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Skar spürte, dass seine Augen feucht wurden. Er begriff es nicht. So viel Leid. So viel Entbehrung. So viel Verzicht. Nur, um nach einem viel zu hektischen Leben von einem See ausgespuckt zu werden hinein in einen unbegreiflichen Wahnsinn, nur um seine Tochter - oder was oder wer auch immer das hier war - an diesem vollkommen verrückten Ort wieder zu begegnen. Die mit ihr verbundenen Gefühle und Erinnerungen brachten nichts weiter als die Erkenntnis, dass nichts im Leben vollständig vorbei war, was einen irgendwann einmal wirklich berührt hatte.

Er streckte behutsam die linke Hand vor.

»Ich würden das nicht tun«, sagte eine Stimme hinter ihm. Skar zuckte zusammen. Die konzentrierte Erregung, die ihn ergriffen hatte, hielt an, als er sich langsam umdrehte, das Tschekal noch immer in der rechten Hand und ein wenig zu hoch, so als wolle er dem Ankömmling klarmachen, dass er auf alles gefasst war.

»Wieso nicht«, hatte er fragen wollen. Aber der Satz blieb ihm im Hals stecken. Denn es war nicht nur Kama, den er zweifelsfrei an der Stimme erkannt hatte und der sich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatte.

»Esanna«, stammelte Skar fassungslos.

Das Mädchen nickte müde. Ein tiefer, heftig blutender Riss zog sich von ihrer Stirn bis zu ihrem Kinn hinab und das Blut fiel in großen Tropfen auf ihr Gewand. Sie schien es noch nicht einmal zu bemerken. »Ich bin geflohen und habe mich dabei verirrt«, sagte sie knapp. »Kama hat mich gefunden.« Dann deutete sie auf die Nische hinter ihm. »Wer ist das?«

Skar zuckte zusammen, als hätte man ihn bei einer obszönen Handlung überrascht. »Das geht dich nichts an«, sagte er schroff.

Er erschrak über den Klang seiner eigenen Stimme. Sie war rau und kratzig, aber auch irgendwie böse und es war so viel Hass darin, dass Esanna unwillkürlich zusammenzuckte.

Er wollte ein Wort der Entschuldigung hinzufügen oder wenigstens eine Erklärung, eine Frage, wie es ihr ging, einen Hinweis, dass sie ihre Wunde im Gesicht versorgen musste - aber er brachte nichts heraus. Es schien ihm, als würde sich etwas in ihm splitternd durch seine Schädeldecke bohren und einen fürchterlichen Moment bebte in ihm wieder der gellende Schrei der Nahrak, die er hinab in die Tiefe gestoßen hatte.

Die ganze Zeit über starrte ihn Kama an, eine stumme Anklage, die noch durch die frische Platzwunde auf seinem Kopf verstärkt wurde, genau an der Stelle, an der ihn Skar mit der Breitseite seines Schwerts erwischt hatte.

Es war ihm unmöglich, dem Blick Kamas standzuhalten; er blieb so sehr eingekapselt in sich selbst, dass er nichts anderes zu fühlen imstande war als den Schmerz des Verlustes, den Kiinas Anblick in ihm ausgelöst hatte, und die alles durchdringende Krankheit, die seinen Körper durchfloss, vom Kopf hinab in seine Arme und Beine und Finger und Knochen und gespeist wurde durch das Übel und die Schuld, die er auf sich geladen hatte, und ihm blieb nichts anderes übrig, als in sich selbst zu verharren und immer mehr Teil seines eigenen Untergangs zu werden, der ihn immer stärker herabriss, in eilender Fahrt auf die tiefste Stelle des Schlunds zu, der ihn verschlingen würde, auf ewig ...

»Was ist mit dir los, Skar?«, fragte Esanna. »Was, bei allen Göttern, ist mit dir los?!?«

Da stand dieses schwache, aus einer klaffenden Gesichtswunde blutende Digger-Mädchen vor ihm, schwankend und so erschöpft, dass es sich kaum auf den Beinen halten konnte: Und dann fragte es ihn, was mit ihm los war? Das war grotesk.

»Wo sind Daral und Berat?«, fragte Kama. Seine Stimme klang kein bisschen vorwurfsvoll, sondern nur leicht besorgt, aber das war viel schlimmer, als wenn er Skar bitterste Vorwürfe entgegengeschrien hätte.

»Ich«, begann Skar heiser und kämpfte gegen das Gefühl an, das ihn erbarmungslos immer tiefer in sich hineinzuziehen versuchte und gleichzeitig seine Beine so kraftlos machte, dass er kaum noch stehen konnte, sondern hinabsinken wollte in die Tiefe ...

»Wo sind Daral und Berat?« Kamas Stimme klang jetzt so schneidend, dass Skar abgelenkt wurde von dem lockenden Sog, der ihn mit sich ziehen wollte, immer tiefer, tiefer und tiefer...

»Ich weiß nicht«, sagte Skar. Er hätte Kama die Wahrheit entgegenschreien können oder zumindest die halbe Wahrheit, ihm sagen können, sie seien abgestürzt - doch er brachte es nicht über sich. Die Lüge glitt ihm so leicht über die Lippen ... aber dann erkannte er in Kamas Augen, dass er ihm seine Worte nicht abnahm und Übelkeit hämmerte von innen an seine Schädeldecke.

»Sie seien doch mit dir mitgegangen«, beharrte Kama. »Wo also sind sie geblieben?«

Bei einer anderen Gelegenheit hätte sich Skar über seine Besorgnis gewundert angesichts der Tatsache, dass der Nahrak ohne Skrupel seinen schwer verletzten Männern die Kehlen durchgeschnitten hatte. Doch jetzt wand er sich nur innerlich vor Pein.

»Ich ... ich weiß es nicht.« Skar deutete mit einer krampfhaften Handbewegung in die Richtung dieses monströsen Lochs, in dem es krabbelte und wimmelte, und während er dorthin deutete, wurde er sich auch bereits bewusst, dass es ein Fehler war, dass er ein erbärmlicher Lügner war und er fragte sich, ob er es nicht dem letzten Rest seiner Selbstachtung schuldig war, Kama ganz einfach die Wahrheit zu sagen.

Doch statt Ich habe sie hinabgestoßen herauszuschreien, sagte er nur: »Sie waren da drüben. Ich ... ich habe mich ... um Kiina gekümmert... und dann... dann hörte ich auf einmal diesen Schrei.«

Es war eine erbärmliche Vorstellung und ein Blick in Kamas Augen genügte, um ihn erkennen zu lassen, dass der Nahrak ihm kein Wort glaubte.

»Etwas hat die Khtaám erweckt«, stellte Kama fest.

»Leben gegen Leben. Du hast ihr Leben gegeben, um dir ein bereits verdammtes Leben wieder zu nehmen.«

Skar starrte ihn mit offenem Mund und vollkommen entsetzt an. »Nein«, stieß er hervor. Er begriff nicht, was Kama meinte, nicht wirklich, und doch war da eine Ahnung tief in seinem Herzen, die zu unglaublich war, um sie wirklich fassen zu können. »Sie sind ... es war ein Unglück.«

»Ja«, sagte Kama. »Ein Unglück. Ein Unglück, bei dem du nachgeholfen hast.«

»Ich? Nein ...« Skar warf einen hilflosen Blick auf Esanna, aber das Mädchen schien vor Schreck wie gelähmt zu sein und immer noch tropfte Blut von ihrem Gesicht herab, benetze wie ein Leben verströmender Regen ihr sowieso schon eingerissenes und besudeltes Gewand. Statt von ihr Hilfe zu erwarten, hätte er ihr eigentlich beistehen müssen. »Du hast nachgeholfen, damit Khtaám das da formt«, sagte der Nahrak und deutete an Skar vorbei auf Kiina. »Und das da und das da und das da.« Sein Zeigefinger glitt anklagend von Nische zu Nische.

»Ich habe ... ich habe das nicht gewollt.«

»Ihr Satai nie wolltet etwas. Ihr immer nur töten.« Kama atmete tief durch. »Es reicht. Ich habe Hilfe gerufen. Wir müssen sehen, dass wir so lange leben, bis sie kommt.« Skar verstand immer weniger; wollte ihm Kama etwa drohen und von welcher Hilfe sprach er? Sein Inneres war ein einziges Wirrwarr widersprüchlichster Gefühle und Gedanken und in seinem Mund war der Geschmack bitterer Galle. Er spürte, wie sich ein unbestimmtes Wissen aus den Tiefen seiner Persönlichkeit zu seinem Bewusstsein hochdrängte, und er versuchte dieses Wissen zu ignorieren, aber es nagte unablässig an ihm, gleich einer in die Nebel der Vergangenheit gehüllten schmerzlichen Erinnerung.