Aber was hatte das mit ihm und Kiina zu tun? Oder mit ihm selbst? Eine Erinnerung schoss durch seinen Geist, blitzschnell, aber nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Töten. Nur ein Zweck. Töten.
... UND DASS ER UNSTERBLICH WAR, DENN ES VERMOCHTE SICH ALLEN NUR DENKBAREN VERÄNDERUNGEN ANZUPASSEN.
Töten - auch das hatte ihm die Errish gesagt. Töten. Aber er wusste nicht, was es mit ihm zu tun hatte und was Nur ein Zweck in diesem Zusammenhang zu bedeuten hatte. Es sei denn, er schaffte es, diese Spur aufzunehmen, diesen immer wieder abdriftenden Gedanken, dass er nur einem Zweck diente: zu töten.
Als die logische Schlussfolgerung in Skars Bewusstsein drang, kämpfte er sie nieder und versuchte sie zu vernichten, doch sie wollte nicht sterben, sie wollte ihm zuschreien, dass er schuldig wäre ... und er hörte wieder den Schrei, der plötzlich abriss, erst den einen und dann den anderen, bis die beiden Nahrak tot und zerschmettert unten bei der Brut lagen, die sich wahrscheinlich schon schmatzend und saugend über ihre Überreste hergemacht hatte. Die Konsequenz war ungeheuerlich. War er nur geschaffen worden, um zu töten? Er presste die Hände gegen die Ohren, als könnte er damit das Hämmern in seinen Gedanken eindämmen, dieses Reißen, das seinen Kopf auseinander sprengen wollte. Und wieder behauptete etwas in ihm, DASS ER UNSTERBLICH WAR.
Nein!
ES VERMOCHTE SICH ALLEN NUR DENKBAREN VERÄNDERUNGEN ANZUPASSEN.
Nein! Untersterblichkeit - er hatte sie verweigert, irgendwann, im Angesicht der Sternenbestie, mit der er verschmolzen wäre, hätte er nachgegeben, auf der verbotenen Insel, die kein Mensch betreten durfte, und vielleicht war es gar keine Unsterblichkeit gewesen, sondern so etwas wie Langlebigkeit oder auch nur Lebensverlängerung, die er hätte erlangen können, oder etwas Ähnliches, aber vollkommen anderes, weil sein Menschsein nicht genügte, um es zu verstehen. Aber wieso ... wieso war er dann ... hier? Wenn es wirklich stimmte, dass dreihundert Jahre vergangen waren - und daran zweifelte er keineswegs, nach allem, was er gesehen hatte -, dann war seine Existenz in höchstem Maße widernatürlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er tatsächlich wieder geboren worden war; das war zu phantastisch, widersprach zu sehr den Erfahrungen der menschlichen Rasse, als dass er das wirklich akzeptieren konnte. Vielleicht hatte er die ganzen Jahre in einem lebensverlangsamenden Koma gelegen, das den Alterungsprozess während dieser Zeit so sehr verlangsamt hatte, dass er all die Jahre im Tiefschlaf überstanden hatte ...
Seine Gedanken purzelten durcheinander und während er doch gleichzeitig versuchte eine Entscheidung zu treffen und irgendetwas zu tun, stand er gleichzeitig wie erstarrt da. Er war bleich, fast grau im Gesicht, fühlte sich aber dennoch erhitzt und seine Augen blickten glasig starr, als wüte ein Fieber in ihm, und dann zwang ihn wieder die Erinnerung in alte Bahnen, als wollte sie ihm damit etwas mitteilen, eine geheime Botschaft übermitteln ...
Du hast Recht, Skar. Wir können diesen Krieg nicht gewinnen.
War es wirklich die Errish Yul gewesen, die vor unendlich langer Zeit entschieden hatte, wie viel Wahrheit er in einer gewissen Zeit ertragen konnte und wie viel nicht? Vielleicht war die Erinnerung an sie jetzt nicht viel mehr als ein Aufflackern der gegenwärtigen, nicht erträglichen Wahrheit. Vielleicht war da etwas in ihm, das gerade sagte: Du hast Recht, Skar.
Wir können diesen Krieg nicht gewinnen.
Wir? Skar zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Wer war wir? Was hatte Kiina damit zu tun, was jetzt passierte, hier und heute, während er in dieser gigantischen Höhle gefangen war? Was, bei allen Göttern, hatte sie mit diesem Krieg zu schaffen, der bereits überall auf Enwor seine Spuren hinterlassen hatte, einem Krieg, den Satai und Digger gegen die Quorrl führten oder der doch nur die Spitze eines Eisbergs war, und was hatte sie zu tun mit den Khtaám und dieser Höhle und dieser Brut in dem unendlichen Schacht?
Kiina war tot und das war die ganze Wahrheit. Vor dreihundert Jahren war sie ein junges Mädchen gewesen. Was, bei allen Feuerdrachen, sollte sie dann heute sein? Was sollte sie mehr sein als eine bereits vollkommen verweste, zu Staub zerfallene Leiche?
Während er noch fassungslos dastand, mit nicht angespannten und doch bis zum Zerreißen überanstrengten Muskeln, bemerkte er eine Veränderung in dem feinen Gespinst, die beinahe so wirkte, als ergriffe ein feiner Luftzug den Kokon und wirbele ihn durcheinander. Einzelne Fäden stießen aneinander und verklumpten, bildeten ständig wachsende Knotenstellen; wie ein Netz aus der Haut gequollener Adern, die Stück für Stück durch die ständig größer werdenden freien Stellen sichtbar wurden.
Schon nach wenigen Sekunden schälte sich dahinter tatsächlich der Umriss eines Menschen heraus, eines schlanken, nackten Menschen, der in grotesker Erstarrung von dem jetzt gröber gewordenen Geflecht gehalten wurde. Jeder Knochen und jeder Muskel in Skars Körper schrie vor Schmerz, als er sie erkannte.
Kiina!
Es war tatsächlich seine Tochter, und zwar ganz so, wie er sie in Erinnerung hatte - auch wenn er sie nur sehr unvollkommen erkennen konnte, immer noch vollständig verhüllt von dem Netz, dessen Veränderung sich jetzt verlangsamte und dann ganz zum Stillstand kam. Der Anblick traf ihn so, wie er erwartet hatte, nur hundertmal schlimmer. Über seine Wange rann eine Träne und ein salziger Geschmack benetzte seine Lippen, während er gleichzeitig wie erstarrt dastand, unfähig, auch nur die Hand zu heben. Seine Tochter. Sie um Jahrhunderte überdauert zu haben: welch grauenvoller Gedanke. Und doch war da noch etwas anderes, etwas, das ihm einen Hauch von Hoffnung vermittelte, während es doch gleichzeitig so schrecklich war, dass er am liebsten den Gedanken nicht weiterverfolgt hätte: Aber, bedenke, Skar: Die Macht hat die ganze Zeit über in deiner Seele geschlummert. Es hat immer Männer wie dich gegeben, seit den Zeiten der Alten, und sie haben ihre Macht weitervererbt, meist, ohne auch nur zu ahnen, wer sie waren. Wer die Macht weitervererbte, gab damit auch alles Kranke, Verderbte mit, aber auch alle Fähigkeiten und damit eine fast übermenschliche Kraft. Er starrte auf das Wesen, das wie seine Tochter aussah und es deshalb für ihn auch war; und nicht die mitten in der Bewegung erstarrte Puppe, die andere in ihr vielleicht gesehen hätten. Wenn er selbst dreihundert Jahre unbeschadet überstanden hatte - und das, obwohl er sich bereits tot geglaubt hatte -, dann hatte sie es vielleicht auch. Wenn Kiina im Besitz der gleichen Macht wie er selbst war, dann befand sie sich vielleicht in einer Art Dämmerschlaf...
Es war ein so grotesker Gedanke, dass er sich unter normalen Umständen geweigert hätte ihn weiterzuverfolgen. Aber in seiner Situation war nichts mehr normal; er hatte eine Grenze überschritten, von deren Existenz die meisten Menschen noch nicht einmal eine Ahnung hatten und die zu überwinden nichts als Unglück bedeutete - aber er konnte es nicht mehr rückgängig machen. Seine Muskeln spannten sich an, doch sein Körper versagte ihm den Gehorsam; es hatte ihn eine plötzliche und unerwartete Lähmung ergriffen, die nicht bereit war nachzulassen.
Er nahm alle Kraft zusammen und kämpfte gegen die Panik an, die ihn bei dem Gedanken ergriff, sich nie wieder frei bewegen zu können. Er kannte verschiedene Giftsorten, die partielle oder vollständige Lähmungen verursachten, und er konnte sich durchaus vorstellen, dass sein jetziger Zustand die Spätfolge der Khtaám-Angriffe war, bei denen sicherlich giftige Körpersäfte in seine Adern gelangt waren. Seine Hände schienen wie durch weiß glühende Lava zu gleiten und durch seine Arme raste ein unbeschreiblicher Schmerz; aber dann schaffte er es wenigstens, die Finger zu bewegen. Schließlich gelang es ihm im nächsten kleinen Schritt, seine verkrampften Nackenmuskeln zu lockern und seinen Kopf leicht kreisen zu lassen.