Der Frarr ließ seinen Schwanz sofort wieder zurückschnellen, zuckte danach aber mit der Schwanzspitze ähnlich wie eine gereizte Katze und stieß ein bedrohliches Grollen aus. Skar schüttelte einen Moment ungläubig den Kopf. Es war unglaublich, wie leicht der Drache mit dem Angreifer fertig geworden war. Doch dann fürchtete er einen Herzschlag lang, dass er sich nach der erfolgreichen Abwehr des Angreifers gegen die drei Menschen wenden würde, die sich erdreisteten auf seinem Rücken aus der Höhle fliehen zu wollen.
»Rauf jetzt«, schrie er Kama zu und versetzte dem kleinen Mann einen Stoß, der ihn nach vorne in Richtung der grünen Strickleiter taumeln ließ. »Verschwinden wir.« Der Nahrak ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit affenartiger Geschicklichkeit kletterte er die schmale, schwankende Leiter nach oben und sprang, ohne zu zögern, auf den Rücken des Frarr, der als Begrüßung ein drohendes Knurren ausstieß und mit einem fast wütenden Ruck seinen gewaltigen Schädel in Kamas Richtung wandte, als wollte er ihn mit einem Bissen verspeisen.
Skar kümmerte sich nicht darum. Wenn der Drache Schwierigkeiten machte oder sie sogar angriff, waren sie sowieso verloren; so wie er mit der unfassbaren Khtaám Mutation fertig geworden war, musste es für ihn kaum mehr als ein Lidzucken bedeuten, Skar und die beiden anderen auszulöschen. Jede verdammte Sekunde aber, die sie noch länger hier zubrachten, brachte sie der nächsten Attacke der Khtaám näher - und er ahnte, dass sie beim nächsten Mal noch weitaus erbarmungsloser ausfallen würde als bislang.
Er packte Esanna und zerrte sie mit sich, auf die schmale Strickleiter zu. Das Mädchen wehrte sich nicht. Ganz im Gegenteil, der letzte Angriff schien sie überzeugt zu haben und sie beeilte sich, als er sie förmlich auf die schwankenden Sprossen der Leiter warf, sich anzuklammern und mit schnellen Bewegungen nach oben zu ziehen.
Der Drache bewegte sich unruhig und einen Moment lang sah es aus, als wollte er sich auf drastische Weise von seiner Last befreien. Kama drehte sich zu Skar um und schrie irgendetwas Unverständliches; sein Gesicht war eine angstverzerrte Maske. Er fuchtelte mit dem leuchtenden Stab vor seinem Gesicht hin und her und Skar hatte den verrückten Eindruck, dass er versuchte mit diesem hektischen Gezappel den Drachen zu beruhigen; aber dann veränderte sich das Licht, das von dem Stab ausging, nahm einen rötlichen Schimmer an und Kama wurde schlagartig ruhiger - und der Drache auch. Sein gewaltiger Echsenfuß, den er schon ein Stück weit gelüftet hatte, glitt geradezu sanft wieder in seine Ausgangsstellung zurück und sein massiver, grün geschuppter Leib kam mit einem letzten Zittern zur Ruhe. Skar hatte keine Ahnung, wie lange diese Ruhepause währen würde. Und dennoch - er hatte noch etwas zu tun, bevor er Esanna folgen konnte. Mit raschen, von Panik getriebenen Schritten war er dort, wo das Tschekal niedergegangen war. Seine Stiefel quetschten ein paar verkohlte Überreste ausgebrannter Monster beiseite, dann bückte er sich rasch, um das Schwert aufzunehmen. Als seine Finger die Waffe berührten, wären sie fast wieder zurückgeschnellt: Der Sternenstahl war so heiß, als hätte er stundenlang in einem Schmiedefeuer gelegen. Skar wusste, dass der Schmelzpunkt dieses speziellen Materials so hoch lag, dass ihm mit normalem Feuer nicht beizukommen war. Trotzdem glaubte er geringfügige Verfärbungen auf dem Material zu erkennen.
Es war nicht der rechte Zeitpunkt, auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, was mit der Klinge geschehen sein könnte. Er packte sie mit spitzen Fingern und schob sie so schnell wie möglich in den Schwertgurt zurück, bevor er aufsprang und wieder zum Drachen eilte. Keinen Augenblick zu früh, denn irgendwo im Hintergrund der Höhle grummelte und zuckte es bereits wieder, so als würden sich die Khtaám auf den nächsten Angriff vorbereiten; ein Angriff, dessen war er sich sicher, den sie kaum überstehen konnten, wenn ihnen der Frarr nicht beistand. Mit fliegenden Bewegungen packte Skar die Strickleiter und zog sich nach oben.
Er kam nicht weit.
Der Drache - oder vielleicht auch Kama, der den Drachen lenkte - wartete nicht darauf, bis er es sich auf seinem Rücken bequem gemacht hatte. Skar hatte gerade mit zwei Zügen die halbe Strecke überwunden, als ein Zittern durch den mächtigen Körper lief und die Echse ihre ledrigen Flügel wie gewaltige Sensen in Bewegung setzte. Der Wind, den die gewaltigen Schwingen verursachten, packte mit zahllosen ungestümen Klauen zu und drohte Skar hinabzustoßen.
»Halt dich fest«, brüllte er Esanna zu, die sich zu ihm hinabgebeugt hatte, vielleicht, um ihm zu helfen, vielleicht aber auch, um im letzten Augenblick doch noch vom Rücken der Flugechse zu springen.
Dabei wusste er selber nicht, ob er sich noch lange würde halten können; das Beben des Drachens schüttelte ihn durch und eine ungestüme Seitwärtsbewegung fegte die leichte Strickleiter zur Seite, an die er sich verzweifelt klammerte. Wenn dieser verdammte Drache glaubte ihn abschüttelten zu können, hatte er sich getäuscht. Allerdings bestand die Gefahr, dass die dünnen, aus einem leichten geflochten Material bestehenden Sprossen bei den ruckhaften Bewegungen durchrissen und er dann nur noch an zwei brüchigen Seilen hing ...
Dann sah er einen entsetzlichen Sprühregen durch die Luft spritzen und hörte, wie sein eigenes, von Grauen und bersekerhaftem Zorn erfülltes Brüllen im Fauchen des Drachens unterging. Vor seinen Augen wirbelte alles mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durcheinander. Etwas traf ihn mit vernichtender Wucht am Hals, schleuderte ihn herum; er schlug mit dem Hinterkopf gegen den Drachen und es war, als wenn er versucht hätte mit dem Kopf eine Mauer einzuschlagen: Die Schuppen des Viechs waren massiver als sein eigener Brustharnisch.
Die Sprossen der Strickleiter hielten, aber der Schlag gegen seinen Kopf machte ihn so benommen, dass er Mühe hatte sich weiter an ihr festzuhalten. Zudem begann die Leiter wild hin und her zu schlagen und sich dann zu drehen, als der Drache in einem wilden Flugmanöver spiralförmig in Richtung Höhlendecke aufstieg. Voller Grauen erkannte er, dass der Abflug des Giganten nur zu berechtigt war: Von überall her schossen jetzt Khtaám auf die Flugechse zu; schwarze, handgroße Nachtmahre mit viel zu vielen Reißzähnen und ekelhaften, tentakelähnlichen Auswüchsen, Monster, die sie schon beim ersten Mal niedergemacht hätten, hätten ihnen nicht die Nahrak vollkommen überraschend beigestanden.
Skar fürchtete, dass sie selbst der Riesenechse gefährlich werden konnten. Doch offensichtlich war der Frarr ein überaus ungewöhnlicher Drache. Soweit Skar wusste, vermochte keiner seiner weitläufigen Artgenossen Feuer zu spucken. Und er kannte auch keine andere Flugechse, die trotz ihrer Masse so schnell und wendig war wie der Frarr. Ein paar Khtaám klatschen dennoch gegen seinen Bauch, aber er schüttelte sie ab, wie ein Hund ein paar lästige Flöhe loswerden würde.
Sein rasantes Flugmanöver, seine Kraft und seine blitzschnelle und konsequente Abwehr waren von Vorteil, um die ihnen nachjagenden Khtaám auf Distanz zu halten. Aber sie waren ein echter Nachteil für jemanden, der sich verzweifelt in die dünnen Seile einer Strickleiter klammerte, die nur als Notbehelf gedacht war, um auf den Rücken eines der gewaltigsten Wesens Enwors zu klettern. Skar ahnte, dass seine verkrampften Finger nicht mehr lange die Last seines Körpers tragen würden, zumal er bei jedem unerwarteten Flugmanöver erbarmungslos durchgeschüttelt wurde. Es musste etwas geschehen, was ihn aus dieser unangenehmen Lage befreite oder er würde früher oder später den Halt verlieren und in das stürzen, was die ganze Zeit über schon eine morbide Anziehungskraft auf ihn ausgeübt hatte.