Der Nahrak hatte es durch seine artistische Leistung geschafft, den sofortigen Absturz zu verhindern und klebte jetzt regelrecht an der Wand. Seine Finger hatten in der fast glatten Wand kaum genügend Halt gefunden, um sein Körpergewicht zu tragen, und wahrscheinlich wäre jeder normale Mensch schon mit einem Aufschrei in der Tiefe verschwunden, aber er schaffte es sogar, Zoll für Zoll seinen Oberkörper nach oben zu schieben.
Seine Schulter war gerade auf der Höhe des Rands, als Skar auf ihn zugeschlittert kam. Für Skar bedeutete es die Rettung, da so sein Fuß Widerstand fand und nicht Gefahr lief, vollends über den Rand zu schlittern.
Der Nahrak war weniger glücklich dran. Skars Schubser mit dem Satai-Stiefel brachte ihn endgültig aus der Balance, zerstörte das fragile Gleichgewicht, in das er seinen Körper ausgependelt hatte und ließ ihn zurückschwingen. Der Mann stieß einen verzweifelten Schrei aus, kein Wunder angesichts der Unendlichkeit unter ihm; doch trotzdem bewies er auch diesmal eiserne Nerven und unglaubliche Geschicklichkeit, indem er seine Hände zurückriss, ein Stück weit hinabrutschte, um dann wieder in einer gezielten Bewegung vorzuschnellen und sich in der Wand zu verkrallen.
Es war allerdings fraglich, ob er es schaffen würde, sich aus dieser Position wieder von selbst nach oben zu hangeln. Skar konnte ihm nicht helfen, zumindest nicht im Augenblick; dazu war er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wie ein Hochseilartist auf dem Draht breitete er die Arme aus, um sein Gleichgewicht auszubalancieren, damit er nicht Gefahr lief dem Nahrak zu folgen.
»Zur Seite«, zischte der andere Nahrak.
Skar wäre der Aufforderung gerne nachgekommen, aber er registrierte seine Umgebung nur mit einem Teil seines Bewusstseins. Er war fast besinnungslos und fast wahnsinnig vor Angst - einer Angst, die viel größer war, als es angesichts der Situation gerechtfertigt war. Es war fast so, als wäre er nicht mehr Herr seines Willens, als wolle ihn etwas hinabziehen in den Schlund, der ihm wie das weit aufgerissene Maul eines Monsters vorkam. Trotzdem ließ er sich, kaum hatte er das Gleichgewicht wieder gefunden, auf die Knie hinab und streckte die rechte Hand in die lockende Tiefe hinab, nachdem er das Schwert in die Scheide zurückgeschoben hatte. Der Nahrak hatte ein Recht darauf, gerettet zu werden, von ihm gerettet zu werden, denn er war es gewesen, der ihn in diese fürchterliche Lage gebracht hatte...
Er sah den anderen Nahrak neben sich aufragen, spürte seine Hand, mit der er ihn beiseite schieben wollte, auf seinem Nacken. Einem grausamen Reflex folgend, packte er das Handgelenk des Mannes, um es herumzudrehen und den Mann wie eine willenlose Puppe an sich vorbeifliegen zu lassen.
Der Nahrak stieß einen gellenden Schrei aus und versuchte noch im Fall, seinem Körper durch eine schnelle Drehung eine andere Richtung zu verleihen. Aber es war zu spät. Er stürzte hilflos in die Tiefe, ein zappelndes, sich sträubendes Bündel Mensch, ohne die geringste Chance und mit dem sicheren Tod vor Augen.
Auch als Skar sich schon wieder hochgestemmt hatte, hallte sein Schrei noch aus der Tiefe empor. Skar verstand überhaupt nicht, wie es dazu hatte kommen können. Etwas rebellierte in ihm angesichts des unsinnigen Todes dieses Mannes, der nichts anderes gewollt hatte, als ihm zu helfen, und sein Herz jagte, als wäre er um sein Leben gerannt; und ganz beiläufig fragte er sich dabei, wie tief sich der Abgrund eigentlich in die Tiefe bohrte, dass er immer noch den Todesschrei des Nahrak hörte.
In diesem Moment verstummte der Schrei, riss einfach von einem Sekundenbruchteil auf den anderen ab. Es war kein Aufprallgeräusch zu hören, einfach überhaupt nichts mehr. Aber es war klar, was mit einem Menschen passierte, der aus so großer Höhe auf eine harte Oberfläche aufschlug: Er wurde zerrissen, vollkommen zerstückelt und die herumfliegenden Teile seines Körpers würden wie Wurfgeschosse durch die Luft sausen, gefolgt von Hirn- und Knochensplittern, und bei dem Gedanken an den bedauernswerten Nahrak spürte Skar, wie sich eine Eiseskälte in seinem Körper ausbreitete.
Erst nach ein paar weiteren, fassungslosen Herzschlägen begriff er, dass er über den Todessturz den anderen Nahrak vergessen hatte, der noch immer verzweifelt um sein Leben kämpfte.
Ganz vorsichtig schob er sich an den Rand heran, bemüht, nicht die dräuenden Schatten aus seinem Blickfeld zu bannen, die sich unter ihm auftaten. Es kam ihm vor wie ein entsetzlicher, nicht enden wollender Traum, in dem sich Sekunden zu Stunden dehnten und in dem er nicht verantwortlich war für das, was er tat, kaum mehr als ein stummer Beobachter, der seine Handlungen nicht wirklich kontrollieren konnte - und das, obwohl er mit einem anderen, klar gebliebenen Teil seines Bewusstseins durchaus begriff, dass er etwas Schreckliches getan hatte und im Begriff war noch etwas viel Grausameres zu tun.
Der Nahrak war erstaunlich. Mühsam, aber effektiv schob er sich Stück für Stück weiter nach oben. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis er seine Hand über den Rand hinausschob und sich endgültig aus der Gefahrenzone ziehen würde.
Skar schob sich ein Stück vor, weit genug, um sein Vorhaben auszuführen, den Plan in die Tat umzusetzen, den etwas Anderes für ihn bereits die ganze Zeit über verfolgt hatte, und trat ihm mit aller Wucht auf die Hand. Der Mann stieß einen erstickten Schrei aus, schaffte es aber immer noch, sich festzuhalten. Skar musste noch zweimal zutreten, bis er endlich losließ und dem anderen in die Tiefe folgte.
Diesmal war Skar nicht überrascht, wie lange der Schrei des zu Tode stürzenden Nahrak dauerte. Aber er spürte unglaubliches Entsetzen über seine Tat. Ihm war, als wäre er für einen Moment weggetreten, in einen Sekundenschlaf gefallen, um einer vergifteten Eiseskälte Platz zu machen, die sich in seine Seele, in seinen Körper eingeschlichen hatte, um etwas zu tun, was nicht hätte getan werden dürfen. Die innere Qual, das Schuldgefühl, die Selbstanklage und der Geschmack von Schändlichkeit in seinem Mund - auf alles war er gefasst, aber da war noch etwas anderes, ein marterndes Reißen und Zerren, das ihm die Brust zusammenschnürte und die Muskeln verkrampfte, sodass er nur noch schreien wollte, schreien, schreien ...
Ihm wurde übel. In seinem Kopf pochte es und brannte. Ihm war, als würde sein Körper zerbröckeln, in Stücke zerfallen. Verdammt, er war tot gewesen, TOT, und nun war er nur wieder zurückgekehrt, um ein Monster zu werden, um Dinge zu tun, die er sich früher nicht einmal in seinen wildesten Rachephantasien erträumt hatte. Er starrte blind vor sich hin und wurde sich der Leere bewusst, die immer mehr zunahm und sich eng um seine Kehle wand und versuchte ihn herunterzuziehen, hinab in den Schlund, in das lockende Nichts, in den Anfang und das Ende einer ganzen Welt, die hier ihren Ursprung genommen hatte und immer wieder ihren Ursprung nehmen würde, um alles zu überfluten, zu überschütten und mit riesigen Flutwellen zu begraben Er sah und hörte nichts mehr. Er starrte. Er starrte aus seiner Leere in eine Leere. Er starrte aus einem Abgrund in einen Abgrund - von einem Ende zu einem Anfang, von seinem Anfang zu seinem Ende.
Er schob sich vorwärts ... langsam. Die Leere nahm zu. Der Abgrund vertiefte sich. Sein Mund war wie mit flüssigem Blei ausgegossen. Die kleinste Bewegung tat weh. Er hielt inne. Sein Kopf wirbelte. Seine Hände krallten sich in seine nackten Beine.
Aber er sprang nicht. Noch nicht.
Eine neue Plage wand sich wurmgleich aus der Tiefe in sein Bewusstsein empor, ein leises Flüstern, das zur donnernden Gewissheit wurde und ihn durchpulste, als wäre das brennende Schuldgefühl nichts weiter als eine belanglose Nebensächlichkeit. Einen kurzen Augenblick lang versuchte er es niederzukämpfen und zu leugnen, doch dann streckte er die Waffen vor der unbestreitbaren Tatsache, dass er nicht sicher sein konnte, ob er in einer ähnlichen Situation nicht wieder so handeln würde. Es war etwas in ihm, etwas, das ihn als einen willenlosen Spielball betrachtete, und wenn er dieser Gewissheit ihren unausweichlichen Platz einräumte, folgte eine andere: dass er keine Ahnung hatte, was da mit ihm geschah und dass er noch weniger wusste, wie er dem Einhalt gebieten konnte.