Die Nahrak schienen die unruhige Bewegung, die sein Tschekal beschrieb, als das zu deuten, was sie war: als Drohung. Dennoch sagte der Mann, der sich zum neuen Wortführer aufgeschwungen hatte: »Es ist niiiiicht gut. Niiiiicht richtig.«
»Je länger wir darüber streiten, umso mehr Zeit vertrödeln wir«, stellte Skar fest. »Ich sehe jetzt zu, dass ich Esanna finde, und dann verschwinden wir von hier.«
»Dann wiiiir kommen mit«, sagte der Nahrak ungerührt. Skar seufzte und drehte sich wieder um, ohne seine ungeliebte Leibgarde weiter zu beachten. Es war eine unwirkliche Atmosphäre, in die er schon nach wenigen Schritten eintauchte. Das grüne Leuchten reichte weiter, als er gedacht hatte, aber es veränderte sich, wurde intensiver, glich eher dem Farbton einer frischen Pflanze, die durch einen kräftigen Regenguss zum Leben erweckt worden war. Auch hier wimmelte und kroch es um die Wände herum; schwarze, dunkle Ungeheuer, ähnlich den behaarten, vielfingerigen Wesen, die er für Khtaám-Larven gehalten hatte, die aber vielleicht etwas ganz anderes waren, vielleicht nicht mehr als eine Manifestation dessen, was sich ganz allgemein hinter dem Begriff Khtaám verbarg.
Skar versuchte diesem widerlichen Treiben keine Aufmerksamkeit zu schenken. Solange sie ihn in Ruhe ließen, brachte ihm eine Auseinandersetzung mit diesen Wesen nichts. Irgendetwas in seinem Inneren flüsterte ihm zu, dass er sich dennoch vor ihnen in Acht nehmen sollte, dass sie jederzeit über ihn herfallen konnten wie eine vor Hunger wahnsinnige Rattenschar - aber dann blieb immer noch genug Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.
Was ihm dagegen akut Sorgen bereitete, war, dass er keine Spur von Esanna entdecken konnte. Es konnte sein, dass sich das Mädchen bei dem Sturz so schwer verletzt hatte, dass sie benommen und ohne zu wissen, was sie eigentlich tat, weggekrochen war, aber genauso gut konnte sie verschleppt worden sein.
»Habt ihr gesehen, was aus dem Mädchen geworden ist?«, fragte er leise.
Der neben ihm gehende Nahrak schüttelte den Kopf.
»Nein. Anderes war wiiiichtiger.«
»Ja«, sagte Skar mit einem ungerechten Zorn in der Stimme, »und deswegen müssen wir sie jetzt suchen.«
»Das wir niiicht müssen«, widersprach der Nahrak.
»Auch jetzt sein anderes wiiiichtiger.«
»Und was?«, fragte Skar fast gegen seinen Willen.
»Dem Khtaám zu entkommen«, sagte der Nahrak. »Und danach deeeen Krieg gegen die Quorrl zu beeeenden. Das Töten muss ein Ende haben.«
»Im Augenblick ist mir dieses Töten herzlich egal«, sagte Skar. »Für den Anfang würde es mir schon reichen, wenn wir endlich aus der Höhle rauskämen. Mit dem Mädchen.« Trotz seiner schroffen Ablehnung spürte er das tiefe Unbehagen, das die Worte des Nahrak in ihm ausgelöst hatten. Er wollte nichts mit einem Krieg zu tun haben, er wollte keine Verantwortung übernehmen - und er wollte nicht von ein paar dahergelaufenen kleinen, waffenlosen Männern zu irgendetwas genötigt werden.
»Es ist etwas daaa vorne«, sagte der Nahrak plötzlich. Skar starrte angestrengt in das Halbdunkel. Auch ihm war während der letzten Schritte eine fast unmerkliche Veränderung aufgefallen; während die hinter ihnen liegende Höhle so groß war wie der Thronsaal der Margoi, kamen sie jetzt in einen schmalen, verwinkelten Bereich, mit vielen Nischen und Vorsprüngen, und teilweise schrumpfte die Breite des Durchgangs auf wenige Schulterbreiten, während gleichzeitig die zerklüftete Decke stellenweise so tief hinabreichte, dass er an einigen Stellen den Kopf einziehen musste. Doch irgendwo, dicht vor ihm, das konnte er geradezu spüren, tat sich wieder eine Höhle auf, die gigantisch sein musste und schon jetzt, kurz bevor sie sie erreichten, das Echo ihrer Stimmen merkwürdig verzerrt zurückwarf. Aber was der Nahrak gemeint hatte, war etwas anderes. Es war etwas, was ihn auf beängstigende Weise an seine Vergangenheit erinnerte, obwohl er wusste, dass er es noch nie gesehen hatte ... und er spürte plötzlich, wie heiß und stickig es hier war und wie etwas seine Gedanken verwirrte, ein Entsetzen, eine Vorahnung oder schon eher das Wissen, dass ihm eine grausige Entdeckung bevorstand.
Der kühle Hauch, der bislang für einen ständigen frischen Wind gesorgt hatte, war einem stickigen, abgestandenen und fast brackigen Gestank gewichen, aber da war auch noch etwas anderes - der süßlich bittere Geruch nach Verwesung und Tod. Seine Bewegungen wurden schwerfälliger und er hatte das Gefühl kaum noch Luft zu bekommen. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise und seine Lungen schmerzten, als hätte er soeben eine außergewöhnliche körperliche Leistung vollbracht.
»Da«, sagte der Nahrak ungewöhnlich aufgeregt und deutete vor sich auf eine Reihe von Nischen, die sich wie aufgereiht vor ihnen an einer fast ebenmäßigen Wand entlangzogen. »Dort ist etwaaas.«
Skar schüttelte verwirrt den Kopf. Es waren nicht nur die Nischen, es war die ganze Höhle, die sich vor ihnen in unglaublichen Dimensionen eröffnete: Er konnte das drohende Unheil geradezu körperlich spüren. Vielleicht würde er hier auf die tote Esanna stoßen, vielleicht aber auch auf etwas anderes, von dem er nichts wissen wollte und das sich ihm in geradezu obszöner Weise präsentieren wollte. Er ertappte sich dabei, wie er den Griff seines Schwerts fester umklammerte, so als habe er Angst, dass es ihm jemand entreißen könnte. Wie kam er bloß auf so verschrobene Gedanken? War es die morbide Atmosphäre hier unten oder war es tatsächlich so etwas wie eine Vorahnung? »Warum du niiiicht gehen weiter?«, fragte der Nahrak. Die Frage war berechtigt, fand Skar, und doch konnte er sich nicht aufraffen auch nur einen weiteren Schritt in die Höhle vor ihm zu machen. Ganz im Gegenteil. Das beklemmende Gefühl in ihm nahm genauso zu wie die Atemnot und aus den vor seinen Augen tanzenden Flecken wurde eine Schwärze, die ihn vollkommen gefangen nahm ... er knickte in die Knie ein und wäre zweifelsohne gestürzt, wenn die Nahrak nicht schnell und konsequent reagiert hätten.
»Es ... geht... schon«, hörte er sich sagen, aber seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren so weit und fern, als würde sie jemand anderem gehören. Zugleich hämmerte sein Herz so laut und heftig, dass ihn jeder einzelne Schlag schmerzhaft durchzuckte. Trotzdem versuchte er die stützenden Hände der helfenden Nahrak beiseite zu schieben. »Wiiir müssen weiter«, sagte der Nahrak.
Die Worte ließen Skar schaudern und er hätte am liebsten Nein! geschrien, denn er hatte die abstruse Vorstellung, die beiden Männer wollten ihn nur wieder zurück in die Höhle schleifen, weg von Esanna, die hier irgendwo vor ihm wartete, und gleichzeitig hatte er die Angst, Decken und Wände konnten aufplatzen unter dem Druck tausender von Khtaám-Larven, und dann durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass vielleicht das gesamte Höhlensystem der Khtaám war und er, Esanna und die Nahrak nichts weiter waren als eine willkommene Zwischenmahlzeit, die auch noch freiwillig in die Verdauungsorgane dieses unbegreiflichen Lebewesens spaziert waren.
»Niiiicht mehr weit«, hörte er die Stimme des Nahrak aus grausamer Entfernung. Aber er wollte nicht zurück, er wollte weitergehen und er musste etwas unternehmen und vielleicht waren ja auch die Nahrak Bestandteile des bösen Spiels, mit dem er hier in die Falle gelockt werden sollte.
2.6
Es war wie ein Traum, ein böser, grausamer, nicht enden wollender Traum, aber er war von fürchterlicher Realität und er dauerte nur Minuten, aber sie dehnten sich zu Ewigkeiten der Qual. Skar zwang sich weiter, Schritt für Schritt, und er wäre gestürzt, wenn ihn nicht die beiden Nahrak gestützt hätten. Zuerst wusste er nicht, ob sie ihn nicht doch zurückschleppten in die Höhle, in der sie Kama zurückgelassen hatten, ohne sich auch nur ein einziges Mal von der Schwere seiner Verletzung überzeugt zu haben. Doch dann drang das weißgrünliche Licht durch seine Lider, das er von außen gesehen hatte und das die Nischen anstrahlte wie eine besondere Kostbarkeit, die es zur Schau zu stellen galt.