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Er schauderte. Ein Gefühl eisiger Kälte durchflutete ihn und ganz plötzlich hatte er Angst, panische Angst. Er wusste, dass er dieses fremde Etwas eingeschlossen halten musste, dass er lernen musste es zu kontrollieren, da es sonst nicht nur ihn, sondern noch weit mehr vernichten würde: vielleicht nicht nur ein paar wenige Menschen, sondern etwas, was das labile Gleichgewicht Enwors endgültig zerstören würde.

Er hatte keine Wahl, er musste sich der Auseinandersetzung stellen; nichts außer seiner Vergangenheit, keine einzelne Erfahrung hatte ihn auf eine solche Situation vorbereitet, konnte ihm einen Hinweis darauf geben, wie er sich zu verhalten hatte - nach einem kaltblütigen Mord. Es mochte Gründe geben, dass sein Instinkt (oder was er dafür hielt) ihn so hatte handeln lassen und möglicherweise gab es einen größeren Zusammenhang, der ihn irgendwann würde begreifen lassen, dass diese unmenschliche Tat ihren ganz eigenen Sinn gehabt hatte und letztlich damit richtig gewesen war.

Aber das war Blödsinn. Jeder Mensch hatte eine Grenze, eine allerletzte Barriere, die zu überwinden bedeutete, alle Selbstachtung zu verlieren und sich einem alles verschlingenden Sog auszuliefern. Er war sich durchaus bewusst, dass ihn eine Kraft antrieb, die stärker war als er selbst, und dass sie ihn den Pforten des Irrsinns und des Todes entgegentrieb, nun, nachdem er seine Grenze soeben überschritten hatte - aber das wusch ihn nicht frei von der Schuld, die er auf sich geladen hatte.

Trotzdem - er konnte hier nicht einfach stehen bleiben in dieser gewaltigen, von einer natürlichen Kuppel überspannten Höhle. Er musste tun, was getan werden musste.

Obwohl ihm allein die Vorstellung großen Widerwillen bereitete, schob er seinen Oberkörper weiter vor, sodass er ungehindert hinabblicken konnte - so weit an das Unbeschreibliche heran, das sich vor ihm auftat, wie er es wagte, ohne vom Sog der Tiefe hinabgerissen zu werden. Je näher er rückte, umso weniger verstand er, was er sah, und noch viel weniger verstand er, welchen Sinn dieser abstruse Schacht hatte, der sich wie ein Höllenschlund vor ihm in die klaffende Tiefe bohrte.

Im ersten Moment hatte er das Gefühl, dass vor ihm der Rand der Welt lag, das große Nichts, die Leere, aus der alles Leben kam und in die es zurückkehrte, ein Abgrund, Meilen um Meilen tief, um im Nirgendwo zu enden, in einer Tiefe, aus der es keine Wiederkehr gab. Soweit es die beiden Nahrak betraf, die er hinabgestürzt hatte, traf das ja auch zu. Aber möglicherweise nicht für das Gekrabbel, das er erst in diesem Moment bemerkte.

Und dann sah er auch, warum.

Das Loch dehnte sich zwar unendlich weit in die Tiefe aus, aber die Innenwand war bei weitem nicht so glatt, wie er im ersten Moment geglaubt hatte: Es taten sich zahllose unterschiedlich große und verschieden geformte Vorsprünge und Auswüchse auf, die nicht leer waren, sondern wimmelndes, kreuz und quer schleimendes Leben beherbergten. Zwischen den Vorsprüngen spannten sich schwarze Felswülste wie steinerne Adern, die in scheinbar willkürlichem Hin und Her nach unten führten und sich an vielen Stellen berührten, ohne sich aber regelrecht zu kreuzen; denn dort, wo sie aneinander stießen, glitten sie übereinander wie riesenhafte, bösartige Würmer, die mitten in der Bewegung erstarrt waren.

Auch auf diesen Wülsten waren die schauderhaften Auswüchse der Khtaám am Werk; ein Wuseln, Krabbeln und Schleimen unterschiedlichster Kreaturen, die hin und her huschten, rauf oder runter, als seien die steinernen Adern nichts anderes als Pfade zwischen dieser merkwürdigen Ober- und einer noch viel unfassbareren Unterwelt. Es war ein Anblick, der ihm den Atem stocken ließ, und plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, machte sich ein dumpfer, quälender Schmerz in ihm bemerkbar, eine völlig neue Art der Pein, fast, als begriffe er erst jetzt wirklich, was er dort vor sich hatte.

Es war so etwas wie die Brutstätte dieser Monster, die sich da unter ihm auftat. Vielleicht lag sie noch viele Meilen unterhalb dieser gigantischen Höhle, aber sie war hier, dessen war er sich absolut sicher. Die Frage war nur, was er mit seinem Wissen anfing. Einen Augenblick lang war er versucht nach einen Felswulst Ausschau zu halten, der ihn nach unten führen konnte, aber dann verwarf er den Gedanken sofort wieder. Selbst, wenn er besser in Form gewesen wäre, wäre es mehr als fraglich, ob ihm ein Abstieg in dieses gigantische Loch gelingen würde. Es war nicht nur die mehr als riskante Kletterpartie als solche, es waren auch die abertausende kleinerer und größerer Kreaturen, die dort auf den Vorsprüngen lauerten, an denen er gezwungenermaßen vorbeikommen musste - oder in die er sogar treten musste, so dicht, wie dort das Gewimmel war.

Er konnte sich nur zu gut vorstellen, dass auch einige Wächter unter ihnen waren, die nur darauf lauerten, dass sich ein Unbefugter zur Brutstätte durchzuschlagen versuchte, um dann gnadenlos über ihn herzufallen. Skar konnte sich nicht an einen einzigen kollektiven Brutplatz erinnern, der nicht hervorragend gesichert gewesen wäre - dass die Khtaám ihren Stammplatz um ein Vielfaches heftiger verteidigen würden als ein Adler seinen Horst, lag dabei auf der Hand.

Das drängende Pochen in ihm zog ihn sowieso in eine andere Richtung. Es waren die in ihrer Ebenmäßigkeit fast künstlich wirkenden Nischen, deren Fädengeflecht sanft und unregelmäßig, aber in einem erkennbaren Rhythmus pulsierte, die ihn anzogen. Der Anblick hatte bereits beim Betreten der Höhle einen fernen Widerhall in seiner Erinnerung ausgelöst, so als hätten sie einen sehr starken Bezug zu seiner Vergangenheit, obwohl Form und Zusammenhang ganz anders waren ...

Fast behutsam richtete er sich wieder auf, warf noch einmal einen letzten Blick in die Tiefe und in das gespenstische Treiben auf den Steinadern, das so vollkommen selbstverständlich wirkte wie der Verkehr auf den breiten Straßen einer großen Stadt wie Besh-Ikne und doch zehnmal erschreckender und hundertmal widerwärtiger war als alles, was er bislang erlebt hatte, und ging dann ein paar Schritte zurück in Richtung der Nischen, die jetzt eine geradezu morbide Anziehungskraft auf ihn ausübten.

Je näher er kam, umso mehr fiel ihm auf, dass die krabbelnde Flut in diesem Bereich der Höhle vor ihm zurückwich. Es war keine Flucht und es war auch kein Anzeichen von Furcht oder gar Panik in ihren Bewegungen erkennbar, sondern eher das Ausweichen wie vor einem Artgenossen, der vollkommen selbstverständlich respektiert wurde. Was für ein grässlicher, widerlicher Gedanke.

Als er der ersten Nische näher kam, erkannte er, dass das feine Gespinst eher einem Kokon glich als irgendetwas anderem, einer Hülle, wie sie Insekten um ihre Eier spannen. Einen Augenblick fürchtete er, das sich raschelnd bewegende Geflecht würde in allen Nischen gleichzeitig aufplatzen und eine Horrorarmee schwarzer, chitingepanzerter Insektenkrieger mit riesigen Klauen und scharfkantigen Scheren hervorspucken, aber natürlich geschah nichts dergleichen. Trotzdem verstärkte sich seine Unruhe und er spürte, wie sich seine brennende Kehle zuschnürte.

Der Griff zu seinem Schwert brachte ihm diesmal keine Beruhigung; als er es zog und spielerisch in der Hand wog, fühlte er sich sogar unruhiger als zuvor, so als habe er Angst davor, dass er mit ihm irgendeinen Unsinn anstellen konnte. Er hatte keine Wahl, wollte er herausbekommen, was es mit diesen verfluchten eingewebten Nischen auf sich hatte, und dennoch scheute er davor zurück, die Distanz endgültig zu überwinden, die ihn noch von dem Kokon trennte.