»Hier lang«, keuchte Kama, ohne sich umzusehen.
Skar hatte Mühe ihm zu folgen; der Nahrak gab ein unglaubliches Tempo vor und Skar war noch immer zu angeschlagen, um längere Zeit die geheimen Kraftreserven zu mobilisieren, über die jeder Mensch verfügte, die aber die wenigsten bewusst zu nutzen verstanden. Er hoffte nur, dass Kama wusste, was er tat, denn er selber hatte mittlerweile vollkommen die Orientierung verloren.
Die Kiina-Kreaturen schienen sie für den Moment abgehängt zu haben, doch es bestand kein Grund sich bereits in Sicherheit zu wähnen. Etwas Großes, Glitzerndes bewegte sich in dem verschwommenen Halbdunkel vor ihnen, ein heller, schleifender Laut war zu hören und plötzlich schien die Höhle selbst zu erwachen und sich mit tausendfach krabbelnden und wimmelnden Bewegungen über sie hermachen zu wollen. In Skar flammte die noch frische und schmerzende Erinnerung an die Höhle auf, die zusammengekracht war, nachdem die Wände selbst lebendig geworden waren und er fragte sich verzweifelt, ob denn dieser Wahnsinn nie ein Ende haben würde.
Im Moment zumindest nicht. Was oder wer auch immer ihre Angreifer koordinierte, schien sich jetzt wieder vollkommen auf sie eingeschossen zu haben. Noch waren es eher kleinere Wesen, die auf sie zuhielten, abscheuliche Gliedmaßen ausformten und Schlangenarme mit dünnen, nadelscharf auslaufenden Horndolchen nach ihnen ausstreckten. Es war ein Zittern und Beben in diesen Kreaturen, als seien sie dabei, sich zu sammeln, und ihre Angriffe wirkten eher zufällig und keineswegs so zielgerichtet wie die der Khtaám, die sie in der oberen Höhle überrascht hatten. Dennoch fiel es Skar bereits schwer, sich der vielfältigen Attacken der Nachtmahre zu erwehren, die mit ihren Stachel- und zackenbewehrten Auswüchsen und Gliedmaßen nach ihm hackten, wann immer er in ihre Nähe kam, und er ahnte, dass sie ihre Offensive nur deshalb nicht mit aller Entschlossenheit vorantrieben, weil sie sich ihrer Opfer absolut sicher wähnten.
Wie von einer unsichtbaren Hand nach vorne geschoben, wogte eine Flut undefinierbarer Kreaturen auf die Stelle zu, auf die sie gerade zuhielten, und Skar fragte sich besorgt, ob der Nahrak wirklich wusste, was er tat. Zu allem Überfluss blieb Kama auch noch in genau diesem Moment stehen. »Da ist er«, schrie er, während er sich zu Skar umdrehte, der ihn fast in vollem Lauf niedergerannt hätte. »Wir müssen nur noch kurz durchhalten.«
Das war leichter gesagt als getan - Skars Stiefel fegten in schneller Folge dutzende der hartnäckigen Angreifer weg, ohne dass der flutartige Angriff auch nur eine Sekunde abebbte - und außerdem hatte er überhaupt keine Ahnung, wen oder was Kama meinte. Aber dann begriff er es. Es war eine unglaubliche Szene. Ein dumpfes Grollen erklang vor ihnen, das aus der Tiefe des Berges zu kommen schien und einen fürchterlichen Augenblick lang fürchtete Skar, dass sich der Boden vor ihnen auftun würde, um hunderte der Khtaám-Larven auszuspucken. Doch dann erkannte er seinen Irrtum; das Grollen kam nicht von unten, sondern von oben. Etwas Monströses bewegte sich dort mit gigantischem Schwingenschlag auf sie zu, etwas, was Skar gleichzeitig vollkommen unbekannt vorkam und gleichermaßen vertraut erschien. Es konnte doch nicht sein ... Er kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen.
»Vorsicht!«, schrie Esanna, die sich eng um seinen Oberkörper gewunden hatte, bei Bewusstsein zwar, aber offensichtlich nicht willens, hinab in die krabbelnde Flut zu springen. Immerhin verfügte Skar durch sie über das zweite Augenpaar, das er sich schon so oft im Kampf gewünscht hatte - und gerade jetzt war das von unschätzbarem Vorteil. Er wirbelte herum. Nicht weit entfernt zeichneten sich die im Halbdunkel kaum erkennbaren Schemen der Kreaturen ab, die inzwischen kaum mehr Ähnlichkeiten mit einem Menschen hatten und ihn dennoch vor kurzem mit ihrer täuschend echten Imitation Kiinas genarrt hatten. Sie glitten langsam näher, fast lautlos, und als Skar über den Absatz einmal um seine eigene Achse glitt, erkannte er, dass sie einen nahezu perfekten Kreis bildeten, der sich rasch enger zog.
Es war eine Situation wie aus einem strategischen Lehrbuch. Wenn er noch eine Chance hatte, dann nur die eines sofortigen Ausbruchversuchs, in den er seine ganze Energie steckte.
Doch dazu kam es nicht mehr.
Ein greller Blitz schoss ihm entgegen, glitt so dicht über ihn hinweg, dass er die Feuersäule in seinem Rücken spüren konnte. Zwei, drei Monster hinter ihm verwandelten sich in grelle Fackeln; ihr schrilles Kreischen übertönte ein paar Herzschläge lang jedes andere Geräusch und hätte Skar einen Schauder über den Rücken gejagt, wenn er nicht immer noch gleichermaßen fasziniert wie kampfbereit dem Biest entgegengeblickt hätte, das dort auf sie herabschoss. Es war ein Anblick, der ihm in einer anderen Situation das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen. Aus der alles verschlingenden Dunkelheit schob sich der hellere Schatten eines Drachens hervor, absurd groß und mit einer solch gewaltigen Spannweite, dass er wohl in jeder anderen als dieser überdimensionierten Höhle nahezu manövrierunfähig gewesen wäre. Zuerst glaubte Skar eine Daktyle auf sich zufliegen zu sehen, auf der eine mit einer Scannerwaffe ausgerüstete Errish hockte. Aber er braucht nicht lange, um seinen Irrtum zu bemerken. Es war keine Daktyle und es war auch keine Reiterin auf dem fliegenden Ungeheuer zu sehen.
Für ein paar Sekunden schien die Zeit stehen zu bleiben. Skar hatte sich nur selten Gedanken um die Panzerechsen gemacht, die auf Enwor beheimatet waren, und lange Zeit hatte er geglaubt, die Drachen der mächtigen Errish wären die einzigen Geschöpfe dieser Art in den Grenzen seiner Welt. Später erst hatte er erfahren, dass es neben den Daktylen noch andere Echsen gab, nämlich die Tyrr, die als einfache Flugtiere Verwendung fanden, während die Daktylen eine tiefe Symbiose mit ihren Reiterinnen eingingen. Diese Drachen waren auf unverständliche Art und Weise mehr als nur Tiere gewesen, in tiefer Verbundenheit für ein Leben lang verschmolzen mit ihrer Reiterin, auf geradezu selbstvergessene Art an ihre Errish gebunden und doch gleichzeitig so stolz und unbeugsam wie kaum ein anderes Wesen auf Enwor. »Einen Drachen kannst du nicht beherrschen«, hatte ihm einst eine Errish erklärt, »du musst seine Freundschaft gewinnen oder er wird dich töten.«
Der Frarr, der auf ihn zugesaust kam, den er bislang lediglich auf einem Gemälde in Besh-Ikne gesehen hatte, ohne zu ahnen, dass es dieses abscheuliche Geschöpf wirklich gab, war nichts von alledem. Dieser hässliche, mörderische Drache hatte nichts mit den mächtigen Riesenechsen gemein, die vor langer Zeit den Errish gedient hatten, und er ähnelte auch nicht den Tyrr. Er war nicht stolz, sondern höchstens verschlagen, und das heimtückische Funkeln in seinen Augen versprach nicht Freundschaft, sondern Tod. Doch das alles war Skar im Augenblick egal. Es ging einzig und allein darum, hier rauszukommen. Möglicherweise bot dieser mörderische Koloss dazu eine einmalige Chance - denn wen sonst hätte Kama als Hilfe bezeichnen können? - und wenn der Frarr in diese Höhle hereingekommen war, würde er auch wieder herauskommen. Die Frage war nur, wie Esanna, Kama und er auf seinen Rücken kommen würden; ihre Angreifer schienen jedenfalls nicht willens das zuzulassen.
Bevor er irgendetwas unternehmen konnte, tat der Frarr das, was Skar befürchtet hatte: Er setzte zur Landung an. Seine mächtigen Schwingen wischten ein paar ihrer Angreifer zur Seite, die so unvorsichtig gewesen war, nicht rechtzeitig zur Seite zu springen. Wenn er weiter mit so mörderischer Geschwindigkeit auf den Boden zuhielt, würde er nicht nur die Khtaám erwischen, sondern auch sie selbst; allen voran Kama, der dem Drachen entgegensprang, irgendetwas in der Hand haltend, das ein schwaches, irisierendes Licht ausstrahlte.