»Das sein nicht einfach zu erklären«, wich der Nahrak aus. »Außerdem wir müssen jetzt gehen.«
»Einfach so?«, fragte Skar. »Ohne abzuwarten, was mit Kiina geschieht?«
»Besser, wir es nicht mehr kriegen mit«, sagte Kama. »Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte Skar. Er musste einfach wissen, was mit diesem lebenden und atmenden Etwas geschah, das wie seine Tochter aussah. »Ich kann doch jetzt nicht einfach so gehen, ohne zu wissen, was mit ihr geschieht.«
»Und was ist mit den anderen... den anderen, diesen Wesen, in den anderen Nischen?«, fragte Esanna.
»Was soll damit sein?«, fragte Skar.
»Sie sehen alle aus wie deine Tochter«, sagte Esanna. »Aber sie können doch nicht alle deine Tochter sein.« Es war ein Gedanke, dessen Konsequenz Skar bislang ausgewichen war. Er war zufällig an diese Nische getreten. Aber es konnte auch jede andere beliebige Nische die einzig wahre, die echte Kiina beherbergen - oder auch gar keine. Was nicht nur wesentlich wahrscheinlicher war, sondern, wenn er ehrlich war, auch die einzig wirklich denkbare Alternative.
»Wir müssen gehen«, beharrte Nahrak. »Die Zeit des Wachstums ist schon fast abgeschlossen.«
»Des was?«, fragte Esanna entsetzt.
»Es wächst«, sagte der Nahrak nervös. »Wenn es aufhört zu wachsen: Dann bum.«
»Dann will ich mir dieses Bum doch mal ansehen«, sagte Skar grimmig.
»Nein, nein«, stieß Kama hervor. »Auf keinen Fall. Wir gehen jetzt zum Treffpunkt. Bevor es passiert.«
»Das werden wir sehen«, sagte Skar gedankenverloren. Manchmal war es besser, Fakten zu schaffen, statt sich auf einen Streit einzulassen.
Doch dann glaubte er für einen winzigen Moment eine zielgerichtete Bewegung in dem Geflecht wahrzunehmen. Sein Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Irgendetwas bewegte sich dort, etwas Unfassbares und Lauerndes ...
Er schob sein Tschekal vor, direkt auf die schwarz verklumpten Fäden zu - und ließ die Klinge schnell und präzise vorschnellen.
2.7
»Nein!«, schrie der Nahrak und sprang in seinen Waffenarm. Die Bewegung kam so überraschend, dass Skar ganz automatisch reagierte. Er riss seinen Arm blitzschnell an sich heran und stieß ihn dann samt Kama mit aller Kraft von sich. Kama wurde abkatapultiert wie eine Heuschrecke, die die volle Energie in ihre Sprungbeine gelegt hatte. Er flog auf die Wand zu, sauste direkt auf eine der Kiina-Kreaturen zu, die wie alle anderen zu eigenständigem Leben zu erwachen schien, zog noch im Flug die Beine an und riss den Arm nach oben - und doch war seine Reaktion zu langsam. Er konnte nicht verhindern, dass er direkt ins schwarz zuckende Netz prallte und in das, was es einhüllte. Der Effekt hätte nicht gewaltiger sein können, wenn ein Staubdrache aus vollem Flug in eine Menschengruppe gestürzt wäre. Mit einem Knall, einem Bersten und Krachen wurde die Nische auseinander gesprengt, explodierte das Netz, spritzten dunkle Klumpen und Knotenstellen durch die Höhle, faserten Fäden auf, barst zerquetschte Gewebemasse auseinander. Gleichzeitig verschlang eine fürchterlich saugende Dunkelheit die ohnehin schon gedämpfte, weißgrüne Helligkeit, die zuvor von überall und nirgendwo gekommen war; eine Dunkelheit, die jeden Ton und jedes Licht zu verschlingen schien, je gewaltiger sich die Schockwelle der Explosion ausbreitete, sodass nach dem ersten Donnern eine fast gespenstische Stille einkehrte.
Skar sprang automatisch einen Schritt zurück, riss Esanna mit sich, in den zweifelhaften Schutz seines Tschekals, das er in Kampfhaltung vor sich hielt, absolut sicher, dass ein Angriff erfolgen würde, aber genauso ungewiss, aus welcher Richtung er erfolgen würde.
Er brauchte nicht lange zu warten. Es war nicht nur die Nische, in die der bedauernswerte Nahrak gestürzt war, die nun widernatürliches Leben ausspuckte, es waren alle Nischen. Mit abgehackten, bedrohlich wirkenden Bewegungen, die in der nun fast vollkommenen Dunkelheit mehr zu erahnen als zu sehen waren, brach eine Kiina nach der anderen aus ihrem Gefängnis hervor. Skar war nicht überrascht zu sehen, dass sie allesamt auf ihn und Esanna zuhielten.
Hektisch sah er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um - sofern das im verbliebenen Restlicht möglich war. Hinter ihm lockte der abgrundtiefe Schlund, als böte er einen Ausweg aus all diesem Wahnsinn, in den er gestolpert war, nachdem er auf so mysteriöse Weise halb tot an Land gespült worden war. Um dieses gigantische Loch herum führte ein relativ schmaler Streifen ins unbekannte Höhleninnere. Wie weit die Reihe der Nischen reichte, wusste er nicht; wenn er Pech hatte, zogen sie sich wie Wachposten komplett um den Schlund herum. Einziger einigermaßen sicherer Fluchtweg blieb der Tunnel zu seiner Rechten, durch den sie die Höhle betreten hatten.
Der Haken an der Sache war, dass er sich dann an den schwarzen Schatten vorbeikämpfen musste (hatte er tatsächlich noch vor wenigen Augenblicken nicht ausgeschlossen, dass eines dieser Monster seine Tochter sein konnte?), die ihn mit plumpen, aber zielstrebigen Bewegungen einzukesseln versuchten, wohl um jede Gelegenheit für einen Ausbruch schon im Ansatz zu ersticken.
So weit wollte es Skar nicht kommen lassen. Er hatte zwar keine Ahnung, von welcher Hilfe Kama gesprochen und wo dieser ominöse Treffpunkt sein sollte, aber er wusste plötzlich mit instinktiver Sicherheit, dass es nicht der Tunnel sein konnte. Ansonsten blieben nur noch zwei Möglichkeiten: links oder rechts am Schlund vorbei, egal, was sich ihnen entgegenstellen wollte.
»Lauf!«, schrie er Esanna zu und versetzte ihr einen Schubs, der sie nach hinten, auf den Schlund zustolpern ließ. Er selbst sprang im selben Moment und keine Sekunde zu früh los: Eines der Monster mit dem schwarzen Schattenriss Kiinas setzte ihm mit einem Fauchen nach und etwas, das wie eine groteske Mischung zwischen einem menschlichen Arm und der Klaue eines zu groß geratenen Käfers aussah, ratschte dicht an ihm vorbei.
Esannas Hand krallte sich schmerzhaft in Skars Arm und dicht nebeneinander hetzten sie weiter, nur weg von den Kreaturen. Es war zu dunkel, um mehr als ein paar Schritte weit sehen zu können und es war mehr als fraglich, ob er noch rechtzeitig den Rand des Abgrunds sehen würde, bevor sie in ihrem selbstmörderischen Tempo über ihn und in die nahezu unendliche Tiefe stürzen würden. Aber sie hatten keine andere Wahl. Die schwarzen Schatten hetzten von allen Seiten auf sie zu.
Es wurde in doppeltem Sinne ein Wettlauf mit dem Tod. Wenn sie zu langsam waren, würden sie eher früher als später ein Opfer der Monster werden, waren sie aber zu schnell, konnte das den Absturz in den sicheren Tod bedeuten. Obwohl Skar wusste, dass sie eine unbedachte Richtungsänderung in die unmittelbare Nähe des unermesslichen Lochs inmitten des Höhlenbodens bringen konnte, schlug er einen wilden Haken, als eine schwarz glänzende Kiina auf ihn zuzischelte. Sein ausgemergelter, überanstrengter Körper gehorchte ihm trotz der Strapazen der letzten Stunden und der vielen Verletzungen mit erstaunlicher Präzision, und war dennoch einen entscheidenden Sekundenbruchteil zu langsam.
Die Kreatur erwischte ihn an der Brust. Skar fühlte sich hochgehoben und zurückgeschleudert; mit wild rudernden Armen kämpfte er einen Moment um sein Gleichgewicht, da erwischte ihn ein zweiter Schlag und er ging endgültig zu Boden. Obwohl er im Fallen noch versuchte sich zur Seite zu drehen, schaffte er es nicht mehr ganz; er landete mit seinem vollen Gewicht auf Esanna und rammte sie damit geradezu in den Boden.
Dummerweise wurde nicht nur Esanna Opfer seines plumpen Sturzes, sondern auch sein rechter Arm; sein Handgelenk knickte ab und die Klinge seines Tschekals schrammte dicht an Esannas Oberschenkel vorbei auf den harten Boden. Wäre sein Schwert nicht aus spezialgehärtetem Sternenstahl, wäre es zweifellos bei dem Aufprall geborsten. Doch auch so nutzte ihm die Waffe nichts mehr; bevor er sich auch nur halb von Esanna und seinem Schwert gerollt hatte, war die Kreatur schon heran. Ein Schlangenschädel beugte sich über ihn, veränderte sich wie eine lebendig gewordene Halluzination eines Wahnsinnigen, halb Kiina und halb Monster, halb Mensch und halb unbegreiflich fließende Bewegung. Esanna stöhnte auf, gleichermaßen aus Benommenheit wie aus Panik, und Skar versuchte sich an einer Sprungtechnik, mit der es jeder halbwegs vernünftig ausgebildete Satai schaffen sollte, blitzschnell aus einer liegenden in eine stehende Position zu wechseln.