Ungeachtet des Sturzflugs des Drachens explodierte der Bereich um sie herum plötzlich vor hektischer Aktivität und Angriffslust. Wenn Skar jemals begriffen hatte, dass es nicht viele Khtaám gab, sondern nur einen Khtaám mit vielen Erscheinungsformen, dann in diesem Moment. Das unbegreifliche Wesen hatte erfasst, was der Drache wollte, und es wehrte sich auf die ihm eigene Weise, indem es alles in die Schlacht schmiss, was ihm zur Verfügung stand.
Von einer Sekunde auf die andere fühlte sich Skar von dutzenden kleiner Monster bedrängt, die dem Alptraum eines unter einer Rattenphobie leidenden Menschen entsprungen zu sein schienen. Während aber auch die aggressivsten Ratten im Vergleich zu den Khtaám-Manifestationen wie harmlose Schoßtierchen wirkten, glichen diese mit Krallen, Stacheln, dornenbewehrten Sprungbeinen und winzigen, aber mörderischen Reißzähnen ausgestatteten Angreifer wahren Ausgeburten der Höhle.
Als sich die ersten dieser Viecher in seine nackten Beine verbeißen wollten, federte Skar mit einem Riesensatz nach oben, drehte sich einmal um die eigene Achse, erschlug mit dem Tschekal eines der kleinen Monster, das sich in seiner Wade verkrallt hatte, und kam dann zwei, drei Schritte hinter der Angriffsweile wieder auf dem Boden auf.
Es war sinnlos. Statt einer Flut kleinerer Monster sah er sich jetzt mehreren Kreaturen gegenüber, die die Nischen ausgespien hatten; mit Kiina hatten sie mittlerweile keine Ähnlichkeit mehr. Esanna, die sich nach wie vor an seinen Rücken klammerte, fing wild an zu strampeln und schrie irgendetwas, aber Skar konnte sich nicht um sie kümmern - obwohl er den Grund ihrer Panik ahnte; wahrscheinlich hatte auch sie eine Klette in Form einer wahren Scheußlichkeit von Khtaám an ihren Beinen hängen.
Als die beiden ersten Monster mit ihren vorgestreckten, krabbenähnlichen Klauen auf ihn zurasten, getrieben von ihren gewaltigen, dornenbewehrten Sprungbeinen, versuchte Skar nicht auszuweichen, sondern glitt stattdessen in den elastischen Falam-Stand, der es ihm ermöglichte, fast die gesamte Energie eines Angreifers aufzunehmen und auf ihn zurückzulenken. Der erste Klauenarm sauste auf ihn zu und Skar ließ ihn ohne Widerstand seine Bahn verfolgen. Er gestattete es ihm sogar, seinen Harnisch leicht zu touchieren, bevor er sich seitlich und rückwärts drehte und der Kreatur mit einem mit voller Wucht geführten Schlag seines Tschekals in den Rücken dazu verhalf, wie von einem Katapult fortgerissen in eine Gruppe seiner Artgenossen zu sausen. Diese von der lebenden Bombe getroffenen Monster, die rücklings versucht hatten Skar einzukreisen, purzelten nun wie ein Haufen überraschter Schulkinder durcheinander.
Skar blieb keine Zeit sich seines Erfolgs zu erfreuen. Der zweite Angreifer war im letzten Moment seinem Ausweichmanöver gefolgt und schien nicht bereit zu sein, auf die gleiche Finte wie sein Artgenosse hereinzufallen. Er bediente sich einer genauso brutalen wie einfachen Taktik: Er wollte Skar schlicht und einfach überrennen. So nah wie er heran war und dank seiner hohen Geschwindigkeit konnte das aus seiner Sicht eigentlich kein Problem sein. Doch Skar wäre nicht er selbst gewesen, wenn er es dabei belassen hätte.
Mit Esanna auf dem Rücken konnte er weder unter dem Angreifer durchtauchen noch ihn überspringen; für einen Seitwärtsschritt war es aber bereits zu spät. Also sprang Skar nach hinten, packte Esanna mit der linken Hand und riss sie wie eine Puppe hoch. Mit einer gewaltigen Bewegung schleuderte er sie genau in dem Moment der Kreatur entgegen, als sie auch schon heran war, riss den Kopf nach hinten, sodass sich sein Oberkörper durchbeugte, weg von den gefährlichen Scheren, und ließ sich nach unten plumpsen.
Ein untrainierter Mann wäre zweifelsohne mit dem Hinterkopf auf dem harten Felsen aufgeschlagen und hätte sich zudem den Rücken verstaucht. Skar dagegen verspürte nichts weiter als einen harten Ruck, dem er durch eine elastische Ausweichbewegung die vernichtende Wucht nahm. Dann war die Kreatur auch schon über ihm und die mit spitzen Widerhaken versehenen Beinsicheln der Kreatur schrammten an seiner Wange vorbei.
Hinter ihm raste der verdutzte Angreifer in seine Artgenossen, die sich gerade wieder aufgerappelt hatten, und riss sie erneut zu Boden. Auch Skar war nicht gerade glücklich dran: Esanna, die er hochgeschleudert hatte und deren Flugbahn durch eine unsanfte, wenn auch nicht allzu heftige Begegnung mit einer der Scheren des Angreifers abgelenkt worden war, sauste mit voller Wucht auf ihn hinab und rammte ihn in den Boden.
Skar wurde die Luft aus den Lungen gepresst und vor seinen Augen begannen graue Schatten zu treiben. Er versuchte sie wegzublinzeln, aber es wurde nur noch schlimmer. Die auf ihm liegende Esanna schien vor ihm zu verschwimmen und der ganze sichtbare Bereich der Höhle begann sich um ihn zu drehen, als würde er plötzlich nicht mehr den normalen Naturgesetzen gehorchen. Dumpfe Übelkeit stieg aus seinem Magen empor und seine Arme und Beine fühlten sich mit einem Mal taub und schwer an. Dabei durfte er sich gerade jetzt keine Schwäche leisten: Die nächste Welle der kleineren Khtaám-Monster wimmelte bereits heran und würde ihn und Esanna bei lebendigem Leib zerstückeln, wenn er nicht sofort etwas zu ihrer Rettung unternahm.
Doch dann passierte das, was er die ganze Zeit über gehofft hatte, ohne die geringste Chance zur Realisierung zu sehen: Ein anderer nahm ihm den Kampf gegen die Monster ab. Es war der mittlerweile gelandete Frarr, der sich auf seine ganz eigene Art in den Kampf mischte. Eine gigantische Feuerwalze schlug den schwarzen Nachtmahren entgegen und brannte sich in ihre Leiber ein. Die Luft war schlagartig erfüllt von einem unbeschreiblichen Gestank nach verbrannter Körpersubstanz und verschmorten Weichteilen, einer Ausdünstung des Todes, seltsam süßlich und herb zugleich, aber dabei so penetrant, dass sie jeden Atemzug zur Qual werden ließ. Das Verblüffendste aber war: Wie Feuerfackeln fingen selbst jene Kreaturen sofort an zu brennen, die die Flammen nicht voll getroffen, sondern nur gestreift hatten; so als hätte sie der Odem der Höhle entflammt. Die Dunkelheit wurde durchbrochen von diesen lebendigen Fackeln, ein zerrissenes, gespenstisches Licht, das sich in den Weiten der Höhle verlor, aber gleichzeitig mit erschreckender Deutlichkeit erkennen ließ, wie viele Monster der Khtaám aufgeboten hatte, um sie zu vernichten; so weit das Auge reichte, brandete die Woge der Kreaturen heran, unterschiedliche Formen und Gestalten, von denen sich einige überraschend schnell und andere erstaunlich langsam bewegten.
Ein leichter Schwenk des Drachenkopfes schob eine wabernde Feuerwand und gleißende Hitze genau in seine und Esannas Richtung und ließ Skar ganz schnell vergessen, wie schwach und übel er sich gerade noch gefühlt hatte; er hatte das Gefühl, bei lebendigem Leibe gegrillt zu werden und die tosende Hitze durchbrach den Schutzpanzer der ansonsten in diesem verdammten Höhlensystem herrschenden Kälte, um ihn innerhalb weniger Sekunden auszudörren.
Das war, endlich, das Signal für Esanna, sich so schnell wie möglich hochzustemmen - nein, schon eher hochzuschießen -, und damit war auch Skar endlich in der Lage sich aufzurappeln, wenn auch zuerst nur auf alle viere, und sich vor dem Flammenmeer zu retten, das sich jetzt bereits von selber ausbreitete, wütende Nahrung in den Nachtmähren fand, die ihm offensichtlich nicht den geringsten Widerstand entgegensetzen konnten. Es kroch, krabbelte und quirlte, nur weg, raus aus der Gefahrenzone; wie eine durchgehende Pferdeherde jagten die größeren Kreaturen über die kleineren Khtaám-Erscheinungen hinweg, offenbar getrieben von unendlicher Panik, nur weg, weg, weg vom Schauplatz des Entsetzens ...
Und damit auch von Skar, Esanna und dem Nahrak.