Выбрать главу

Die letzten wenigen Schritte wurden zur aufreibenden Qual. Beim Anblick des feinen Gewebes, das nach unten viel weitmaschiger wurde, als er es von weitem erkannt hatte, spürte er förmlich, wie ihm das rußig trübe Grau unter die Haut kroch und ihm der säuerliche Geruch, der von ihm ausging, Nase und Kehle verklebte. Sein Blick suchte in dem glänzenden, weißen Kokon ein Zeichen, einen Hinweis darauf, was sich dahinter verbergen könnte. Die zitternden, unregelmäßigen Bewegungen des Geflechts schienen nicht von innen zu kommen, sondern von ihm selbst auszugehen; aber ganz sicher war er sich nicht. In jedem Fall war es ein abstoßender Anblick und er brauchte nicht seine Phantasie zu strapazieren, um zu ahnen, dass das hier mehr war als nur ein zufälliges Naturphänomen. Dann, ganz plötzlich, wusste er, was hinter dem Kokon steckte. Die Umrisse, mochten sie auch noch so undeutlich sein, deuteten eindeutig auf eine menschliche Gestalt hin. Er spürte, wie seine innere Verkrampfung mit jeder Sekunde zunahm, als wollte der auf ihm lastende Druck ihn zerstören. Es war etwas in ihm, das genau wusste, was er vorfinden würde, aber sein Verstand weigerte sich immer noch die Botschaft zu akzeptieren.

Skar begann am ganzen Körper zu zittern und auch sein Kopf zitterte so heftig, dass er kaum noch etwas sehen konnte und plötzlich stolperte er einen Schritt zurück, der ihn fast aus dem Gleichgewicht brachte.

Es war ein Trugbild gewesen, konnte gar nichts anderes sein. Er wusste gar nicht, wie er auf eine solch verrückte Idee kommen konnte. Wie konnte er nur glauben, jemand hinter diesem dicht gewobenen Kokon zu erkennen? Das war unmöglich, vollkommen ausgeschlossen.

Und doch ...

Zögernd trat er wieder vor, auf das übel riechende, abstoßende Gespinst zu, das nun stärker pulsierte, als wolle es sich dem Rhythmus seines schnell schlagenden Herzens anpassen. Sein ganzer Körper brodelte vor Empfindungen, die ihn zu überwältigen drohten. Trotzdem nahm er das Hämmern in seiner Brust kaum wahr, ebenso wenig wie das Zucken und Ziehen in seinen Eingeweiden und das leichte Zittern seiner Schwerthand, das seinem Tschekal zu einem unruhigen Eigenleben verhalf.

Er wollte sich umdrehen, weglaufen, seinen verwirrten Gedanken eine Ruhepause schenken, aber eine Kraft, stärker als er, schien ihn anzutreiben, den Pforten des Irrsinns oder des Todes entgegen, und er steckte das Schwert weg, das ihm jetzt sowieso nichts nutzen würde ...

Esanna? Wenn sie es wirklich war ... aber es konnte nicht sein ... er wusste nicht, warum, aber er war sich sicher, dass es nicht das junge Digger-Mädchen war ... es war jemand anderes, ihm nur zu gut Bekanntes ...

Er hatte noch nicht einmal die Gewissheit, dass es wirklich ein Mensch war, der von dem Kokon eingewoben war, geschweige denn ein junges Mädchen. Keiner der Fäden, die sie umgarnten, war dicker als ein Haar, aber sie erschienen Skar sehr fest und irgendwie... lebendig. Vielleicht täuschten sie nur eine dahinter liegende Form vor, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Vielleicht war es nur eine besonders perverse Form einer Vision, mit der er gefoppt werden sollte.

Aber dieser Gedanke änderte nichts an seinen Empfindungen. Er empfand ein Gefühl abgrundtiefer Trauer und unwiederbringlichen Verlustes. Er suchte nach einer Spur von Leben hinter dem Gespinst oder zumindest nach einer lebendigen Erinnerung an die Zeit ihres gemeinsamen Kampfes und wurde sich ihres Fehlens schmerzhaft bewusst. Neben Del war sie der Mensch gewesen, der ihm für viele, für lange Jahre am nächsten gestanden hatte.

Kiina.

Dreihundert Jahre war es für ihn her, dass er seine Tochter zum letzten Mal gesehen hatte, aber für ihn war diese Zeitspanne nicht mehr als ein Fingerschnippen, und es erschien ihm gerade jetzt als eine Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet Kiina gewesen war, die seinen Tod gerächt und Del getötet hatte.

Kiina. Er hatte nie begriffen, nicht einmal vermutet, dass er glücklich gewesen war, wenn er mit ihr zusammen gewesen war. Sie hatte so viel Kraft und unerschütterliche Hoffnung besessen, selbst in den Momenten größter Verzweiflung nie aufgegeben. Kiina, die Tochter Gowennas.

Er wollte zugreifen, überprüfen, ob das stimmte, was seine Seele nicht infrage stellte, sein Verstand aber nicht fassen konnte, er wollte die Hand vorstrecken, den Kokon zerreißen und sich gleichzeitig davon überzeugen, dass er wirklich die junge Kiina gefangen hielt und sich andererseits aber damit vergewissern, dass es nur eine verrückte Idee war, denn wenn überhaupt ein Mensch hier eingesponnen war, dann sicherlich nicht seine vor langer Zeit verstorbene Tochter. Es waren diese zwei gleich starken Impulse in ihm, die ihn fast wahnsinnig machten ...

Und dann wurde er sich plötzlich der Leere in seinem Inneren bewusst, die immer mehr zunahm und sich eng um seine Kehle wand und versuchte ihn herunterzuziehen, tief hinab in den Schlund, der nur wenige Schritte hinter ihm die Wirklichkeit durchschnitt und hinabreichte bis ins Zentrum des Bösen.

Als ob das noch nicht reichen würde, brach die Erinnerung wie eine Woge über ihm zusammen und er sah sich zurückversetzt in eine andere Zeit, an einen anderen Ort, auf ein Schlachtfeld, auf dem sich der Geruch des Todes mischte mit dem Gestank nach Schweiß, Urin und Blut, und er wusste, dass es eine dunkle Woge gewesen war, die sich in seinen letzten Lebensjahren über Enwor ergossen hatte und weitergeschwappt war, bis auf den heutigen Tag, die nicht eher ruhen würde, bis sie alles mit sich gerissen hatte. Vollkommen deplatziert überkam ihn die Erinnerung, ein Stück seiner Vergangenheit, das ihm wichtig war, aber nicht im Hier und Jetzt seinen Platz haben sollte, obwohl es doch entscheidend sein konnte und irgendetwas - vielleicht - mit dem zu tun hatte, was hier gerade passierte. Er starrte vor sich hin, ohne etwas anderes zu sehen oder zu hören als eine körperlose Stimme aus der Vergangenheit, die Satzbruchstücke ausspuckte, in denen von der Sternenbestie die Rede war und vom Dunklen Bruder, von einer Kreatur, die voller Ungeduld darauf wartete, das Sternenfeuer zu entfachen ...

»Es ist vorbei!«, hatte Kiina gesagt, Stunden vor seinem Tod, und sie hatte es immer wieder gesagt, als hätte sie gehofft, dass es dadurch Wahrheit würde, »Alles wird wieder werden, wie es war. Du ... du wirst doch wieder anders! Es ist doch vorbei! Es gibt keinen Grund mehr für dich, so ... so ... so anders zu sein!«

Er wusste, dass unmöglich dreihundert Jahre vergangen sein konnten, seit sie so mit ihm gesprochen hatte, und doch konnte es nicht anders sein, und in welcher Weise er auch an die Zeit dachte - es waren und blieben dreihundert Jahre, und nun, nach Jahrhunderten, stimmte es einfach nicht mehr, war es schief und verkehrt. Doch das Nachdenken darüber führte zu nichts, denn er hatte keine Ahnung, wie lange er noch dagegen ankämpfen konnte - gegen was auch immer es war, was in ihm die Herrschaft beanspruchte. Er sah das feine Gespinst des Kokons vor sich und spürte, noch bevor es wirklich geschah, die nach ihm greifenden Fäden in sich einsickern, und was immer ihn nun erwarten würde - er befand sich nach wie vor jenseits der Zeitbarriere, dutzende von Jahrzehnten von der jungen Kiina getrennt, die scheinbar alterslos hier überdauert hatte, und es gab keine Möglichkeit für ihn, wieder auf die andere Seite zu gelangen ...

Nie mehr! Die allgegenwärtigen Fäden ließen jeden Zweifel daran verstummen und schließlich musste er einsehen, dass die in ihm schäumenden Erinnerungen nichts weiter waren als alter Ballast, der vielleicht - aber eben auch nur vielleicht - etwas mit der heutigen Situation zu tun hatte. »Die Macht hat die ganze Zeit über in deiner Seele geschlummert, Skar. Es hat immer Männer wie dich gegeben, seit den Zeiten der Alten, und sie haben ihre Macht weitervererbt, meist, ohne auch nur zu ahnen, wer sie waren.« Es war nicht Kiina gewesen, die das gesagt hatte, sondern Yul, eine Errish, die ihm im gleichen Atemzug das Geheimnis der Ehrwürdigen Frauen verraten hatte und noch mehr. »Die Waffen der Alten sind mit ihrer Welt untergegangen, während die Sternengeborenen ihre Schöpfer überdauerten«, hatte sie gesagt. »Denn was sie schufen, war Leben. Leben, das nur einem Zweck diente: zu töten.«