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Nach einer Weile ebbten die krampfhaften Schmerzen ab und sein Atem beruhigte sich wieder - und trotzdem war er nach wie vor auf die Hilfe der Nahrak angewiesen, die sich wie huschende, lautlose Schatten bewegten und so sehr mit ihrer Umgebung verschmolzen, dass er sich ihrer kaum bewusst gewesen wäre, würde er nicht ihren sanften und dennoch kraftvollen Druck auf seinen Armen gespürt haben, mit dem sie ihn erstaunlich rasch vorwärts schoben. »Das Wabengespinst«, sagte einer der Nahrak und in seiner Stimme schwang so viel Entsetzen und Überraschung mit, dass Skar unwillkürlich die Luft anhielt.

»Was ... was ist das?«, krächzte Skar. Er riss so weit wie möglich die Augen auf und erkannte nichts anderes als ein feines Gespinst, das sich mannshoch aus den Nischen vorwölbte, sodass sie ähnlich wie eingewobene Statuen aussahen und doch viel bizarrer; er glaubte feine Bewegungen in dem Netz zu erkennen und auch in dem, was dahinter steckte ...

Vor Jahren hatte er einen Sarkophag in einem Tempel von Karanda gesehen, der den auf eigentümliche Art mumifizierten Leichnam des obersten Priesters der Steppenmenschen enthielt, auch dieser hatte sich bewegt: Ekelhaft krabbelndes Gewürm war über den frisch Einbalsamierten gekrochen und in ihn hinein, bis er nahezu eigenständige Bewegungen vollführt hatte: durchaus gewollt, denn so nahm er, glaubten die Steppenmenschen, Abschied von seiner Priesterschaft und den Gläubigen. Erst wenn seine erzwungenen Bewegungen erlahmten, konnte sein Nachfolger die Weihe empfangen.

Das hier aber war etwas ganz anderes. Die auf dem Boden huschenden Monster waren nicht eingebunden in das Zittern und Beben des Gespinstes, das sich über jede einzelne dieser Statuen zog, und es waren auch sonst keine Kreaturen daran beteiligt. Das Gespinst als solches war es, das lebte, ein filigranes Netz, das sich eng um das hüllte, was immer es verbarg und das mit seinem Beben etwas ausdrücken wollte, das er nicht verstand.

»Vorsiiiiicht!«, schrie der Nahrak und packte seinen Arm mit einer erstaunlichen Kraft, sodass Skar gar nichts anderes übrig blieb, als stehen zu bleiben. Als er begriff, dass er fast ins Leere getreten war, schien sein Herz für einen Moment auszusetzen, um dann mit doppelter Wucht und fast schmerzhaft weiterzuhämmern.

Es war ein unglaublicher Anblick. Direkt unter ihm, nur wenige Zoll von seinen Fußspitzen entfernt, tat sich ein Abgrund auf, wie er gewaltiger nicht hätte sein können. Ein Schwall feuchtwarmer, nach Fäulnis riechender Luft schlug ihm entgegen, der Odem von etwas, das nicht nur einen Modergeruch verströmte, sondern auch so präsent war, dass Skar seine Anwesenheit fast spüren konnte.

Aber das war noch nicht alles. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Skar in die Unendlichkeit unter sich, bevor sein Blick nach oben und dann fassungslos hin und her wanderte. Das sonderbar gebrochene und diffuse Licht machte es unmöglich, Entfernungen richtig einzuschätzen, aber Skar war sich sicher, dass er noch nie so etwas Gigantisches gesehen hatte wie diesen Abgrund und den sich darüber spannenden Höhlenhimmel.

Er hatte geglaubt, dass sie in einen engeren und überschaubareren Bereich des Höhlenlabyrinths geraten waren. Aber das genaue Gegenteil war der Falclass="underline" Er war geradewegs in einen so monströsen Bereich dieser unterirdischen Falle gelangt, dass er nicht einmal im Ansatz begriff, wie so etwas existieren konnte, ohne dass sich die Kunde von diesem Weltwunder auf ganz Enwor wie ein Lauffeuer verbreitete - und wie hätte es über die Jahrtausende verborgen bleiben können? Man hätte eine komplette Stadt wie Besh-Ikne oder Went in dieser Höhle verstecken können - vorausgesetzt, sie hätte massiven Boden gehabt.

Aber das hatte sie nicht. Es war nicht mehr als ein schmaler Rand, der sich um diese fast obszöne Öffnung schlängelte, nicht sehr regelmäßig, aber doch breit genug, um die Höhle ohne Gefahr begehen zu können. Die von dem feinen, sich bewegenden Gespinst überzogenen Nischen an den Wänden, die sich zu beiden Seiten von ihm wegschlängelten, waren beklemmend genug, aber diese.... diese übersteigerte Öffnung im Schoß des Berges und der sich darüber wölbende Himmel aus scharfkantigem Gestein überforderten seine Sinne und seinen Verstand.

»Weeeg«, schrie der Nahrak und versuchte Skar zurückzuziehen.

Skar wandte sich zu ihm um, immer noch leicht schwankend, aber mit einer so eindeutig drohenden Bewegung, dass die meisten Menschen automatisch ein paar Schritte zurückgewichen wären, doch die beiden Nahrak dachten gar nicht daran. Sie blieben vollkommen verwirrt und erschrocken stehen - aber weniger seinetwegen als vielmehr wegen dieses unglaublichen Lochs im Boden, in das sie fast hineingestolpert wären und das einen so gigantischen Durchmesser hatte, dass Skar noch nicht einmal den Rand auf der anderen Seite sehen konnte.

»Weeeg«, wiederholte der Nahrak noch einmal, aber statt seiner Aufforderung selbst Folge zu leisten, trat er sogar noch einen Schritt auf ihn zu.

Skar schüttelte den Kopf. Er wollte nicht zurück, hatte es nie gewollt - und nun schon gar nicht mehr, wobei es ihm nicht mehr nur um Esanna ging (war sie vielleicht in diesen unendlichen Abgrund gestolpert?), sondern auch darum, das Geheimnis dieses Schlunds zu ergründen, in dessen Zentrum er den Ursprung der Angriffe vermutete. »Nein«, sagte er, als der Nahrak ihn packen wollte. »Nicht. Lasst mich in Ruhe, beide.«

Schweiß stand auf der Stirn des Mannes und er sah ihn so entsetzt an, als habe Skar endgültig den Verstand verloren, als wäre er bereit freiwillig in den Tod zu gehen. Einen Augenblick glaubte er schon, die beiden würden aufgeben, sich einfach umdrehen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, aber das Funkeln in ihren Augen sprach eine andere Sprache.

Es war ausgerechnet der Mann, der bislang noch kein Wort gesagt hatte, der glaubte ihn mit Gewalt umstimmen zu können. Die Hand des Nahrak krallte sich jetzt in Skars Brustharnisch und riss mit erstaunlicher Kraft an ihm. Wäre Skar ausgeruht und unverletzt gewesen, hätte er den Mann mit einem Schlag seiner flachen Hand zurücktaumeln lassen, um dann nachzusetzen und ihn auf eine Art unschädlich zu machen, die ihm keine ernsthafte Verletzung zugefügt hätte. Doch so war seine Abwehr zu langsam und ungeschickt. Statt die Brust des Mannes traf er seine Schulter. Der Nahrak nahm dem Schlag mit einem Seitwärtsschritt die Energie, glitt in einer eleganten und gleichzeitig blitzschnellen Bewegung an Skar vorbei und war in seinem Rücken, bevor der Satai wusste, wie ihm geschah.

In jeder anderen Situation wäre diese Reaktion richtig gewesen. Am Rande des Abgrunds allerdings war sie Selbstmord. Als der Nahrak das begriff und mit einem gewaltigen Satz zurückspringen wollte, war es schon zu spät. Sein Pech war es, dass Skar genau in diesem Moment mit der Kraft eines gereizten Bären den Ellbogen zurückrammte, ohne sich umzudrehen und ohne in diesem Sekundenbruchteil zu erfassen, was diese an sich recht harmlose Abwehr für Folgen haben konnte.

Der Aufprall schleuderte den Mann zurück, ein, zwei Schritt nur, aber zu weit, um ihn noch rechtzeitig Boden unter den Füßen finden zu lassen. Einen verzweifelten Augenblick lang ruderte der Nahrak wie wild mit den Armen in der Luft. Er stieß einen entsetzten Laut aus und schaffte tatsächlich das unglaubliche Kunststück, noch in der Fallbewegung den Oberkörper vorschnellen zu lassen. Seine Hände stießen vor, auf den Rand des verschlingenden Schachts zu.

Als Skar herumschwang, sah er den Mann im wahrsten Sinne des Wortes hinabfahren. Er reagierte langsam und ungeschickt und mit dem Reflex des stark angeschlagenen Kriegers, der auch dann ohne Nachzudenken handelt, wenn es besser gewesen wäre, erst einmal innezuhalten. Mit einem kurzen, schlecht gezielten Satz sprang er vor, auf den Nahrak und damit auf den Abgrund zu. Als seine Füße dicht am Rand aufkamen, rutschte er noch ein Stück weiter auf die verschlingende Finsternis zu, mehr in Gefahr selbst hinabzustürzen, als dem Mann eine Hilfe zu sein.