungeschickte Angriff alles war, was die Bestie zustande brachte. Es hätte nicht seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Krieger bedurft, um darauf zu kommen, dass es nicht mehr war als eine plumpe Finte, die die Nahrak dazu bringen sollte, ihr tödliches Spielzeug zur Entfaltung zu bringen: um sich damit selbst und nicht zuletzt ihn und Esanna unter einem Berg von Gesteinsmassen zu verschütten.
Es gab nur eine Möglichkeit das zu verhindern. Seine Hände hinterließen blutige Abdrücke auf dem Griff seines Tschekals, als es wie von selber in seine Hand glitt. Der Sternenstahl fühlte sich ungewohnt kalt an und gleichzeitig viel leichter, als er eigentlich hätte sein sollen. Aber vielleicht waren auch nur seine Sinne verwirrt. Es machte keinen Unterschied.
Durch ihre Ausweichbewegung befanden sich die Nahrak jetzt genau neben ihm. Das Ungeheuer stand vor ihnen, schwankend und mit zuckenden Tentakeln, und als ein neuer Energieblitz auf es zuraste, in grotesken Ausläufern zerfaserte und es fast vollständig einhüllte, stieß es ein dumpfes, monströses Grollen aus, das trotz seiner grausamen Lautstärke fast unterging in dem Poltern, Krachen und Beben, mit dem jetzt bereits größere Brocken Felsgestein inmitten der Höhle niedergingen.