Er bedauerte es sofort, denn dadurch kamen die anderen, benachbarten Nischen in sein Blickfeld. Der Anblick überraschte ihn so stark, dass er keuchte. Überall hatte der gleiche Prozess eingesetzt wie bei dem Kokon vor ihm, überall hatte sich das zuvor filigrane Gewebe verklumpt, wodurch eine - wenn auch eingeschränkte - Sicht auf die bislang verborgen gebliebenen eingesponnenen Menschen möglich wurde.
Er hatte sich keine Gedanken gemacht, wer dort gefangen gehalten worden sein könnte. Dass das ein Fehler hätte sein können, hätte er nicht für möglich gehalten. Doch jetzt begriff er seinen Irrtum: So weit sein Auge auch reichte, so viele eingewobene Nischen er auch im Blick hatte; überall war das gleiche Bild, überall waren es junge Frauen, die von dem Netz nur noch unvollständig verhüllt wurden.
Aber es waren nicht irgendwelche Mädchen. Immer und überall blickte er auf den Körper Kiinas, auf das gleiche schmale, blasse Gesicht, auf die exakt identische Haltung des leicht vorgeschobenen Oberkörpers und der eng zusammenstehenden schlanken Beine...
Ein eisiger Splitter schien in sein Herz zu fahren. Er verstand nicht, was er sah, aber er wollte es auch gar nicht verstehen. Irgendwo in einem verborgenen Winkel seines Gehirns regte sich Widerstand, ein letztes Aufbegehren seines Verstandes, der ihn zwang wegzublicken und sich auf das zu konzentrieren, was vor ihm lag. Es kann nicht sein, flüsterte eine Stimme in ihm, Kiina kann nicht mehrfach existieren. Oder vielleicht doch?, wehrte sich eine andere Stimme. Vielleicht existierst du selbst auch mehrmals. Vielleicht hast du auch in mehreren dieser Kokons gestanden, dreihundert Jahre alt, vielleicht bist du nicht nur der eine Skar, sondern nur einer von der Gattung Skar, und vielleicht gibt es noch andere Skars ...
Skars Mund war weit aufgerissen, aber er wehrte sich; wehrte sich gegen die tanzenden Schatten des Wahnsinns, die nach ihm greifen wollten, um ihn mitzureißen in den Taumel sich überschlagender und gegenseitig auslöschender Gedanken und Gefühle. Die Nische vor ihm und mit ihr die halb freigelegte Kiina verschwand wie im Nebel und ein Gefühl durchflutete ihn, als wollte sich seine ganze Umgebung, als wollte sich die ganze Welt auflösen. Sein Kopf drohte zu bersten und ihm war, als drückten sich zwei riesige Daumen in seine Augen. Alles, was an ihm Körper war, schien sich in seiner Kehle zu konzentrieren, aus der ein Schrei des Entsetzens entweichen wollte.
Dann war es vorbei.
Es hatte sich nichts geändert und er wusste noch immer nicht, was die anderen Kokons in den vielen weiteren Nischen umhüllten - aber er blendete es aus seinem Verstand aus, verschwendete nicht mehr einen einzigen Gedanken daran. Ihn interessierte nur noch, was vor ihm war. Jetzt war es an der Zeit zu überprüfen, was es mit der Kiina vor ihm auf sich hatte; was mit den anderen Nischen war, wer dort in dem jeweiligen Kokon steckte - Kiina 2, Kiina 3, Kiina 4? Bei dem Gedanken daran explodierte erneut ein scharfer Schmerz hinter seiner Stirn -, war im Augenblick vollkommen nebensächlich.
Nach ein paar qualvollen Minuten gelang es ihm, röchelnd und schwer atmend seinen Arm zu heben, während er gleichzeitig seinen verspannten Nacken ein Stück vorwärts zwang. Das Blut in seinen Adern schien dick und zähflüssig wie in einem verstopften Kanal zu fließen und Arme und Beine waren so hart und steif, dass er sich wie eine zum Leben erwachte Statue vorkam. Es war ihm beinahe so, als müsse er jeden einzelnen Finger hochstemmen, doch immerhin kehrte mit jeder Bewegung ein Stück der alten Elastizität zurück.
Seine immer noch verkrampften und schmerzenden Finger fuhren prüfend über das filigrane, unregelmäßige Netz, das Kiinas nackten Körper nur unvollständig bedeckte. Das Gewebe der dünnen Fäden ... Es fühlte sich fast lebendig an. Warm und wie von strömend warmem Blut durchflossen. So ganz anders als die ekelhaften Tentakel der Khtaám und doch auf irgendeine perverse Art und Weise mit ihnen verwandt. Was aber das Merkwürdigste war: Während er über das Gespinst strich, schien Lebenskraft in ihn zurückzukehren. Mit jeder Berührung brach die Starre weiter auf, die ihn bis zuletzt gefangen gehalten hatte, und statt Chaos und Irrsinn begann so etwas wie Entspannung in ihn einzukehren, fast unmerklich zuerst und dann immer deutlicher, bis sich eine warme Trägheit in ihm breit machte, die so gar nicht zu der Situation passte, in der er sich befand.
Seine mittlerweile wieder voll beweglichen Finger verharrten viele Herzschläge lang auf dem dünnen Gewebe. Er konnte Kiina jetzt ganz genau erkennen, beinahe so, als würde er sie durch ein engmaschiges Fischernetz hindurch beobachten. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sie es war. Die fein geschwungenen Augenbrauen, die von Gowenna geerbte Mund- und Nasenpartie, die sich bei einem ihrer gar nicht so seltenen Wutanfälle so charakteristisch zusammenzog, dagegen aber so anmutig sein konnte, wenn sie lachte und unbeschwert war, die Haare, die ihr wie üblich etwas wirr ins Gesicht hingen und perfekt zu dem temperamentvollen Funkeln in ihren Augen passten...
Augen, die jetzt allerdings stumpf und starr geöffnet waren, und, obwohl ihre Farbe und Form perfekt mit seiner Erinnerung übereinstimmten, eher an den leblosen Blick eines toten Fisches erinnerten ...
Ihm war, als ersticke er, wenn er in diese Augen blickte. Kiina wirkte blass und fast durchsichtig wie eine wertvolle Porzellanpuppe, wie sie etliche Könige der alten Zeit nach dem Abbild ihrer Kinder hatten anfertigen lassen, doch sie sah dabei vollkommen menschlich und natürlich aus. Nur die Augen ... Er schauderte.
Er wusste nicht, wie lange er so dagestanden und sie stumm betrachtet hatte. Es wurde Zeit, sich davon zu überzeugen, mit wem er es zu tun hatte, aber er hatte Angst Kiina zu berühren - oder das, was so aussah wie sie, so täuschend echt, dass es niemand anders sein konnte als sie selbst. Er verspürte das unendliche Verlangen sie in den Arm zu nehmen und hatte doch Angst menschliche Wärme zu spüren. Er hatte Angst vor der Hoffnung. Vor der bitteren Enttäuschung, die unweigerlich kommen würde.
Ihre weit geöffneten Augen starrten gleichzeitig an ihm vorbei und blickten ihn doch direkt an. Er blinzelte ein paarmal, wich einen halben Schritt zurück. Seine Phantasie ging mit ihm durch. Und doch fürchtete er, es könnte plötzlich ein Zittern durch ihren Körper gehen, sie könnte von einem Moment auf den anderen den Kopf bewegen, ihre jahrhundertealte Benommenheit abschütteln und mit einer kraftvollen Bewegung das Netz zerreißen, um direkt auf ihn zuzugehen.
Nichts dergleichen geschah. Schließlich tat er das Einzige, was einem Krieger anstand. Sein Tschekal glitt wie von selbst aus der Scheide. Mit gleichzeitig schnellen wie geschickten Schnitten schlug er eine kreisförmige Figur in das Netz. Keine Sekunde verschwendete er dabei mit dem Gedanken, ob er damit nicht vielleicht etwas Lebendiges verletzte oder sogar tötete. Die Klinge fuhr dicht unterhalb von Kiinas Hals in das Gewebe, trennte es bis zu ihrem Oberschenkel und schließlich ihrem Knie auf und fuhr dann auf der anderen Seite wieder zu ihrem Hals hinauf.
Wie ein Stück Stoff sackte das netzförmige Gewebe zusammen und glitt auf den Boden. Kiina war frei, nichts behinderte sie mehr. Aber auch ihn hinderte nun nichts mehr sie zu fassen und hinauszuziehen aus dieser Grotte, die zu ihrem Gefängnis geworden war.
Und doch ... Es waren die anderen Kiinas, die ihn an dem zweifeln ließen, was er tat. Was immer es war, was dort vor ihm stand: Es konnte kein Mensch sein. Es gab keine Menschen, die sich wie ein Ei dem anderen glichen, außer vielleicht manche Zwillinge. Soweit er in der schummrigen Beleuchtung aber erkennen konnte, waren es mehr als ein Dutzend Kiinas, die hier auf ihre Erweckung warteten. Wenn er Gewißheit haben wollte, dann brauchte er bloß die Hand auszustrecken. War diese Kiina kalt und hart wie Stein, dann wusste er Bescheid. Wenn nicht - dann würde er weitersehen.